Trash Poker

Ein Hinterzimmer voller Zigarettenqualm. Oder doch eher das Büro oder Kinderzimmer mit einem Gamingsessel? „Balatro“ ist ein extrem erfolgreiches Indie-Computerspiel, bei dem man Karten auslegt, um im Pokerstil für seltene Hände viele Punkte zu bekommen und Kämpfe gegen die Blinds zu bestehen. Man bekommt Joker, um sein Deck zu verbessern und sich weiterzuentwickeln. Ein Blick auf die Box offenbart eine Menge Parallelen. Haben wir hier einfach eine Computerspielumsetzung?

von KaiM

Um es vorweg zu nehmen: Ich kann die Frage selbst nicht beantworten, tendiere aber dazu, das dieses Spiel doch eher vom Computerspiel inspiriert sein könnte, als es zu kopieren. Ich habe „Balatro“ nie gespielt, aber vielleicht sollte ich es mal ausprobieren.

Also zurück ins Hinterzimmer

Da sitzen wir also am Tisch, mit unseren imaginären Zigarettenstummeln im Mundwinkel (wo kann und will man denn irgendwo noch in Innenräumen rauchen?) und halten unsere Pokerblätter in der Hand. Wir starren uns in die Augen, wählen unseren Einsatz und dann wird endlich offenbart, wer das beste Blatt hat und … nicht den guten Teil vom Einsatz bekommt, sondern eher den Rest vom Schützenfest? Moment, da stimmt was nicht! Wir sollten also ganz vorne anfangen.

Denn hier ist so einiges anders als bei einem normalen Pokerspiel und, wenn man ehrlich ist, auch anders als bei so manchem anderen Brett- oder Kartenspiel. Zunächst der wichtigste Punkt: Jede der 2 bis 4 Personen, die im Normalfall mindestens 12 Jahre alt sein sollten, hat ein eigenes Pokerdeck. Um ein Pokerblatt zusammenzustellen, zieht man sich Karten von seinem Deck, dann darf man noch mal ein paar Karten austauschen und nachziehen und muss sich danach entscheiden. Fünf Karten bestimmen die Stärke des Blattes, die anderen beiden werden der Einsatz dieser Runde. 

Wer dann die beste Kombo hat (die sich fast nach den normalen Pokerregeln bestimmt), hat die Runde gewonnen und bekommt ordentlich Punkte. Je schlechter man abschneidet, desto weniger Punkte bekommt man, gegebenenfalls auch gar keine. Aber dann hat man als erster Zugriff auf den Einsatz der anderen Spieler und eine Auslage aus Jokern, die jede Runde zur Verfügung stehen und besonders toll sind, denn des Öfteren stehen dort zwei oder sogar drei Zahlen drauf und auch mehrere Kartenfarben können es sein. Daher kann es passieren, dass man mit einem Joker oder Karten aus dem Deck der anderen auch Fünflinge kreieren kann. Oder einen Drilling, der gleichzeitig ein Flush ist. 

Am Ende der Runde darf man dann auch noch Karten „trashen”, man legt sie also dauerhaft ab und verschlankt damit das eigene Deck. Somit werden die mächtigen Kombos je nach Strategie und aufgesammelter Karten immer wahrscheinlicher. Über acht Runden geht eine Partie und nach einer Endwertung gewinnt, wer die meisten Punkte eingesammelt hat.

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Es geht noch weiter

Hat man den Spielablauf bis zu diesem Punkt erklärt, herrscht normalerweise noch eine moderate Verwirrung. Es steigt die Hoffnung, dass sich schon alles klären wird, wenn man die erste Runde gespielt hat. Doch damit man wirklich sinnvoll mitspielen kann, muss man noch einiges mehr verstehen: Jede Karte (beziehungsweise jede Zahl / jedes Bild) hat eine eigene Bedeutung. Die niedrigen Karten zwei bis sechs sind insbesondere im Trash wertvoll und geben Punkte in der Endwertung. Die Karten sieben bis König haben Effekte, wenn man sie aus dem Einsatz nimmt und Asse möchte man gerne im Deck behalten, da sie dort am Ende ebenfalls Punkte bringen. 

Die Effekte sind dabei vielfältig und können in unterschiedlichen Situationen zum Tragen kommen. Das ist alles zu viel, um es hier zu beschreiben, aber ein sehr wichtiger Mechanismus muss noch erklärt werden, um die Dimensionen der Entscheidungen klar zu machen. Bei einigen Karten bekommt man nämlich sogenannte Upgrades. Das sind Karten aus dem eigenen Deck, die man verwendet, um dauerhaft besser zu werden. Einige Upgrades verbessern die Kombos in ihrer Wertigkeit. Mit einem verstärkten Pärchen ist man dann auf einmal deutlich stärker als mit einem Full House. Aber es gibt auch noch andere Upgrades, die es erleichtern, einen Flush zu produzieren, die Kartenauswahl verbessern oder es erlauben, mehr Karten zu trashen. 

Spätestens bei den ganzen Einzeleffekten steigt man in der Erstpartie aus. Also spielt man erst mal los und versucht in den ersten Runden, überhaupt dem Flow zu folgen. Man hat kaum eine Ahnung, was jetzt sinnvoll sein könnte und merkt eigentlich erst in der Endabrechnung, worauf man besser hätte achten müssen. Trotzdem bleiben noch jede Menge Fragen übrig, aber nach und nach kommt man dahinter, wie man das Spiel spielen muss. Es gibt jede Menge Möglichkeiten und Fragen, die sie damit auftun. Welches Upgrade ist gut? Sollte man immer das beste Blatt spielen, was man hinbekommt? Was legt man in den Einsatz? Trasht man um jeden Preis oder lässt man es lieber bleiben?

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Über was für ein Spiel reden wir eigentlich?

So nach und nach kommt man dahinter: Man hat hier einen Tableau-Builder und Deck-Debuilder (nicht, dass es das Wort geben würde, aber ihr wisst, was gemeint ist) vor sich auf dem Tisch. Man optimiert sich, das Kartendeck, die Upgrades und den Trash, um im richtigen Moment ordentlich Punkte abzusahnen. Nicht zu vergessen, wie wichtig es ist, auch mal eine Runde zu verlieren, weil man nur mit einem schlechten Blatt an die guten Joker herankommt, die dem Deck einen echten Schub geben können. 

Auch wenn die Pläne nicht immer aufgehen, bekommt man doch immer etwas, womit man etwas anfangen kann. Nur Dritter zu werden in einer Partie mit vier Spielenden ist wirklich schlecht, mit allen anderen Positionen kann man gut leben. Downtime gibt es so gut wie keine und meist ist es bis zum Schluss spannend, wer gewinnen wird. Ein außergewöhnliches Spiel mit viel Potenzial, denn einen wichtigen Punkt habe ich noch gar nicht erwähnt. Das gute Material wird von einem Deck Karten gekrönt, die man sich erst freischalten muss. Diese Spezialjoker werden nach und nach zu den normalen Jokern gemischt und nach jeder Partie schaltet man neue frei. Diese sehen dank ihrer Silberfolien-/Holoeffekte nicht nur genial aus, sie bringen auch noch Sondereffekte mit ins Spiel, die die eigene Strategie maßgeblich beeinflussen können. Je mehr in einer Partie enthalten sind, desto wilder wird es. Man tut also gut daran, sie nur mit erfahrenen Spielenden nach und nach mit hineinzunehmen. 

In Partie drei, wenn man genug Spezialjoker freigeschaltet hat, halte ich es für eine gute Idee, diese als Anfangsjoker zu verteilen, die eigentlich zufällig zugelost würden. Dann starten alle mit einem Sondereffekt, an dem sie die Strategie ausrichten können (auch, wenn die Regeln es nicht so vorsehen).

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Ein irres Spiel

„Trash Poker“ macht Spaß und gibt viele Aufgaben, die man bewältigen muss. Teils kommen die wildesten Kombos heraus und es kann sich wirklich super anfühlen, wenn das Deck und der Trash einfach funktionieren. Es kann allerdings auch passieren, dass gar nichts funktioniert und ein wenig Frust aufkommt. Wir hatten auch Partien, wo eine gut gespielte Strategie alle anderen bei Weitem in den Schatten gestellt hat. Ein Kochrezept kann es aber trotzdem nicht geben, da man sich jedem Spielverlauf anpassen muss. So eine Art Spiel hatte ich definitiv noch nie auf dem Tisch und die Gestaltung trägt ihr Übriges dazu bei, dass ich es jederzeit wieder spielen würde. 

Allerdings ist eine erfahrene Gruppe schon wichtig, da man Anfängern die Spezialjoker nicht zumuten kann und das Spiel mit den Basisjokern irgendwann seinen Reiz verliert. Obwohl wir alle eine Menge Spaß hatten, wurden dennoch einige Punkte bei uns kontrovers diskutiert. Zum Beispiel wurde die Erwartung, die man an ein Pokerspiel hat, nicht erfüllt. Es gibt kein Bluffen und Trash-Talk hilft auch nicht, selbst wenn der Spieltitel vielleicht etwas anderes sagt. Damit ist das Thema irgendwie verfehlt und kam nicht immer gut an, auch wenn ich persönlich ganz glücklich bin, nicht wieder irgendein Tier-Wald-Fantasy-Thema vorgesetzt bekommen zu haben. 

Zudem scheint man ja am Anfang an der Flut von Möglichkeiten zu ertrinken, aber man merkt relativ schnell, dass man gar keine Wahl hat. Um zu gewinnen, braucht man am Ende gute Hände. Für diese muss man sein Deck optimieren und um am Ende Punkte zu generieren, muss man bestimmte Karten in den Trash bringen. Vielleicht überlegt man noch bei der Reihenfolge, aber die Karten 2 bis 5 müssen im Trash landen, die 6en sind etwas knifflig, aber alle anderen Karten sollen eigentlich nicht dort hinein, außer zur Deckoptimierung. Bildkarten, die man anderen geklaut hat oder die von Jokern kommen, will man spätestens gegen Ende auch noch loswerden. Nur 7 bis 10 und Asse haben dort nichts verloren. Somit sind einige unserer Entscheidungen schon ziemlich festgelegt. 

Auch kann es mal passieren, dass einfach gar nichts zusammenläuft und man quasi unverschuldet kein Bein auf die Erde bekommt. Das kann frustrieren und dann muss man nach einer guten Stunde halt gleich noch eine Partie hinten dranhängen. Zu guter Letzt sind die komplizierten, etwas kleinteiligen Regeln auch etwas, mit dem man umgehen wollen muss. Das scheint dem Redaktionsteam selbst aufgefallen zu sein, denn es gibt noch einige Expertenregeln am Ende, die häufig vergessen wurden und deswegen optional sind. Für das Balancing ist es aber zum Beispiel sehr wichtig, dass man nicht den gesamten Einsatz trashen darf, sondern nur zwei Karten. Auch die Symbole haben bei uns jede Menge Fragezeichen produziert, denn sie sind nicht immer eindeutig und auch nicht immer konsistent verwendet. Ein paar kleine Fehler haben sich auch eingeschlichen und die Regeln sind nicht immer glücklich geschrieben. Das macht den Einstieg, gerade bei so vielen Regeldetails, natürlich schwierig. 

Fazit: Auch wenn es einige Kritikpunkte gibt: Was hier Frank Noack, der Verlagschef von Corax Games, und Rico Besteher hingelegt haben, fühlt sich neu und frisch an. Es überrascht mit ungewöhnlichen Mechanismen, ebenso ungewöhnlichem Gameplay und hochwertigen Komponenten zu einem sehr fairen Preis. Man darf gespannt sein, ob es in dieser Richtung noch weiter geht. 

Trash Poker
Kartenspiel für 1 bis 4 Personen ab 12 Jahren
Frank Noack, Rico Besteher
Corax Games 2026 
EAN 04255682706825 
Sprache: Deutsch 
Preis: ca. 34,99 EUR

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