Von der Natur des Menschen

Einen Manga über die „Natur des Menschen“ zu schreiben, gilt als gewagtes Unterfangen. Zu vielschichtig, komplex und unbeschreibbar sind doch die vielen Facetten des Menschen. Abseits der lauten Töne und des hektischen Alltags, hat sich der japanische Autor Ryuichiro Utsumi gemeinsam mit dem Zeichner Jiro Taniguchi zusammengesetzt und versucht, in acht Kurzgeschichten einen Einblick in die menschliche „Natur“ zu gewähren. Eine Leseempfehlung zum Frühlingsanfang?

von Daniel Pabst

Manchmal sind es diese leisen Geschichten, die einen unaufhaltsam mitreißen können. Sagt euch der Name des Zeichners Jiro Taniguchi etwas? Wenn man sich für Fantasy und alles, was damit zusammenhängt begeistert, ist das eher unwahrscheinlich. So ging es auch dem Autor dieser Rezension, bis er in einem städtischen Bücherschrank ein sehr schmales und kleines, einsam an ein anderes dickes Buch angelehntes Büchlein entdeckte. Auf dem Titelbild zu sehen vielerlei grünes Gestrüpp sowie ein mit den Händen in den Taschen dahinschlendernder Mann, der zur Seite blickt, und vor ihm ein Hund, der in die entgegengesetzte Richtung schaut. Das weckte das Interesse. Dazu kam der Titel: „Der spazierende Mann“, gefolgt vom Verlagsnamen Carlsen. Ohne viel nachzudenken, fand dieses Büchlein einen neuen Eigentümer …

Was aber hat diese Einleitung mit dem hier zu besprechenden Werk „Von der Natur des Menschen“ zu tun? Nun, es handelt sich ebenfalls um ein Werk des japanischen Zeichners Jiro Taniguchi, welcher im Jahre 1947 in Japan geboren wurde und mittlerweile im Jahre 2017 im Alter von 69 Jahren verstorben ist. Hier in Deutschland ist er einem kein Begriff. Das ist sehr schade, da er mit seiner Erzählform durchaus einen aktuellen Nerv trifft. Nicht nur ist Japan das aktuelle „To go“-Traum-Reiseziel vieler Menschen, auch die Kunstform der Mangas schlägt immer größere Wellen im Land. Und genau deswegen ist „Von der Natur des Menschen“ ein Blick wert – auch wenn er nicht unmittelbar in die Welt des Phantastischen fällt.

Um was geht es in diesem Manga? Wie bereits oben angedeutet, geht es in diesem Manga um die Frage, was unsere „Natur“ ist und uns alle auszeichnet. In acht Geschichten werden Einblicke in fiktive Lebensgeschichten geboten, die so oder ähnlich sich millionenfach weltweit tagtäglich abspielen und wohl auch in Zukunft abspielen werden. Immer geht es um Beziehungen von Menschen zu ihrer Umgebung, ihrem Umfeld und ihren Mitmenschen. Schon das Cover lässt darauf schließen, dass diese Begegnungen nicht immer leichtfallen. Nicht selten fehlen den Handelnden in „Von der Natur des Menschen“ die Worte. Schweigen als Stilmittel, hat man so auch im Manga „Der spazierende Mann“ gesehen. Da trifft der Spaziergänger an einer Stelle auf einen Angler, der ihm sagt, dass er hoffe, dass einer anbeiße, und im gleichen Atemzug ergänzt, dass es besser sei, wenn er nichts fange. Was soll unser Spaziergänger darauf antworten? Ein anderes Mal beobachtet der Mann einfach die Vögel am Himmel oder in den Baumkronen und erkennt für einen Moment, wie schön die Tiere und die Natur – abseits der Großstadt, des Trubels und des Arbeitsalltags – sind. Er verweilt im Augenblick.

Wenden wir uns nun aber wieder dem Manga „Von der Natur des Menschen“, welcher bei Carlsen Manga im Jahre 2026 auf Deutsch erschienen ist, zu. Die ersten neun Seiten wurden hier in bunt abgedruckt, bis langsam die Farbe „ausgeht“, was an die Stimmung der Personen angepasst wurde. Denn in der ersten Geschichte zieht ein älteres Ehepaar für den Ruhestand in ein neues Haus, das es wegen des schönen Gartens gekauft hat. Doch bei ihrer Ankunft, werden der Mann und die Frau stutzig, da die vielen Pflanzen nicht mehr da sind, und sie erfahren, dass die Voreigentümer sie ausgegraben haben. So beschließen sie, einen Gärtner kommen zu lassen, um Neues anzupflanzen. Einzig übrig ist noch ein großer Baum – eine japanische Zelkove. Als die Nachbarn die neuen Eigentümer aufsuchen und sie bitten, diesen Baum fällen zu lassen, da er zu viel „Dreck“ machen würde und die Blätter umherwirbeln würden, werden sie mit zwei Fragen konfrontiert, die man sich so nicht allzu oft stellt: „Haben Bäume eine Seele?“ und „Sind es nicht die Menschen gewesen, die das eigentliche Habitat der Bäume übernommen haben und dieses immer weiter verdrängen?“ Wie sich das Ehepaar entscheiden wird? Die letzte Sprechblase, die sich in der unten angegebenen Leseprobe nicht mehr befindet, stellt einen kleinen Hinweis für euch dar: „Also schön! Wenn die Nachbarn sich beschweren, dass ich ihnen Arbeit mache, dann werde ich ihnen das Säubern der Regenrinnen abnehmen!“ 

In einer anderen Geschichte über eine Rentnerin, die in ihrem Leben nie die eine große Liebe gefunden hat und sich nach dem frühen Tod ihres Ehemanns ganz der Erziehung der beiden Kinder und der Hausarbeit verschrieben hatte, blüht passend zur Jahreszeit wieder auf, als sie in einem öffentlichen Garten einen Mann trifft, der ihr zuhört und ihre Lebensgeschichte und aktuelle Ängste und Sorgen über die ihr verbleibende Zeit ernstnimmt. Nur vereinzelt äußert er sich zu dem Gehörten und sagt Sätze, wie: „Jeder Mensch hat das Recht, allein und in Freiheit zu leben.“ Aus dem Zuhören entwickelt sich ein tägliches Ritual, bis eines Tages der Platz neben ihr auf der Parkbank leerbleibt. Was ist mit dem Mann passiert? Warum hat er eigentlich nie etwas von sich erzählt? Wird sie ihn eines Tages wiedertreffen? Das Ende wird hier nicht verraten, da es gilt, diese Liebesgeschichte selbst herauszufinden und auf sich wirken zu lassen. Ist die Liebe jederzeit möglich? Muss man sich nur darauf einlassen? Diese ruhigen und auf wenige Seiten konzentrierten Geschichten nehmen einen behutsam an die Hand und führen die Lesenden langsam in die Betrachtung von ganz alltäglichen Situationen, die sich überall abspielen (könnten?), die jedoch neben all den Routinen und Terminen, schnell übersehen oder schlicht ignoriert werden. 

So auch eine dritte, hier angerissene, Kurzgeschichte aus dem Manga „Von der Natur des Menschen“, in der es um ein Geschwisterpaar geht, welche sich jahrelang aus den Augen verloren hat. Der eine lebt allein und aus Sicht des jüngeren Bruders vereinsamt in einer Pension. Der andere lebt bei seinem Sohn und dessen Frau mit den Enkelkindern und macht sich Sorgen um seinen älteren Bruder. Als er diesen besucht, ändert sich sein Blick auf seine verbleibende Lebenszeit. Denn sein Bruder strahlt vor Lebensfreude, arbeitet trotz seines Renteneintritts weiter als Dachdecker und genießt bei den Nachbarn einen guten Ruf, geht mit ihnen ins Sento (traditionelles japanisches Badehaus) und erfreut sich, wie zu alten Zeiten, an Sumo-Ringer-Kämpfen, die er im Fernsehen mit Leidenschaft betrachtet. Auf die Frage, was aus ihm werde, wenn er zunehmenden Alters zerbrechlich wird, sagt er kurz und knapp: „Und wenn schon! Soll ich mich deshalb zurückziehen und meinem Sohn zur Last fallen, obwohl ich mich noch fit fühle? Oder macht dir das etwa Spaß?“ Der jüngere Bruder begreift in dieser Sekunde, dass sich im Leben nicht alles planen lässt und dass es für das Glück nicht immer eine einfache Antwort gibt. Zu lesen ist daher im zugehörigen Textfeld: „Herr Sakamoto wusste nicht, was er sagen sollte.“  

Leseprobe

Fazit: Mal wieder hat es ein Werk geschafft, direkt ins Herz zu zielen und genau dort einzuschlagen. Jetzt, wo die Knospen wieder sprießen und die Natur sich in ihrer Pracht und Schönheit zeigt, wird man geradezu aufgefordert, rauszugehen. Wenn für eine Parkbank, Hängematte, Sonnenliege oder schlicht eine Decke auf einer schönen Blumenwiese noch Lesestoff gesucht wird, dann geht der eine oder die andere vielleicht an einen Bücherschrank, spaziert durch die Nachbarschaft und sucht eine Buchhandlung ihres oder seines Vertrauens auf oder lässt den Blick durchs Internet schweifen. Dass es dort immer wieder versteckte Perlen gibt, die aus den Tiefen herausgefischt werden wollen, ist gewiss. Fragt sich nur, ob man es zulässt, sich auf diese einzulassen und die Entdeckungsreise mitzugehen? Bei Werken wie „Von der Natur des Menschen“ oder „Der spazierende Mann“ von Jiro Taniguchi ist ein bleibendes Ereignis garantiert. Schön, diesen Zufallsfund gemacht zu haben! 

Von der Natur des Menschen
Manga
Jiro Taniguchi und Ryuichiro Utsumi 
Carlsen Manga 2026
ISBN: 978-3-551-80499-0
224 S., Softcover, deutsch
Preis: 18,00 EUR

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