von LarsB und KaiM
Bereits im dritten Jahr in Folge hat das Estrel Convention Center die klimatisierten und schallgedämmten Räumlichkeiten für die „Berlin Con“ gestellt. Gerade die Spielefreifläche bleibt ein akustisches Phänomen. Brandet nicht gerade tosender Applaus durch die Halle, weil ein besonders geglückter Spielzug oder gar ein emotionaler Sieg an einem der vielen Tische errungen wurde, ist es erstaunlich angenehm, dort zu spielen. Die extreme Lautstärke anderer Großveranstaltungen gibt es im Estrel einfach nicht.
Ca. 14.000 qm Ausstellerfläche, über 100 ausstellende Verlage, rund 1.500 Titel in der von „Blick auf’s Brett e.V.“ extrem professionell organisierten Spieleausleihe und ein gigantischer Bring-&-Buy-Flohmarkt mit über 8.000 Spieleboxen: Die „Berlin Brettspiel Con“ entwickelt sich immer mehr zu einem beachtenswerten Player auf dem Markt der europäischen Brettspiel-Veranstaltungsen und hat sich inzwischen fest in den Top10 verankert. Es ist das wichtigste und vielseitigste sommerliche Brettspiel-Festival im deutschsprachigen Raum.
Wir kamen, sahen und spielten
Natürlich möchten wir unsere brettspielerischen Erfahrungen auf der „Berlin Con“ 2026 in gebotener Länge mit euch teilen. Um es verdaubarer zu machen, teilen wir den Spielereigen in zwei Teile.
Teil 1
Can’t Stop – Der Klassiker
Ja, ja! Es musste erst 2026 werden, dass ich einen der Brettspielklassiker auf den Tisch bekomme. „Can’t stop“ ist „Push your luck“ in seiner reinsten Form. Für ein Wettrennen auf 11 parallelen Strecken würfle ich, bis mich der Mut oder das Glück verlässt. Wahrscheinlichkeiten können so ein Arschloch sein. Das Besondere: Im Verlauf des Spiels eskaliert das Risiko. Ich muss schon früh riskieren, aber ich darf nicht überreißen.
Lars: Ein Ritt auf der Rasierklinge. Optisch ein Schwerverbrechen. Sollte jeder mal gespielt haben. Einfach. Gut.
Kai: Ich bin ein Fan. „Can’t Stop“ ist einer meine liebsten Absacker auf BGA und dort deutlich hübscher als die Version, die wir spielen mussten.
Was passiert, wenn ich dran lecke? (Moses Verlag)
Redaktionell hat mich das Spiel vom Hocker gehauen. Auf riesigen Karten stehen Antworten auf über zwanzig Fragen, die mir Hinweise geben, welcher Begriff zu erraten ist. Beispiel? „Wie könnte man es um die Ecke beschreiben?“ – „Es brachte fast so Kapitäne hervor wie die deutsche Nationalmannschaft“ – „Worauf reimt es sich?“ – „Bauchspeck“. Naaa? Der gesuchte Begriff ist „Star Trek“.
Lars: Wirklich witzige und kreative Hinweise und ein Haufen Karten mit unterschiedlichen Begriffen lassen einen einfach nicht aufhören. Ich fühlte mich blendend unterhalten.
Kai: Der Titel allein ist schon hitverdächtig und das Spiel selbst bleibt höchstens knapp dahinter. In der richtigen Runde mit gut aufgelegten Freunden oder auch Fremden, macht es einfach Laune. Wie häufig bei solchen Spielen: Gewinnen oder verlieren steht im Hintergrund, denn der Weg ist das Ziel.
Green Teams Wins (PD-Verlag)
Ein Partyspiel, das in etwas größeren Gruppen (wir waren zu sechst) besonderen Charme entwickelt. Ich soll auf die gerade gestellte Frage heimlich die Antwort geben, die die Mehrheit der Spielenden gibt. „Welchem Superhelden möchte man im wahren Leben begegnen?“ – „Superman, Spiderman oder Batman?“ Die Fragen haben in unserer Gruppe gut gezündet, sodass die Auflösung an einigen Stellen ein großes Hallo nach sich gezogen hat. Die Wertungen sind eigentlich ganz einfach, aber ein paar kleine, über den Tisch verteilte Wertungsübersichtskarten hätten aufkommende Fragen sicher gleich beantwortet.
Lars: Hat einfach Spaß gemacht und hat eine gute Länge.
Kai: Noch einfacher als „Was passiert, wenn ich daran lecke?“. Es geht nur darum, die Mitspielerinnen einzuschätzen. Hat in der Runde ebenfalls Spaß gebracht.
Arkana Rising (Mirakulus)
Interessanter Tableau-Builder mit starkem Drafting-Fokus. In größeren Gruppen heißt das aber auch, dass die Karten, die ich weitergebe, sicher nicht mehr erneut bei mir ankommen. Die Synergien, die man sich in der Auslage erschaffen kann, können sich hervorragend anfühlen. Ständig ist man im Zwiespalt: Soll ich meine Engine vergrößern oder die Maschine für Rohstoffe und Punkte nutzen? Timing ist hier so entscheidend wie das Wohlwollen des Drafting-Vorgängers. Allzu oft hört man jedoch „Diese Karte konnte ich dir einfach nicht überlassen.“
Lars: Materialtechnisch wurde für meinen Geschmack etwas zu viel gespart: einmal an Ressourcenmarkern und dann auch an Materialqualität. Das Spiel hätte etwas mehr Vertrauen verdient gehabt.
Kai: Zu sechst in der ersten Partie vielleicht nicht optimal besetzt und nach dem Ersteindruck vielleicht auch insgesamt besser zu viert. Es passiert jede Menge auf den Playerboards und man kann nur schwer im Blick behalten, was die anderen so treiben. Aber die Idee gefällt mir und die Umsetzung der Mechaniken ist auch gut gelungen. Gerne wieder.
Ziege an Bord (Asmodee)
Eins dieser Spiele, bei denen ich schnell Karten in eine gemeinsame Auslage (hier 3x3) lege und dann nach Mustern suche. Auf den Karten sind Ziegen auf vier unterschiedlichen Wassergefährten auf drei unterschiedlichen Hintergrundfarben zu sehen. Gleiche Farben oder gleiche Vehikel in einer Reihe lösen allgemeine Hektik aus. Nach dem Prinzip „Reise nach Jerusalem“ gibt es ein Schwimmringtoken weniger als Spieler. Bin ich ohne Schwimmring, muss ich alle Karten der auslösenden Reihe auf die Hand nehmen. Ich habe aber gewonnen, wenn ich alle meine Karten losgeworden bin. Funktioniert nur so mittelmäßig, weil sich jeder auf einen Schwimmringtoken einschießt. Damit lief es immer wieder auf ein Duell zwischen zwei Spielern hinaus.
Lars: Ja. Einer davon war ich. Und nein, ich habe das Spiel nicht gewonnen. Forgetable.
Kai: Meh …
Here to Slay (TeeTurtle)
Hier stehen die Regel zu 90 % auf den Spielkarten. Das Regelheft ist eigentlich eher ein Regelblättchen. Wir hauen uns gegenseitig das Leben schwer beim Besiegen von Monstern. Ausgespielte Helden unterschiedlicher Kolorierung unterstützen uns bei dem Unterfangen. Diese sind jedoch schnell Opfer der Karteneffekte unserer Gegner, sind doch die Siegesbedingungen „Drei Monster besiegen“ oder „Sechs Helden unterschiedlicher Farbe in der Auslage“. Wir aktivieren unsere Helden mit 2W6. Ohne Würfelglück wird es schwer. Unsere Partie hatte einen großen Swing am Schluss: einen nicht für möglich gehaltenen Sieg über das Ausspielen der richtigen Kartenkombination.
Lars: Das Spiel lebt von Geschwindigkeit und dem Spielen aus dem Bauch heraus – Trashtalk inklusive. Hat mir altem Eurogamer besser gefallen, als ich gedacht hätte.
Kai: „Hey, du da drüben! Du hast ja fast gewonnen, aber ich habe hier eine Karte, die dir alles kaputt macht. Und sie sieht auch total lustig aus. Schau mal.“ Diese Art Spiele sind nicht unbedingt meins, wobei mir dieser Vertreter besser gefallen hat als andere Vertreter.
A Fake Artist Goes to New York (Oink Games)
Die markentypisch klitzekleine Spielepackung, minimales Material und einfaches Prinzip: Alle malen nacheinander an einem Bild – aber bitte immer nur ein Strich. Nur einer aus der Gruppe weiß nicht, was hier eigentlich gemalt werden soll. Wird er sich verraten? Wird er das Bild erkennen?
Lars: Mehr ist es nicht, mehr verspricht das Spiel aber auch nicht.
Kai: Das Prinzip ist bekannt und hier auf ein Minimum heruntergebrochen. Schließlich passt auch gar nicht mehr in die Schachtel. Ich mag es gerne.
Quebec (Spielworxx)
Moment mal, das Spiel gab es doch schon einmal. Ja, und zwar 2011. „Es ist damals viel zu sehr unter dem Radar geblieben“, findet Verlagschef Uli Blennemann. Farblich neu gestaltet hat es einen modernen Brettspiel-Chique und lädt ein zur Erkundung seiner Mechanismen. Die interessante und überwiegend positive Interaktion, eine schöne Euro-Komplexität ohne Kompliziertheit und der spannende Wertungsmechanismus fallen auf. Die kaskadierende Wertung sorgt für Spannung bis zum letzten Zug einer Runde und verspricht die Möglichkeit auf große Comebacks. Wir hoffen, das Spiel bald in einer ausführlichen Rezension besprechen zu können.
Lars: „Quebec“ hat mich überrascht. Kein alter Schuh! Ich habe Lust auf mehr!
Kai: Eines der Highlights der Convention.
Trashpoker (Corax Games)
Poker ist in den letzten Jahren ein sehr beliebtes Thema und auch ich mag das Prinzip sehr gerne. Hier haben wir jedoch weniger ein Bluffspiel. Vielmehr ist „Trash Poker“ beinahe so etwas wie ein Tableau-Builder. Alle verfügen über ihr eigenes Deck aus den üblichen 52 Karten und versuchen, über mehrere Runden mit den besten Blättern möglichst viele Punkte zu ergattern. Dazu kombinieren wir Karten zu einem möglichst starken Blatt und legen weitere Karten in einen allgemeinen Pool. Wer das stärkste Blatt hat und die höchste Wertung erzielt, bekommt am meisten Punkte. Jene, die weniger Glück hatten, dürfen sich ihrerseits aber als erstes aus dem Pool bedienen und eine Karte in das eigene Deck aufnehmen. Dabei hat jede der klassischen Karten einen Sondereffekt, der entweder sofort ausgelöst wird oder später etwas bringt. Jede Runde werden dann Karten „getrasht“ und verstärken fortan die eigenen Kombos. Dann bringen schlechte Kombinationen auf einmal mehr Punkte oder es gibt einen Bonus auf gesammelte Fremdkarten.
Kai: Es braucht ein paar Runden, bis man drin ist, aber die Jagd nach der nächsten tollen Kombo hat uns Spaß gemacht. Ich freue mich darauf, mir das Ganze in der nächsten Zeit noch detaillierter ansehen zu dürfen.
Gestern wirst Du mich töten (Corax Games)
Die Neuheit von Corax Games erinnert mich an das 3D-Schach von „The Big Bang Theory“. Man sollte abstrakten Spielen und Gehirnduellen aufgeschlossen gegenüberstehen. Auf gleich drei 4x4 Felder großen Spielbrettern stehen sich anfangs jeweils eine Spielfigur gegenüber. Ziel ist es, alle Spielfiguren von gleich zwei dieser Bretter zur entfernen. Das gelingt etwa durch Schubsen gegen die Außenwände. Die Spielbretter symbolisieren jeweils die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft. Über Spielmaterial aus unterschiedlichen Boxen kommen unterschiedliche Spielmodi zum Tragen und sorgen für Abwechslung. Das Baum-Modul erlaubt mir zum Beispiel das Säen eines Samens in der Vergangenheit. In der Gegenwart entsteht dann ein Busch und in der Zukunft ein Baum – wenn Platz da ist. Letzteren könnte ich nutzen, um ihn zu fällen und Dein Zukunftsego zu eliminieren. Es sein denn, Du kommst mir zuvor … Und dann können wir auch noch in der Zeit reisen.
Lars: Sehr interessantes Konzept und viel Raum, um gut zu werden.
Turbo-Flitzpiepen 2000 (Asmodee)
Über eine Serie von vier Rennen schicken alle Spieler jeweils einen anderen Charakter über die Rennstrecke. Würfeln. Setzen. Fertig. Nicht ganz. Jeder Charakter hat eine ganz dezidierte Fähigkeit. Das Kartendrafting der Charaktere und die Auswahl für das jeweilige Rennen sind die wesentlichen Entscheidungspunkte. Welchen meiner Charaktere schicke ich gegen die meine Gegner ins Rennen? Mit welchen Fähigkeiten kann ich die Fähigkeiten meiner Wettstreiter am besten pulverisieren? Dann verfolgt man die teilweise skurrilen Rennverläufe, die einem der Würfel schenkt, wundert sich und freut sich scheckig.
Lars: Das beste stumpfe Roll-and-Move-Spiel, das ich kenne.
Kai: Das Rennen lebt von den lustigen Kombinationen der verschiedenen Fähigkeiten, die zustande kommen können. Und davon gibt es äußerst viele.












