von Alice
Der achtzehnjährige Archibald und sein sechzehnjähriger Bruder Zacharias sind Waisen, die wegen Regelverstößen aus ihrer Heimat rausgeworfen werden und von nun an in „Fort Apache“ leben sollen. Dies ist eine kleine, verarmte Siedlung, die an der Grenze zu den Reißern liegt. Dies sind affenartige Wesen, die erschreckend blutrünstig sind. Sie haben sich inzwischen wie eine Plage verbreitet und zwingen die Menschen dazu, in ihren Siedlungen zu bleiben, da es in der Natur zu gefährlich geworden ist. Diese Einschränkungen und ein ständiger Kampf gegen die Reißer führt immer mehr zu einem entbehrungsreichen Leben.
In „Fort Apache“ herrschen strenge Regeln, was Archibald überhaupt nicht zusagt, da er sich dadurch zu sehr in seiner Freiheit eingeschränkt fühlt. Denn trotz den düsteren Zeiten möchte er die schönen Dinge des Lebens genießen. So macht er sich bei den Leitern der Siedlung schnell unbeliebt und riskiert, verbannt zu werden, was bedeutet, den Reißern in der Wildnis ausgeliefert zu sein. Zacharias dagegen fügt sich gut in die Gemeinschaft ein, wird aber von den Leitern wegen des Verhaltens seines Bruders verurteilt.
Die Jugendlichen haben für Archibald dagegen Verständnis, da sie sich selbst mehr Freiheit wünschen. So kommt es immer häufiger zu Verstößen, die nach und nach eskalieren. Dazu gehören Diebstahl von Luxusgütern, aber auch überlebenswichtiger Materialien. Sie organisieren Mutproben: Kämpfe gegen Reißer, die im Lauf der Zeit für manche der Jugendlichen tödlich enden. Außerdem gibt es zahlreiche Liebeleien, die zu schweren Konflikten führen, denen die Jugendlichen kaum aus dem Weg gehen können, da sie auf engem Raum leben und die Siedlung nicht verlassen dürfen.
Bei den Taten der Jugendlichen handelt es sich jedoch nicht ausschließlich um aufmüpfiges, hormongetriebenes Verhalten, sondern sie kämpfen auch für eine gute Sache. Ein Leiter der Stadt nutzt seine Macht aus, was von den Erwachsenen geduldet wird, um die Versorgung mit Waffen und Lebensmitteln zu sichern. Als die Jugendlichen herausfinden, dass eine von ihnen sexuell ausgebeutet wird, wehren sie sich jedoch. Dies gerät so sehr außer Kontrolle, dass dieser Konflikt das Überleben der gesamten Siedlung gefährdet.
Das Setting ist postapokalyptisch, worauf jedoch nur oberflächlich eingegangen wird. Bis zum Schluss erfährt man nicht, was genau die Reißer sind und wie es so weit kommen sollte. Das Ambiente dient vor allem dazu, die Menschen in eine Extremsituation zu bringen. Der Schwerpunkt der Handlung liegt in den zwischenmenschlichen Beziehungen, die sich daraus ergeben – vor allem bei den Jugendlichen, aus deren Sicht der größte Teil der Geschichte spielt.
„Gung Ho“ zeigt auf, dass Menschlichkeit immer fraglicher wird, je mehr die eigene Existenz bedroht ist. Es gibt sowohl bei den Erwachsenen und Jugendlichen auffällig viele Straftaten von harmlosen Diebstählen und Schlägereien bis hin zur sexuellen Ausbeutung und Mord. Ein Großteil der Charaktere erscheint unsympathisch, was für den Leser einerseits frustrierend sein kann, andererseits durchaus so beabsichtigt ist und zeigt, wie gut die Charaktere getroffen wurden. Man gerät von einer emotional ergreifenden Situation in die nächste und kann sich nie sicher sein, ob sie ein gutes Ende nimmt. Böse Überraschungen und brutale Kämpfe prägen die Handlung und sorgen durchgehend für Spannung und zugleich eher einer drückenden Stimmung.
Eine Besonderheit sind die wundervollen Illustrationen. Der außergewöhnliche digitale Collagen-Stil verleiht der Reihen seine eigene Note. Hintergründe wie Wasser und Sonnenuntergänge haben häufig eine fotorealistische Optik, was einen interessanten Kontrast zu den Charakteren ergibt, welche wieder einen anderen Stil haben, der sich vor allem durch den Verzicht auf Umrisslinien auszeichnet. Die Farbgebung ist äußerst ansprechend, häufig farbenfroh aber nie zu bunt. Zahlreiche Schattierung und gelungene Farbübergänge ergeben ein harmonisches Gesamtbild. Bei Dunkelheit kommen Lichteffekte hervorragend zur Geltung, man fühlt sich regelrecht geblendet.
Die „Gung Ho Gesamtausgabe“ enthält alle fünf Bände dieser Reihe. Es ist schön, nun alle beisammen zu haben, und auch preislich ist das interessant. Mit 24 x 32 cm ist das Format so groß wie gewohnt – natürlich ist die Gesamtausgabe nun aber deutlich dicker und somit auch schwerer und dadurch etwas unhandlich. Gleichzeitig wirkt dieses gigantische Buch einfach beeindruckend, wenn es aufgeschlagen auf dem Tisch liegt.
Fazit: „Gung Ho“ zeigt auf, dass Menschlichkeit immer flüchtiger wird, je mehr die eigene Existenz bedroht ist, und wie ein Konflikt sich zu einer völligen Eskalation entwickeln kann. Eine durchgehend spannende Geschichte mit bösen Überraschungen, wundervoll illustriert.
Gung Ho Gesamtausgabe
Comic
Benjamin von Eckartsberg, Thomas von Kummant
Cross Cult 2026
ISBN: 978-3-98666-852-5
432 S., Hardcover, deutsch
Preis: 60,00 EUR
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