von Daniel Pabst
Diese „Berserk Master Edition“ versammelt dieses Mal nicht nur drei Bände (13 bis 15), sondern enthält auch eine Bonusgeschichte mit dem Titel „Prototyp“, bei der es sich um eine abgeschlossene Geschichte von Kentaro Miura handelt, welche im Jahre 1988 geschaffen wurde. Wer sich mit der Entstehungsgeschichte von „Berserk“ ein wenig auskennt, wird denken: „Moment mal, die Manga-Reihe begann dort erst ein Jahr später, im Jahre 1989?“. Alles richtig gedacht, aber hier handelt es sich ja auch um eine Urform von „Berserk“, die der Mangaka schrieb und zeichnete, als er in der Universität war. Die Gesichtszüge sind daher noch etwas rauer und ungeschliffen. Vom Grundton der Erzählweise sowie den auftretenden Charakteren her gibt es jedoch bereits viele Übereinstimmungen. Also nicht wundern, wenn nach circa 430 Seiten dieses Mangas eine andere Geschichte auftaucht. Ansonsten gibt es keine Abweichungen zu den Vorgängereditionen der „Berserk Master Edition“. Das Design, und vor allem das übergroße Format in schwarzem Ledereinband sind unverändert geblieben.
Der Mut von Guts scheint weiterhin ungebrochen. Noch immer stürzt er sich in waghalsige Kämpfe und verlässt den Schauplatz des Krieges als Sieger. Doch so langsam muss man sich ernsthafte Sorgen um ihn machen! Denn auch wenn er sich für die Außenwelt als unantastbar und unverwundbar gibt, so nehmen die inneren Kämpfe zu. Diese betäuben allmählich seine eigenen Gefühle und lassen ein schauriges Schlachtfeld im Innern zurück. Vor allem setzt ihm ein blutiges Ritual, welches bereits in der „Berserk Master Edition 4“ seinen Anfang genommen hatte und hier seinen „krönenden“ Abschluss finden soll, zu. Vier Dämonen erscheinen dort und nehmen Griffith in ihre Reihen auf. Griffith hat sich verändert und zeigt dies an seinem Verhalten gegenüber Casca. Dem kann selbst Guts nichts entgegensetzen, und so wird er Zeuge eines Verbrechens. Auch die Falken zerbrechen im Angesicht der übernatürlichen Mächte. Erneut verstärken die detaillierten, sehr lebendigen Schwarz-Weiß-Zeichnungen die Handlungen. Schmerzhaft nimmt man die Details mit den Augen auf – vor allem, was die Person Casca angeht, die mit ihrem Körper zum Spielball der Dämonen wird.
Als Guts das mitansehen muss, wirkt es für einen Moment so, als würde auch er der Verzweiflung erliegen und sich aufgeben. Doch Guts wäre nicht Guts, wenn er wie jeder andere Mensch denken und handeln würde. Statt sich dem Schicksal zu ergeben, hält er kurz inne, holt Luft, zieht sein übergroßes (Drachentöter-)Schwert und schlägt sich den Weg frei – vorbei an Kreaturen, die direkt aus der Hölle zu kommen scheinen. Mit unmenschlicher Wut im Bauch, entkommen er und Casca dem sicher geglaubten Tode. Hier geht ein großer Handlungsbogen (sogenannter „Arc“) zu Ende. Was darauf folgt, ist ungewiss. Nehmen wir uns also kurz mal Zeit, um – wie Guts – innezuhalten und zurückzublicken auf fünf übergroße „Berserk“-Manga-Bände, die ihresgleichen suchen.
Wer sich mit auf diese Reise begeben hat, oder noch hinzustoßen möchte, der blickt auf sage und schreibe beinahe 3.500 Seiten geballte Kunst! Faszinierend und gleichzeitig schockierend waren die bisher gelesenen Abenteuer aus der Feder von Kentaro Miura. Die gute Nachricht: Guts, Casca und Griffith leben noch. Die schlechte Nachricht: Viele andere mussten sterben, und die eben genannten Drei sind – bildlich gesprochen – innerlich ein Wrack, das immer tiefer auf den Meeresgrund hinabsinkt. Wer kann ihnen helfen? Wo finden sie Hoffnung in diesen dunklen Zeiten? Wie weitermachen? Immer wieder hat das Gelesene dazu eingeladen, sich selbst Gedanken zu machen, angeregt durch Sätze, wie „Dein Weg führt durch dunkle Nacht! Um dich den Wesen zu stellen, die in der Dunkelheit verborgen sind, musst auch du dich in die Dunkelheit begeben!“ Klingt fast so, wie das berühmt-berüchtigte Zitat von Friedrich Nietzsche: „Wer mit Ungeheuern kämpft, mag zusehn, dass er nicht dabei zum Ungeheuer wird. Und wenn du lange in einen Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in dich hinein.“ (Aus: „Jenseits von Gut und Böse“, Viertes Hauptstück, Sprüche und Zwischenspiele, Nr. 146, 1886.)
Neben alldem Philosophischen und Kämpferischen bietet die „Berserk Master Edition 5“ die Fortsetzung einer (zum Scheitern verurteilten?) Liebesgeschichte. Auch der Humor kommt durch die Figur der kleinen Fee namens „Puck“ nicht zu kurz, obgleich sie eher eine untergeordnete Rolle einnimmt. Die kindlich gezeichnete Fee trägt aber einen wesentlichen Anteil dazu bei, dass Guts Wunden schneller heilen als bei anderen. Denn ihr Feenstaub schließt offene Wunden, und so muss Puck das ein oder andere Mal fest geschüttelt werden, um genügend Staub abzusondern. Das gefällt der Fee nur bedingt und so sieht man zwischen furchteinflößenden Kämpfen fast skizzenhafte Zeichnungen einer kleinen Fee. Unfreiwillig komisch sind diese Zeichnungen, bei denen man absurderweise direkt grinsen muss. Puck nimmt sich aufgrund seiner besonderen Rolle auch mehr Freiheiten als andere heraus, etwa indem er die Handlungen von Guts mit schelmischen Kommentaren bewertet oder ihn neckt. Als sie es dann aber mit einem ganzen Schwarm an fremden, bösartigen Feen zu tun bekommen, über die gesagt wird, dass sie verzauberte Kinder wären, beginnt ein neuer Handlungsbogen, bei dem beide weiter aufeinander angewiesen sind. Man darf schon jetzt gespannt sein, wie dieses neue Abenteuer enden wird …
Fazit: Ein großes Abenteuer findet in diesem Band sein Ende. Die Fronten sind nun geklärt; die Freundschaft zwischen Guts und Griffith liegt in weiter Ferne. Jede und jeder hat mit seinen sichtbaren und auch unsichtbaren Wunden zu kämpfen, deren Heilung sehr unterschiedliche Tempi haben werden. Wie es zwischen Casca und Guts weitergehen wird, und ob jemals Frieden für sie einkehren wird, bleibt arg zu bezweifeln. Was nach diesem Band bleibt, ist ein Moment zum Durchatmen und zum „Sich glücklich schätzen“, dass man einen solch packenden, rasanten Manga in Form einer Neuauflage lesen durfte. Die Geschichte ist nicht auserzählt, oder um mit den Worten von Guts zu schließen: „Es drängt mich … voranzuschreiten!“
Berserk Master Edition 5
Comic
Kentaro Miura
Panini Manga 2026
ISBN: 978-3-7416-4800-7
700 S., Hardcover, deutsch
Preis: 49,00 EUR
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