von LarsB
Ganz schön schön
Warum beeindrucken uns Menschen die Korallenriffe nur so? Das viele Wasser sorgt doch für Umweltbedingungen, die für uns Lungentiere nicht dauerhaft zu ertragen sind. Blubb. Wahrscheinlich fasziniert uns die Farbenpracht, der Artenreichtum und die Zerbrechlichkeit dieser Habitate. Dann drängt es sich geradezu auf, ein Brettspiel in diesem Setting einfach wunderschön zu gestalten.
Und das ist bei „Riffwelten“ einfach hervorragend gelungen: Die bunt bedruckten Holzfische und Schneckenmuscheln, die vielfältigen Riffbewohnerplättchen, die farbenfrohen Korallen. Alles fügt sich ästhetisch auf dem persönlichen Riff-Spielbrett zusammen und versetzt uns ins Great Barrier Reef. Auch die Säckchen, aus denen man Fische und Plättchen zieht, sind wunderschön bedruckt. Die optische Präsenz des Spiels steht seinem Vorbild in keiner Weise nach.
Die Meeresbewohnerplättchen werden in verschließbare Trays einsortiert. Die klare Anleitung, an der ich nichts auszusetzen habe, erklärt jeden Protagonisten im Anhang, sodass das Thema Immersion auch aus dieser Richtung bespielt wird.
Eine Gräte habe ich dann aber doch im Material-Filet gefunden: Die Beschriftung der Riffbewohner (weiß auf hellem Hintergrund) ist so schlecht zu lesen, dass zum einen der punkterelevante Schnellcheck erschwert wird, ob ich einen Bewohner gleicher Art schon habe. Zum anderen wird das Einsortieren in die Trays am Ende der Partie nervig. Ja, meine Augen sind in die Jahre gekommen. Doch auch ich will mich nicht ärgern müssen.
Friedlicher Schönheitswettbewerb
Im Kern ist „Riffwelten“ ein Plättchenlegespiel. Hier werden gleich zwei zusätzliche Ebenen eingezogen: Die platzierten Korallen werten erst mit den richtigen Fischen in der Nachbarschaft. Erst mit gewerteten Korallen ziehen dann Riffbewohner wie der Buckelwal oder die Würfelqualle in unser Ökosystem ein. Die richtige Auswahl und Anordnung der Plättchen und Fische auf dem eigenen Rifftableau sind der Schlüssel zum Sieg.

Wir sind bei „Riffwelten“ sehr solitär unterwegs. Jeder puzzelt für sich. Das Riff der Mitspieler können wir dabei natürlich aus der Ferne im Blick haben. Aber normalerweise wählt man Fisch und Plättchen danach, was man selbst braucht. Der Gewinn von „Hate Drafting“ ist im Regelfall einfach nicht nachhaltig. „Riffwelten“ ist ein Spiel der vielen Möglichkeiten. Sackgassen gibt es quasi nicht. Selbst wenn eine Partie mal gar nicht gut starten will, weil sich zum Beispiel der dringend benötigte grüne Fisch, Verzeihung, der Harlekin-Feilenfisch nicht in die Auslage verirren mag, taucht sie irgendwann auf, die alte Harlekin-Feile. Und dann feile ich eben nachträglich mit der Kraft der Gar-nicht-Mies-Muschel an meiner Auslage. Die Muscheln lassen sich auch für das Auswechseln der Auslage oder die Aufhebung der Fisch-Plättchen-Bindung einsetzen. So kann man seinem Glück auf die Sprünge helfen und fühlt sich der Plättchen- und Fischauslage nicht ganz so ausgeliefert.
Grübler verfangen sich womöglich im Netz der vielen Möglichkeiten. Das Spiel lebt aus meiner Sicht von seiner Geschwindigkeit. Mit einer Denker-Spielgruppe droht „Riffwelten“ auf Grund zu laufen. Durch seine verzeihende Natur können verkopfte Mitspieler vom Spiel aber vielleicht zu schnelleren Entscheidungen gebracht werden.
How much is the Fish?!
In der Auslage liegen je ein Korallenplättchen und ein Riffbewohnerplättchen in direkter Nachbarschaft zu einem der Fische. Wähle ich einen Fisch, wähle ich auch ein zugeordnetes Korallen- oder ein Riffbewohnerplättchen.
Und hier beginnt das Optimierungspuzzle. Zu viele Korallen sind ineffizient, weil sie für Punkte einfach zu viele Fische benötigen. Ohne Korallen kommen aber keine Riffbewohner, weil diese auf von Fischlein bezogene Korallen stehen. Die räumliche Anordnung interessiert unsere Riffbewohner dabei genauso wie die farbliche Ausgestaltung der Nachbarschaft. Einige Riffbewohner interessieren sich für die Fische, andere für die Korallen, jedoch immer nur, wenn diese bereits Teil einer Korallen-Fisch-Symbiose sind.
Die Korallen sind einzugsfertig, wenn um sie herum die passenden Fische schwimmen. Und dann darf einer dieser Fische einziehen und eine Symbiose mit der Koralle bilden. Muschelbonus. Fertige mit Fischen bestückte Korallen lassen Meeresbewohner einziehen. Muschelbonus. Die Muschelboni lassen uns jedoch ein, zwei Fische umplatzieren. Wieder werden Korallen einzugsfertig umgedreht. Muschelbonus. Wieder ziehen womöglich neue Riffbewohner ein. Ihr ahnt es: Muschelbonus. Befriedigende Kombos warten hier auf die Rifferbauer. Durch den Einzug der Fische in die Korallen stehen dem Spieler sukzessive weniger Fische zur freien Disposition. Der Kombo-Move findet rechtzeitig sein natürliches Ende.
Damit ist das Puzzle beschrieben: Wo platziere ich die Riffbewohner? Welche Korallen platziere ich und wie richte ich sie aus? Schließlich will ich die Fische so platzieren, dass sie mich gleich mehrere Korallenplättchen abschließen lassen. Wie wähle ich das Verhältnis von Riffbewohnern zu Korallen für viele Punkte? Und wann setze ich meine Muscheln ein, um die Auslage zu manipulieren oder meine Fische für Kombos durch mein Riff zu schicken?
Die Antworten auf diese Fragen werden nicht nur durch die variable Zusammenstellung der Riffbewohner in jeder Partie neu zu beantworten sein. Auch die Zielkarten sorgen für immer neue Puzzle-Maximen. Die damit verbundene Abwechslung trägt, sodass wir hier nicht immer wieder in die gleichen Puzzle-Muster verfallen. Mein persönliches Highlight ist der „Erfolge-Modus“. 15 Szenarien, in denen Riffbewohner, Ökosystemkarten, Zusatzziele und Mindestpunktzahlen abgeschmeckt wurden, wollen entdeckt werden. Auch zehn Spielvarianten mit veränderten Regeln erwarten den Riff-Puzzle-Fan. So wird „Riffwelten“ wahrlich nicht so schnell langweilig. Herausragend!
Rosige Westcoast-Tiefsee-Erfahrung
„Riffwelten“ ist schnell erklärt und spielt sich dann entspannt und recht flüssig runter, ohne dass es allerdings trivial wird. Das Puzzle hat eine respektable Tiefe. Nur Bauch und kein Hirn funktioniert zwar schon irgendwie, aber es werden dann viele Punkte zum Sieg fehlen. Damit ist es für mich als Einstieg in die Plättchenlege-Spielewelt eine Ebene zu komplex. Als nächster Schritt ist es hingegen wunderbar.

Der Vergleich mit „Cascadia“ drängt sich förmlich auf. Das Bad-Comet-Team um C. W. Yeom hat sich sicherlich vom Spiel des Jahres 2022 stark inspirieren lassen: Habitate werden über das Plättchenlegen erschaffen und Tiere darauf platziert. Mittels Zapfen dort und Muscheln hier können wir die Auslage manipulieren. Auch die Kopplung von Tier und Plättchen bei der Auswahl kommt uns bekannt vor. Das schönere „Riffwelten“ bietet das etwas tiefgründigere Puzzle, erscheint aber im Großen und Ganzen verzeihender. „Riffwelten“ fühlt sich an vielen Stellen an wie eine Weiterentwicklung von „Cascadia“, ist zumindest aber eine Neuinterpretation. Das mag auch daran liegen, dass eine begünstigende Rosenberg-Strömung Puzzle-Wertungs-Elemente zum Beispiel aus „Nova Luna“ oder „Framework“ in die „Riffwelten“ hineingetragen hat.
Haie ohne Zähne
Zwar werden bei „Riffwelten“ auch der Hammerhai und der Weiße Hai zumindest potenziell heimisch in unserem Riff. Spieler, die bei Spielen gern Zähne zeigen, wird „Riffwelten“ aber zu brav sein. Es fehlt die Interaktion. Damit fehlt einigen Spielern auch das Emotionale. Die Fingernägel muss man sich nach einer Partie „Riffwelten“ jedenfalls trotzdem noch schneiden.
Aber „Riffwelten“ will die konfliktfreie Zone sein. Die Symbiose, die wachsende Schönheit auf dem eigenen Tableau ist Thema des Spiels. Es ist damit ein sehr schlüssiger spielerischer Zufluchtsort. „Das ist wirklich ein schönes Spiel“, meinte meine Frau und ich gebe ihr da vollkommen recht.
Fazit: „Riffwelten“ ist ein sehr hübsch gestaltetes Plättchenlegespiel, das Konflikte ausblendet und sich auf die Schönheit und Effizienz der eigenen Auslage fokussiert. Wer eine harmonische spielerische Auszeit sucht vom Wahnsinn auf dieser Welt und schon ein bisschen Plättchenlege-Erfahrung hat, ist bei „Riffwelten“ auch aufgrund der Abwechslung, der Vielschichtigkeit und der verzeihenden Natur des Spiels bestens aufgehoben.
Riffwelten
Brettspiel für 1 bis 4 Spieler ab 10 Jahren
C.W. Yeom
Strohmann Games 2026
EAN: 4262412340495
Sprache: Deutsch
Preis: 44,90 EUR
bei pegasus.de bestellen
bei amazon.de bestellen
