Splittermond: Nacht über Herathis

„Splittermond“ ist aus der deutschen Rollenspiellandschaft kaum mehr wegzudenken. Kein Wunder, dass die Spielwelt Lorakis in den vergangenen Jahren sehr ausführlich beschrieben wurde. Die „Splittermond“-Romane wollen Details vertiefen und spannende Geschichten erzählen – wie gut gelingt das dem ersten Band der Reihe?

von André Frenzer

Autor Anton Weste, Jahrgang 1979, bringt der gemeine Rollenspieler wahrscheinlich eher mit Rollenspielpublikationen in Verbindung. Für „Das Schwarze Auge“ hat er an diversen Abenteuerbänden aber auch Regel- und Quellentexten gearbeitet, versuchte sich aber auch immer wieder bei Gelegenheit als Kurzgeschichtenschreiber. „Nacht über Herathis“, angesiedelt in der Welt des Rollenspiels „Splittermond“, ist sein Roman-Debüt. Werfen wir einen Blick auf den Inhalt.

Dorn und Pitt sind nicht nur Meuchler. Sie gehören zu den Besten ihres Fachs. Als sie allerdings von einem Auftrag in ihre Heimatstadt Herathis zurückkehren müssen sie feststellen, dass sich hier einiges verändert hat. Der Anführer ihrer Gilde, die Meuchlergilde der „Langen Messer“, ist plötzlich ein anderer. Die Anzahl von Morden, welche die Handschrift der Gilde tragen, nimmt in der Stadt stetig zu. Und zu allem Überfluss häufen sich magische Phänomene, welche das fragile Gleichgewicht zwischen außerweltlichen Feen und den Sterblichen von Herathis stören könnten. Was hat die nahende Magistratswahl mit all diesen Ereignissen zu tun? Und wie werden sich Dorn und Pitt in dem aufziehenden Sturm positionieren?

Die beiden Protagonisten des Bandes, Dorn und Pitt, sind zwar per se als Meuchler Schurken erster Couleur; allerdings sind sie von Anfang an als sympathisches Duo mit einem Hang zur Ehrhaftigkeit angelegt. Das macht es dem Leser ungleich leichter, sich mit den beiden als Hauptfiguren zu identifizieren. Zudem hilft es dabei, der Handlung eine gewisse Glaubwürdigkeit zu verleihen. Nachdem es Weste also gelungen ist, alle Fährnisse mit der ungewöhnlichen Berufswahl seiner Helden zu umschiffen, kann er sich voll und ganz auf eine intrigen- und wendungsreiche Handlung konzentrieren. Diese hält – für einen Roman voller Meuchler sicherlich passend – die eine oder andere unerwartete Überraschung parat. Zugegeben, nicht alle diese Wendungen hätte es gebraucht und auch nicht jede kommt wirklich überraschend. Dennoch gelingt es Weste, den einen oder anderen „Aha“-Effekt zu inszenieren und darüber hinaus mit einem gekonnten Spannungsbogen zu unterhalten.

Dabei bleibt die Handlung – und zugegebenermaßen auch viele der vorkommenden Charaktere – gewissen Genre-Mustern treu, sodass sich erfahrene Fantasy-Leser rasch zurechtfinden. Da damit aber auch einige Ecken und Kanten fehlen, die wirklich erstaunen könnten, geht die Identifikation mit den Figuren nie wirklich weit. Das ist schade, denn für das gewählte Setting Herathis gilt das in keinster Weise. Die Stadt ist hoch interessant und bietet neben den gängigen Klischees einige Überraschungen – wie zum Beispiel den im Berg Herathion angesiedelten Feenmarkt, auf dem sterbliche Besucher mit den Feen Handel treiben können. Einziger Nachteil dieses faszinierenden Settings mag sein, dass es die Phantastik der Spielwelt Lorakis schon fast überschattet – denn auch außerhalb dieser magischen Feenwelt bieten sich spannende Schauplätze, interessante Bewohner und magische Eigenheiten für weitere Geschichten an. „Nacht über Herathis“ macht auf jeden Fall Lust darauf, mehr über Lorakis herauszufinden.

Sprachlich ist „Nacht über Herathis“ flott und solide geschrieben. Manche Kapitel sind recht kurz geraten, sodass manch Handlungssprung etwas unerwartet kommt. Dennoch wirkt die Geschichte nie zerfasert oder verliert sich irgendwo. Ein umfangreicher Index am Schluss des Bandes hilft auch im „Splittermond“-Kosmos ungeübten Lesern dabei, sich unproblematisch zurechtzufinden. Handwerklich ist „Nacht über Herathis“ damit sehr solide geworden.

Fazit: „Nacht über Herathis“ ist ein solider Fantasy-Roman, dessen intrigen- und wendungsreiche Geschichte ein wenig an offensichtlichen Klischees und wenig tiefen Charakteren leidet. Die vorgestellte Hintergrundwelt Lorakis ist aber auf jeden Fall eine Lesereise wert, und wer auf der Suche nach einem flott zu lesenden Fantasy-Roman ist, wird hier fündig.

Splittermond: Nacht über Herathis
Rollenspiel-Roman
Anton Weste
Uhrwerk-Verlag 2017
ISBN: 978-3-86762-279-0
312 S., Taschenbuch, deutsch
Preis: 12,95 EUR

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