Star Wars Unlock! – Das Escape Spiel

Ihr findet euch in einer imperialen Zelle wieder. Die Tür ist verschlossen und mit einem vierstelligen Code gesichert. In einer Ecke steht eine verschlossene Kiste, in einer anderen liegt ein Codezylinder und ein Datenpad, aber ohne Energie. In eine Wand ist eine Konsole eingelassen, ebenfalls außer Funktion. Flieht aus der Zelle. Ihr habt zehn Minuten Zeit. Und los!

von Bernd Perplies

So beginnt die Tutorial-Partie von „Star Wars Unlock! – Das Escape Spiel“ und was folgt, sind zehn hektische Minuten, in denen man Gegenstände kombiniert, Hinweise auf Karten sucht, ein Rätsel löst und schließlich – mit etwas Cleverness, Geschick und Glück – den richtigen Code eingibt, um den Imperialen zu entrinnen. Das klappt so gut und ist so eingängig, dass die 8-seitige Anleitung zum Spiel danach wirklich nur noch überflogen werden muss, um sicherzugehen, dass man keine Einzelheiten übersehen hat, bevor man sich in eins der drei „großen“ Abenteuer stürzt. Hierfür mal direkt ein dicker Daumen hoch. Eingängiger geht’s wirklich kaum.

Aber nochmal einen Schritt zurück. Was ist eigentlich ein „Escape-Spiel“? Den meisten von euch dürfte dieses Spielprinzip bereits bekannt sein. Aber für diejenigen, die nichts damit anfangen können, zwei Sätze der Erklärung. Das Ganze begann mit sogenannten „Escape Games“ auf dem Computer, dem Vernehmen nach war das 2004. Als Ableger von Point-and-Click-Adventure-Games saß man in einem Raum fest und musste binnen einer festgelegten Zeit Rätsel lösen, um am Ende dem Raum entkommen zu können. Dieses Konzept wurde rasch in die Wirklichkeit übertragen, in Form sogenannter „Live Escape Games“, die man mit Freunden in einem vorbereiteten Raum und unter Kontrolle eines Spielleiters erleben durfte. Ab 2013 explodierte das Freizeitvergnügen vor allem in Großstädten. Die Szenarien waren und sind dabei höchst unterschiedlich, vom mittelalterlichen Kerker bis zum Labor eines wahnsinnigen Wissenschaftlers.

Im nächsten Schritt machten sich Brettspielverlage das Konzept zu Eigen und entwickelten diverse Umsetzungen für den Wohnzimmertisch. Bekannt ist vor allem die „Exit“-Reihe (Kosmos, seit 2016), „Escape Room“ (Noris Spiele, seit 2016) und eben „Unlock“, das 2017 von Space Cowboys entwickelt wurde und auf Deutsch von Asmodee vertrieben wird. Der jüngste Spross dieser Reihe nun ist „Star Wars Unlock!“, ein Kartenspiel, das drei Fluchtszenarien von jeweils maximal einer Stunde Spieldauer mit dem vielleicht beliebtesten Science-Fiction-Setting der Welt verbindet.


    Das Spielmaterial verströmt „Star Wars“-Flair.

Als Spieleranzahl werden 1 bis 6 Spieler angegeben, wobei die Anzahl letztlich völlig egal ist, denn man arbeitet sich einfach durch einen Kartenstapel. Das geht allein genauso wie zu zweit oder zu dritt. Zu sechs oder gar mehr Leuten halte ich das Spielprinzip allerdings für nur noch schwer umsetzbar, weil man bei zu vielen „Mitdenkenden“ bloß Zeit verliert und es ohnehin knifflig wird, allen freie Sicht auf die ausliegenden Karten zu gewähren. Mit zwei Spielern macht das Spiel vermutlich am meisten Spaß.

Neben dem bereits erwähnten Tutorial, das aus zehn Karten besteht, sind drei Abenteuer mit jeweils 60 Karten in der Box enthalten: „Flucht von Hoth“, „Eine unerwartete Verzögerung“ und „Geheime Mission auf Jedha“. Die Schwierigkeit rangiert von leicht bis mittel. Ein schweres Abenteuer ist nicht dabei. Darüber hinaus finden sich noch das kurze Regelwerk, eine Umgebungskarte, die für das dritte Abenteuer gebraucht wird, sowie ein Lösungsheft mit Tipps für Ratlose in der hübsch aufgemachten Pappschachtel. (Das Lösungsheft hätte es nicht unbedingt gebraucht, weil die App bereits gute Hinweise auf Wunsch liefert, aber es ist ein netter Bonus.) Das Spielmaterial ist durch die Bank sehr hübsch, mit vielen stimmungsvollen Illustrationen, welche die Zeit der Rebellion gegen das Imperium lebendig werden lassen. Sehr erfreulich übrigens: Während des Spielverlaufs muss absolut nichts zerstört werden, das heißt, man kann das Spiel, wenn man die Szenarien geknackt hat (und kein so schlechtes Gedächtnis hat, dass man sie nach einem halben Jahr aufs Neue genießen kann), gut weiterverschenken oder verkaufen, da es eben noch voll intakt ist. Auch hierfür gebührt den Machern Lob.
 
Essenziell für das Spiel ist zudem die Begleit-App, die man kostenlos für Android, Apple und normale Windows-PCs herunterladen kann. Sie dient nicht nur als Timer, sondern gibt auf Wunsch auch Hinweise, steuert Mini-Spielchen, die auf einzelnen Karten ausgelöst werden können, und verteilt Strafpunkte bei Fehlern. Am Ende bekommt man zudem eine Auswertung, wie man sich geschlagen hat, und kann ein Ereignisprotokoll einsehen. Wer gern zusätzliche Stimmung am Spieltisch hat, lässt nebenbei die Musikuntermalung laufen, allerdings umfasste die „Star Wars“-Lizenz kurioserweise nicht die Musik von John Williams, sodass stattdessen die Orchestersuite „Die Planeten“ (1914-1916) des britischen Komponisten Gustav Holst läuft. Wenn man die Stücke nicht kennt, passt das erstaunlich gut, denn der Charakter der Musik ist späterer Filmmusik sehr ähnlich (und besonders John Williams’ klassischen Kompositionen). Kenner mögen sich dadurch allerdings ein wenig gestört fühlen. Wo „Star Wars“ draufsteht, sollte auch „Star Wars“ drin sein. Im Zweifelsfall also einfach die Musik abschalten und zur eigenen CD greifen.

Jede Partie läuft dabei gleich ab. Zunächst entscheidet man sich für ein Szenario. Dann wählt man drei von sechs Vorteilskarten, die verschiedene kleine Hilfestellungen bieten, und schaut sie sich an. Der Gedanke dahinter, dass jede Partie mit etwas anderen Erleichterungen startet, ist nett – allerdings spielt man jedes Szenario halt nur exakt einmal, das heißt drei der sechs Karten sind eigentlich überflüssig. Andererseits wären drei fixe Vorteilskarten auch doof gewesen, da hätte man die Rätsel, für die man eine Vorteilskarte gedruckt hat, auch gleich leichter gestalten können. So steht halt am Anfang einer Partie ein Zufallselement, dass für ein potenziell individuelles Spielerleben sorgt. (Wobei Profis die Karten ohnehin ignorieren, um den Schwierigkeitsgrad zu erhöhen.) Nach der Lektüre der Vorteilskarten wird die Startkarte mit dem Einleitungstext umgedreht, um den ersten Schauplatz zu bilden, die App wird gestartet und die Zeit läuft.


    Aufbau des Tutorials, das super dabei hilft, das Spielprinzip zu verstehen.

In 60 Minuten gilt es nun, sich durch den auf der Rückseite durchnummerierten Kartenstapel zu arbeiten, wobei die Zahlen (und Buchstaben), die zu den jeweils nächsten Karten führen, also den Plot vorantreiben, teilweise offen auf die aktuell ausliegenden Karten gedruckt sind, teilweise darauf gesucht werden wollen, oft genug aber in Rätseln und Minispielen – durchaus unter Einsatz der App – erraten werden müssen. Karten lassen sich natürlich auch kombinieren, etwa ein Codezylinder mit einer Tür; beide Kartenzahlen addiert ergeben dann die Folgekarte und führen die Handlung fort, bis man irgendwann das Ziel erreicht und den Kartenstapel – bis auf ein paar Nieten, also Fehlentscheidungen, die man natürlich nicht ziehen will – durchgespielt hat. Aber schauen wir uns mal die einzelnen Abenteuer an.

ACHTUNG: In den folgenden drei Absätzen werden Teile der Handlung der Szenarien gespoilert. Das spielt allerdings kaum eine Rolle, weil in der Regel sogar noch mehr Text allein auf den Startkarten der jeweiligen Szenarien geschrieben steht.

In „Flucht von Hoth“ befinden sich die Spieler in der Echo-Basis, einem der wichtigsten Stützpunkte der Rebellenallianz (man kennt ihn aus dem Film „Das Imperium schlägt zurück“). Die Basis liegt auf dem unwirtlichen Eisplaneten Hoth, auf dem es schon in Kürze sehr heiß zugehen wird. – Im Grunde erzählt das Szenario das erste Drittel des Films „Das Imperium schlägt zurück“ nach, aber durch die kreativen Rätsel und einen wirklich cleveren Einsatz der App macht es trotzdem großen Spaß, das Abenteuer nachzuvollziehen. Dabei wird man recht gradlinig durch die Handlung geführt, kann sich also kaum verzetteln.

„Eine unerwartete Verzögerung“ heißt das zweite Abenteuer. Als Schmuggler im Outer Rim sind die Spieler für Jabba den Hutten unterwegs, um wertvolle Ladung zu transportieren. Leider wurde ihr Schiff von einem imperialen Sternenzerstörer aufgebracht, und während die Spieler präventiv in Untersuchungshaft gesteckt werden, haben die Imperialen das Schiff konfisziert. Dass sie die verborgene Fracht finden, ist nur eine Frage der Zeit. Es gilt, möglichst schnell auszubrechen und mit dem Schiff zu entkommen. – Hier liegt ein wunderbares Escape-Szenario vor, das erneut kreativ die Möglichkeiten von Karten und App nutzt. Lediglich eine Stelle, die im Teamspiel eher knifflig wäre, funktioniert im Solo-Modus nicht und ist daher sofort überwunden. Etwas schwerer als das Hoth-Szenario.


    Gelbe Karten erwarten eine Code-Eingabe, grüne bieten Minispiele, rote und blaue sind kombinierbar.

Zu guter Letzt geht es auf „Geheime Mission auf Jedha“. Als imperiale Spione haben die Spieler den Auftrag bekommen, Jedha zu infiltrieren. Ein Shuttle der Zeta-Klasse ist irgendwo auf der Oberfläche abgestürzt. Es hatte wertvolle Kyberkristalle an Bord. Diese Fracht muss unbedingt geborgen werden, bevor der Rebellenabschaum um den Querulanten Saw Gerrera auftaucht (der im Kinofilm „Rogue One – A Star Wars Story“ seinen großen Leinwandmoment hatte). Das erweist sich als schwieriger als gedacht. – Das letzte Abenteuer ist sicher das, das einem die meisten Freiheiten erlaubt, spätestens, wenn die Landkarte der Wüste rund um die Heilige Stadt ins Spiel kommt. Das hat auch seine Nachteile, denn neugierige Spieler nutzen das, um per Code wild durcheinander Orte anzuschauen und so den roten Faden zu verlieren. Wir haben erst kurz vor Schluss gemerkt, dass wir in der Hektik etwa ganz vergessen hatten, den Piloten des abgestürzten Shuttles zu retten. Damit haben wir schwungvoll ein halbes Dutzend Karten übersprungen. Lösen ließ sich der Plot trotzdem. Man wundert sich nur am Ende über die zahlreichen Karten, die noch übrig sind. So gut das mit der Landkarte gemeint war, das hat nicht so ganz funktioniert.

Gerade an Szenario 1 und 3 sieht man, dass es die „Unlock!“-Reihe mit dem Wort „Escape Spiel“ nicht so genau nimmt. Eigentlich handelt es sich nur in Teilen um ein klassisches „Escape Game“. Vielmehr werden kleine, weitgehend analoge „Adventure Games“ durchgespielt, in denen zwar auch geknobelt und kombiniert werden muss, aber eben nicht primär, um einem einzelnen Schauplatz zu entkommen, sondern um die Handlung weiterzutreiben, die unter Zeitdruck abläuft. Diese freie Interpretation des ursprünglichen Spielgedankens ist aber meines Wissens in „Escape“-Brettspielen weit verbreitet, denn bei aller Kreativität wäre es wohl doch schnell langweilig, immer nur einer Zelle, einem Labor oder einem Militärcamp entkommen zu müssen. Keine Kritik also an dieser Stelle deswegen.

Fazit: Ein superschneller Einstieg, qualitatives Spielmaterial, kreative Rätsel, eine tolle App-Integration, kein Zwang zur Zerstörung von Spielmaterial und drei abwechslungsreiche Szenarien mit toller „Star Wars“-Atmosphäre machen „Star Wars Unlock!“ sowohl für „Escape Spiel“-Freunde als auch „Star Wars“-Fans zur absolut empfehlenswerten Investition. Vor allem Einsteiger in die Materie dürften ihren Spaß haben. Für „Escape“-Veteranen – für uns war es das erste Spiel, darum kann ich hier nur spekulieren – ist die Herausforderung vermutlich etwas zu gering.

Star Wars Unlock! – Das Escape Spiel
Kartenspiel mit App für 1 bis 6 Spieler ab 10 Jahren
Space Cowboys, Jay Little
Asmodee 2020
EAN: 3558380082170
Sprache: Deutsch
Preis: EUR 36,99

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