von Daniel Pabst
„Daytripper“ ist ein Comic aus der Gedankenwelt und der Feder der Zwillinge Fábio Moon und Gabriel Bá, die in Brasilien geboren wurden und dort mit ihren Freunden und ihrer Familie bis heute leben. Zu ihnen findet sich in der nun erschienenen Deluxe Edition von Panini Comics die schöne Beschreibung: „Sie trinken ihren Kaffee gern schwarz, ohne Zucker, damit der Geschmack stark und haften bleibt. Sie glauben, dass Geschichten ebenso stark schmecken und ebenso haften bleiben sollten. Bei der Arbeit haben sie stets eine frische Tasse griffbereit, damit sie das nie vergessen.“ Selbstredend darf man beim Lesen dieses Comics auch ein anderes Heißgetränk, wie etwa eine gute, frisch aufgebrühte Tasse Tee bereitstehen haben. Wie auch immer man es man Liebsten hat, die Ankündigung, dass die Geschichte stark ist und haften bleibt, ist kein leeres Versprechen. Was aber macht sie so besonders und verzückend? Stimmt die Aussage im Comic, dass die Welt der Comics lange in zwei verschiedene Schulen aufgeteilt gewesen war: Fantasy und Realismus? Trifft die Ankündigung zu, dass der Superheld den Eskapismus verkörpert, der die Ablenkung – den Traum – bietet, und die andere Schule das Leben aufs Profane reduziert und den Traum mit Zynismus unterdrückt? Man muss es selbst erleben …
Auf insgesamt 272 Seiten erwartet die Leserinnen und Leser eine eindrucksvolle Manifestation dessen, was Bildgeschichten – und damit die sogenannte Neunte Kunst – erzeugen und bewirken können. Um im Anschluss an das Lesen mit seinen Gedanken nicht allein gelassen zu werden, befinden sich in der Deluxe Edition 25 Seiten Bonus-Material, auf denen sich Skizzen, Zeichnungen sowie Worte der beiden Künstler wiederfinden. So liest man dort einerseits zum Beispiel: „Jede Referenz, jedes Foto, jede Farbe und Figur, alles diente nur dem Zweck, Gefühle zu reproduzieren. Das Gefühl, am Leben zu sein, glücklich, einsam, ängstlich und verliebt“, und andererseits: „Wir wollten das Gefühl, dass das Leben in diesem Moment stattfindet, vor unser aller Augen, und dass wir es leben“. Bei all den Vorschusslorbeeren des Autors dieser Rezension sind diese beiden Zitate selbstredend keine leeren Worthülsen. Die Zeichnungen und die Worte zeigen tatsächlich das Leben und nehmen den Leser oder die Leserin mit auf eine Reise – die Lebensreise des Protagonisten Brás de Oliva Domingos: ein verhinderter Schriftsteller, der sich seinen Lebensunterhalt damit verdient, Nachrufe zu schreiben. Dabei fragt er sich zunehmend, ob es das gewesen sein soll, ob er sein Leben bereits gelebt hat, oder was da noch folgen könnte?
All das mag auf den ersten Blick nicht besonders innovativ oder spektakulär sein. Viele verbinden (teilweise durchaus zutreffend) mit Comics doch eher eine rasant erzählte Actiongeschichte, bei der die Fäuste und Schwerter nur so fliegen, Superhelden gegeneinander antreten, Superschurken vermöbelt werden und irgendwie immer das Gute siegt oder man am Ende mit einem fiesen Cliffhanger zum Kauf weiterer Werke der Reihe animiert wird. Wer das sucht, der ist bei „Daytripper“ – einem in sich geschlossenen Werk – an der falschen Stelle. Denn die Geschichte, die hier erzählt wird, beginnt bereits sehr gemächlich damit, dass wir einen irgendwie aufgeschreckt wirkenden Mann (den Protagonisten) betrachten und dazu die Worte lesen: „Jeden Tag sterben Menschen.“ Welche Erkenntnis hat ihn da getroffen? Brás de Oliva Domingos dient von Beginn an als Projektionsfläche von Fragen und Antworten über das Leben und was es bedeutet, ein Mensch zu sein. Denn seine Nachrufe würdigen die Leben vieler anderer Menschen, deren Geschichte sehr häufig abrupt endete und damit kein neues Kapitel mehr hinzukommen konnte. Er hat es sich zur ehrenhaften Aufgabe gemacht, die wichtigsten Dinge in seinen Nachrufen kurz und prägnant herauszukristallisieren und so die Leben der Verstorbenen mit der Öffentlichkeit zu teilen.
Und in dieser Fähigkeit ist er ziemlich gut! Mit Bedacht wählt er die richtigen Worte. Dennoch scheint er etwas zu vermissen. Da kann selbst der Zuspruch seines Chefs nicht weiterhelfen. Während er nämlich über all die unterschiedlichen Leben nachdenkt, spürt er eine gewisse Leere in sich. Seine Mutter vergisst seinen Geburtstag, sein Vater ist ein berühmter Schriftsteller, in dessen Schatten er sich seit jeher stehend sieht, und sein Liebesleben ist wenig erfrischend, da er und seine Frau seit langer Zeit leider nebeneinander vorbei leben. Von Liebe keine Spur. Wo also Halt finden, mit wem seine Gedanken, Erlebnisse und Ängste teilen? Einzig sein Hund namens „Dante“ und sein Freund „Jorge“ stehen ihm noch zur Seite. Wie weitermachen? Er denkt darüber nach, einfach alles hinzuwerfen und sein Glück als Schriftsteller zu suchen. Doch welche Geschichte kann er schon erzählen und wie soll er überleben, wenn keiner seine Geschichten lesen möchte? Warum etwas aufgeben, wenn es aus Sicht der Außenwelt so perfekt aussieht? Eine Entscheidung muss her!
Vorsicht! Ab hier gibt es ein paar Spoiler zur Handlung. Wer diese vermeiden möchte, sollte zum letzten Absatz vorspringen.
Die Entscheidung wird diesem verhinderten Schriftsteller schließlich schneller als er je gedacht hätte, abgenommen: Vor der Geburtstagsfeier seines Vaters, welche in einem extra für ihn reservierten, sehr imposanten Rathaus stattfinden soll, begibt sich Brás – einem inneren Impuls folgend – zur Abendstunde in eine kleine Bar direkt in der Nähe der Feier. Dort bestellt er ein Bier und ein Päckchen Zigaretten. Der Name der verlassenen Bar „Genaro“ verleitet ihn dazu, nach dem Ursprung zu fragen. Als er hierauf die Antwort erhält, dass es der Name des Vaters des Barkeepers sei, ist er verwundert. Warum benennt man eine Bar nicht nach seinem eigenen Namen? Warum erinnert man sich bewusst an einen Verstorbenen und möchte nichts „Eigenes“ erreichen? Noch ehe er klären kann, ob dies daran liegt, dass ein jeder sich seine Familie nicht aussuchen kann sowie ein jeder einen Vater hat, erscheint eine Person, die eine persönliche Rechnung mit dem Barkeeper zu klären hat. Eine Pistole wird gezogen, es wird auf den Kopf gezielt und es ertönt ein ohrenbetäubendes „BANG!“, welches durch ein blutrotes Comic-Panel hinterlegt wird. Aus. Vorbei. Der Barkeeper wurde ermordet! Und was geschieht mit Brás? Nun, da er Zeuge des grausamen Geschehens geworden ist, handelt der Täter ohne Umschweife und erschießt auch ihn. Ein zweites Mal sehen die Lesenden das Wort „BANG!“ – diesmal außerhalb der Bar. Zu lesen die Worte: „Brás de Oliva Domingos teilte mit seinem Vater, Benedito de Oliva Domingos, die Leidenschaft für das geschriebene Wort, und er wäre einmal ebenso verehrt worden, hätte er nicht bei einem Raubüberfall im Zentrum von Sao Paulo so plötzlich den Tod gefunden.“
So darf es doch nicht enden, oder? Im Alter von Shakespeare, mit erst 32 Jahren, verstirbt der Protagonist überraschend und auf so einsame Weise – für die Lesenden absolut unerwartet in dem Comic „Daytripper“. Dabei befinden wir uns erst auf der Seite 22! Vielleicht verdeutlichten dieser Aufbau und diese Pointe des Werks schon die Faszination, die es ausstrahlt. Ohne große Umschweife, kommt der Comic auf das Wesentliche zu sprechen. War es Zufall? War es vorherbestimmt oder einfach nur großes Pech? Kann ein Mensch zur falschen Zeit am richtigen oder gar falschen Ort sein? Gibt es ein falsches Leben im richtigen oder umgekehrt? Und vor allem: Was bleibt von einem jeden Menschen am Ende aller Tage? Möchte man, dass man sich an eine oder einen später noch erinnert, oder wäre es besser, wenn es so wäre, wie vor dem Tage, an dem man zum ersten Mal das Licht der Welt zu sehen bekommen durfte? Also man wie Staub wieder verschwindet und Platz für andere, neue (Leben) macht? Fragen über Fragen, die sich einem beim Lesen stellen (können). Wo nur bleiben die Antworten – und noch wichtiger: Wie geht es jetzt in „Daytripper“ eigentlich weiter, nachdem der Protagonist bereits nach wenigen Seiten das Zeitliche segnen musste?
Die Zwillinge Fábio Moon und Gabriel Bá verblüffen mit einem weiteren kongenialen Kniff. Das erste Kapitel mit der Überschrift „32“ ist nur eines in einer ganzen Reihe an Ausschnitten des Lebens von Brás. Hier kommt der Titel „Daytripper“ ins Spiel, welcher übersetzt so viel heißt wie: „(Tages-)Ausflügler“. Jedes Kapitel erzählt ein mögliches Leben und dessen Ende, kombiniert mit kurzen Traumsequenzen – was dem Philosophieren zunehmend Raum öffnet. In sage und schreibe weiteren neun Kapiteln (also hat „Daytripper“ insgesamt zehn Kapitel) bewegen wir uns mit Brás durch Höhen und Tiefen, erblicken Wunderbares, menschliche Tragödien, Liebesschwüre, Gefühlschaos, Verrat, Freundschaften, Glücksmomente, Verbundenheit sowie Tiefschläge, die (alle?) mit den Worten enden, dass Brás „starb“. Was vom Cover her so unscheinbar daherkam – wir sehen einen Mann mit aufgeschlagener Zeitung auf einer Parkbank sitzen, neben ihm ein hechelnder, glücklicher, Hund – entpuppt sich als ein philosophisches Werk voller Emotionen, das die Lesenden umhaut.
Da begreift man schließlich auch die lobenden Worte, die einem unmittelbar nach dem Aufschlagen dieser Hardcover-Version entgegenrufen wollten, welch einen einmaligen Comic man da vor sich hat. Ob man dem Comic Journal mit den Worten: „Eine Geschichte, die man nicht vergisst“ zustimmt oder sich so fühlt, wie die San Antonio Express-News/Geek Speak es beschrieb: „Ich könnte kaum glücklicher darüber sein, wie traurig es mich machte … Eine glaubwürdige, geerdete Feier des Lebens mit einem Hauch von magischem Realismus …“, am Ende wird jede und jeder eine eigene Definition dafür finden, wie bewegend „Daytripper“ geworden ist. Für die Zwillinge steht jedenfalls fest, dass bei Superhelden-Comics, mit denen sie in Brasilien – mangels Alternativen – insbesondere groß geworden sind, im Mittelpunkt immer eine „Figur“ steht und damit fest verknüpft eine „Marke“, die alles „über den Haufen“ werfen lässt, solange nur „mehr Spielzeug verkauft“ wird (Interview vom 18.10.2013, erschienen beim Tagesspiegel). Wie weit ihr Anspruch als Künstler geht, verdeutlicht das folgende Zitat (ebenfalls aus dem obigen Interview mit Markus Lippold): „Das ist alles unstet und hält nicht lange vor. Wir dagegen wollen Geschichten schreiben, die die Zeit überdauern, Jahrzehnte oder Jahrhunderte. Geschichten wie in den Büchern, die wir gelesen haben, von Shakespeare, Fernando Pessoa, Cervantes, Camoes oder Kafka, wie Gemälde von Goya, Rembrandt oder Monet. Diese Werke haben ihre Autoren überdauert und dienen als Zeugnis ihrer Zeit. Wir glauben, dass man dies auch mit Comics schaffen kann.“
Da uns allen nur eine begrenzte Zeit hier auf Erden zur Verfügung steht, könnte jeder Tag und damit jeder Ausflug schon der letzte gewesen sein. Wann also fährst du mal wieder weg? Wann entschließt du dich, einen Ausflug zu machen? Wann ist es Zeit für eine Auszeit, eine Pause, oder ein Treffen mit Freunden, der Familie, oder der Liebe fürs Leben? Für mich ist dieser Comic – vorsichtig ausgedrückt – einer der besten, wenn nicht sogar der beste Comic, den ich je gelesen habe.
Fazit: Hätte man das für möglich gehalten? Ein Comic, der von Panini Comics neu aufgelegt wurde und durch den plötzlich nichts mehr so erscheint, wie es zuvor einmal gewesen ist? Ein Comic, welcher zutiefst berührt, nachdenklich stimmt und gleichzeitig so positiv unser aller Leben zelebriert? Ein Comic, der bereits jetzt der Comic des Jahres 2026 ist und für manche sicher der beste Comic überhaupt sein wird. Wo Worte nicht mehr ausreichen, sollte eine außergewöhnliche Rezension enden.
Daytripper
Comic
Fábio Moon, Gabriel Bá
Panini Comics 2026
ISBN: 978-3-7416-4602-7
272 S., Hardcover, deutsch
Preis: 35,00 EUR
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