von André Frenzer
Steven B. Fischer ist noch ein recht unbeschriebenes Blatt in der Gruppe der Black-Library-Autoren. Der hauptberufliche Assistenzarzt aus dem Nordwesten Amerikas hat mit „Hexenfänger“ sein Debüt vorgelegt; der hier zu besprechende „Kreuzzug der Gebrochenen“ ist sein zweiter Roman in der Welt des Tabletops.
Worum geht es nun? Kastellan Emeric, Anführer einer Kampfkompanie des Space-Marine-Ordens der Black Templars, jagt an Bord seines Schiffes, der „Kühnen Ehre“, an den Rändern des Cicatrix Maledictum durch die Leere. Er plant, sich gemeinsam mit anderen Schiffen dem Zweiten Doreanischen Kreuzzug anzuschließen, nachdem der erste in einer Katastrophe endete. Die Hauptflotte sammelt sich in der Nähe der geschichtsträchtigen Schreinwelt Tempestus, die von den blutgierigen Horden des Bluttgottes Khorne belagert wird, und will den Planeten ein für alle Mal vom Makel des Chaos befreien. Leider geht die „Kühne Ehre“ in einem schweren Warpsturm verloren und findet sich weitab vom geplanten Ziel im Realraum wieder. Als Emerics Leute schließlich Tempestus erreichen, müssen sie erschrocken feststellen, dass sie die einzigen Black Templar vor Ort sind. Also entscheidet sich der Kastellan, die zahllosen fanatischen Pilger, die sich dem Kreuzzug anschließen wollten, alleine nach Tempestus zu führen, um sich den Horden des Chaos zu stellen. Was folgt, ist die brutale Realität der Kriege des 41. Jahrtausends.
„Kreuzzug der Gebrochenen“ wird vornehmlich aus drei Perspektiven geschildert. Zunächst einmal dürfen wir in der Ego-Perspektive tief in die Gedankenwelt des an sich selbst und seinen Führungsqualitäten zweifelnden Kastellans Emeric eintauchen. Dieser nimmt mit seinen Überlegungen auch den Hauptteil der Handlung ein. Dann folgen wir Liesl, einer Assistentin des Chirurgus, welcher im Apothecarion der „Kühnen Ehre“ dafür zuständig ist, dem Apothecarius der Kampfkompanie zur Hand zu gehen. Und als dritten Protagonisten – und zugleich Antagonisten – wählt Fischer den Chaos-Marine Seelenreißer, welcher die Horden des Blutgottes auf Tempestus anführt. Die verschiedenen Perspektivwechsel sorgen für Spannung und zugleich dafür, dass man den verschiedenen Etappen der Handlung problemlos folgen kann.
Stärke und Manko des Romans zugleich ist allerdings die Wahl der Hauptfigur. Denn Kastellan Emeric ist weit entfernt davon, ein normaler Mensch zu sein. Immerhin ist er nicht nur ein übernatürlicher, genetisch verbesserter Krieger, sondern zugleich mit Jahrhunderten der Erfahrung gesegnet. Alle um ihn herum betrachten ihn und seine Waffenbrüder als unsterbliche Engel. So sind die Marines nicht nur kämpferisch den normalen Menschen meilenweit überlegen, sondern auch in ihrer Gedankenwelt den normalen Ängsten und Nöten der Menschen so weit entrückt, dass es schwerfällt, sich näher mit Emeric zu identifizieren. Während um ihn herum scharenweise die Zeloten und Kultisten in der Schlacht fallen, bleibt ihm und seinen Brüdern genügend Zeit, um über die eigenen Zweifel und die schlimmen Erinnerungen an vergangene Niederlagen zu philosophieren. Das ist zwar interessant zu lesen, macht aber wie gesagt die Identifikation mit Emeric schwer. Abhilfe schaffen könnte hier Liesls Perspektive, doch die kurzen Auftritte der jungen Ärztin dienen zumeist nur dazu, die Schwere des Konfliktes mehr zu verdeutlichen. Der interessanteste Charakter ist fast schon Seelenreißer, welcher seine Seele an einen Dämon verpfändet hat und mit diesem in ewigem Streit und Zwiegespräch gefangen ist.
„Kreuzzug der Gebrochenen“ bietet trotz der ungewohnten Perspektiven allen geneigten Lesen „typisches“ „Warhammer“-Feeling. Es ist ein Buch über epische Schlachten, heroische Taten und große Kanonen. Dabei ist nicht immer alles logisch: Warum Seelenreißer seinen Kreuzzug unnötig in die Länge zieht, um eine gigantische Dämonenmaschine zu bauen, welche dann wiederum von ungefähr fünf Space Marines noch vor dem großen Finale wieder zerstört werden kann, wirkt zumindest ein wenig unausgegoren. Doch die zahlreichen Schlachtbilder, welche wortgewaltig vorgetragen werden, trösten den daran interessierten Leser schnell darüber hinweg. Fischers Schreibstil ist ordentlich, wenn auch die deutsche Übersetzung das Wort „subvokalisieren“ für sich entdeckt hat. Damit ist eigentlich die „innere Stimme“ eines Lesers gemeint, die beim Lesen eines Textes diesen in Gedanken mitspricht, doch verwendet die Übersetzung diese Vokabel ständig als Synonym für „sprechen“. Das gibt leicht genervte Abzüge in der B-Note.
Fazit: „Kreuzzug der Gebrochenen“ ist ein etwas sperriger, aber spannender Roman. Die fehlende Identifikation mit dem Hauptcharakter dürften Freunde militärischer Science-Fiction-Action leicht verkraften und stattdessen die pure Zerstörungskraft des 41. Jahrtausends genießen.
Warhammer 40.000: Kreuzzug der Gebrochenen
Rollenspiel-Roman
Steven B. Fischer
Black Library 2025
ISBN: 978-1-836091-01-1
304 S., Softcover, deutsch
Preis: 18,00 EUR
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