Berserk Master Edition 4

Kinder wie die Zeit vergeht! Ein gutes Jahr ist es nun schon her, dass sich Panini Manga dazu entschieden hat, die „Berserk“-Manga-Reihe neu aufzulegen. So langsam geht der freie Platz im eigenen Comic- und Manga-Regal aus. Selbst schuld, dass man sich für den Kauf dieser monumentalen Reihe entschieden hat, mag man da nur zurufen! Dieser vierte Band ist kein Leichtgewicht, was wortgleich für den gebotenen Inhalt und die vielen Zeichnungen gilt. Wie liest sich der vierte Band?

von Daniel Pabst

„Berserk Master Edition 4“ umfasst die Einzelbände elf bis zwölf und kommt auf 696 Seiten. Die Spannung aus dem Vorgängerband wird nahtlos fortgesetzt. Gleich zu Beginn steht diesmal die Romantik und Erotik im Vordergrund, denn auch diese darf bei einem Schwertkampf-Manga mit philosophischen Einschüben nicht zu kurz kommen, hat sich der Schöpfer und Vater von „Berserk“ wohl gedacht. Und so sehen die Leserinnen und Leser im ersten Panel zwei sich Liebende auf einer Blätterwiese im Wald liegen, während die Sonnenstrahlen durch die Baumkronen strahlen. Die entblößte Casca und der nackte Guts geben sich gegenseitig Komplimente und es scheint, als sei nun alles gut, und als ob das „Happy End“ nicht nur für die beiden unmittelbar bevorstünde.

Weit gefehlt! In einer kurzen Rückblende, in der Guts Casca von seiner einjährigen Auszeit erzählt, in der er zu sich selbst gefunden haben will, lesen wir bereits unheilverkündend: „Letztlich ist es alles, was ich habe. Ein Traum. Ist dieses Schwert etwa mein Traum?“ Guts ist nämlich unzertrennbar mit seinem todbringenden, unfassbar großen und langen Schwert verbunden, das so viele Körper durchbohrt hat und ihm im Gegenzug das Leben zu schenken vermag. Wo bleibt da noch ein Platz für ein friedvolles Leben, an der Seite (s)einer Frau, liebevollen Stunden und möglicherweise sogar dem ein oder anderen Kind? Kann ein Krieger, wie Guts einer ist, seine Bestimmung selbst definieren? Wie viel Entscheidungshoheit hat ein jeder und eine jede eigentlich über sein Leben und die zigtausend tagtäglichen Entscheidungen?

Da wären wir „in medias res“, also an dem Punkt angelangt, den die vierte „Berserk Master Edition“ grundlegend bespielt. In diesem Manga taucht wiederholend die Frage auf, ob Menschen das „Schicksal“ selbst in Händen halten, oder ob alles längst – durch eine allestreibende Kraft – vorherbestimmt ist? Beispielsweise sagt eine Weissagerin hier zu einer kleinen Fee: „Den Menschen geschieht so, weil ihnen so geschehen muss (…) ein Mensch vermag das ohnehin nicht und das gilt erst recht, wenn es die ganze Welt betrifft. Glück und Unglück sind nur menschliche Begriffe.“ Auch ein Schmied äußert gegenüber Guts, angesprochen auf die Frage, warum er eigentlich Schmied geworden sei: „Hat nix mit mögen zu tun. Ich hab schon geschmiedet, als ich noch nicht mal denken konnte. Später hatte ich nur eins im Sinn: als Schmied immer besser und besser zu werden und eh ich mich versah, war ich ein alter Mann. So einfach geht das!“ Lenkt also der innere Trieb nach Perfektion und die nicht enden wollende Arbeitswelt davon ab, eigene – glücksbringende – Entscheidungen zu treffen?

Neben all der Philosophiererei kommen in der „Berserk Master Edition 4“ selbstverständlich die Kämpfe und Schlachten nicht zu kurz. Guts kehrt Casca – und vielleicht auch Griffith zuliebe – zu den Falken zurück, wo er mit Kusshand wieder aufgenommen wird. Gemeinsam entwickeln sie den wagemutigen Plan, Griffith aus seiner Gefangenschaft in der Burg zu befreien. Hierfür verbünden sie sich ausgerechnet mit der Prinzessin, die sich in der einen entscheidenden, gemeinsamen Nacht, zum Unmut von Casca, Hals über Kopf in Griffith verliebte. Im Rahmen eines mehrseitigen Dialogs liest man dann auch gleich einen heftigen Streit zwischen den beiden Frauen, während Guts zu bedenken gibt: „Gut, dass wir es nicht eilig haben. Und das so kurz vor dem Ziel.“ Kann das gutgehen? Was, wenn der König von der Rettungsaktion erfährt? Wie sähe seine Rache aus? Bei der Befreiungsaktion dann kommt es wie es kommen muss: Köpfe, Arme, Beine, Körper und sogar Augen werden abgetrennt oder ausgestochen. Wären die Mangapanels nicht ganz klassisch in Schwarz-Weiß gehalten, würde die Farbe Rot den Lesenden geradezu in die Augen springen. Was ein furchtbares Gemetzel!

Für Zartbesaitete ist dieser Manga definitiv nicht gemacht. Nur gut, dass das alles fiktiv und künstlerisch vollkommen ausgedacht ist – also kein reales Geschehen zeigt (wobei es dafür ausreichend grausame historische Bezüge geben würde)! Gerade diese blutigen Seiten erzeugen einen gewissen (verbotenen) Reiz von „Berserk“. Hier gibt es keine Effekthascherei. Die Zeichnungen sind derart detailgetreu und präzise, dass man immer wieder den Kopf schüttelt, dass diese alle allein von einem Mann stammen sollen. Wie viele Stunden, Wochen und Monate hierfür draufgegangen sein müssen. Verrückt! Dass Guts bei all den Schlägen, die er abbekommt, nicht selbst draufgeht, verdankt er möglicherweise auch seinem, ihm vorauseilenden, Ruf, der „Hunderttöter“ zu sein. Oder liegt es am Ende einzig und allein daran, dass die Handlung ohne sein Zutun durchgehend determiniert ist und, wie man an anderer Stelle dieses Mangas zu lesen findet: „Alles so kommt, wie es kommen muss“? Wie aber passt das zu seiner Aussage: „Wieso merkt man es immer erst, wenn es verloren und vorbei ist?“

Wie man es auch dreht und wendet, die Zeit verfliegt beim Lesen dieser sehr intensiven 696 Seiten. Der Handlungsbogen ist weiterhin spannend und lädt mitunter zum Nachdenken ein. Griffith, Casca und Guts in ihrer ganz eigenen Art und Weise handeln, leiden und auch lieben zu sehen, fasziniert. Wer hier einmal Feuer und Flamme ist, der möchte immer weiterlesen. Der fünfte Band dieser hochwertigen und großformatigen, in Leder gebundenen „Master Edition“ wurde für den 17.03.2026 angekündigt, sodass es schon sehr bald weitergehen dürfte ... 

Fazit: Dieses Werk hat die Geschichte der Mangas neu definiert und man merkt beim Lesen jeder Seite, warum dies so ist. Gestochen scharfe Zeichnungen, spannende Wendungen, ein Hauch von Erotik und äußerst anspornende Fragen, die man selbst beantworten darf, werden hier in hoher Qualität geboten. Für Fans von „Berserk“ muss also sehr bald entweder ein neues Bücherregal her, oder es muss mal ein wenig ausgemistet werden im Rahmen des anstehenden Frühjahrsputzes. „Berserk“ gebührt ein ganz besonderer Platz im Regal, wenn man sich für hervorragende Mangas interessiert!

Berserk Master Edition 4
Comic
Kentaro Miura
Panini Manga 2026
ISBN: 978-3741-6440-16 
696 S., Hardcover, deutsch
Preis: 49,00 EUR

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