Spectators

Eine jede Comic-Leserin und ein jeder Comic-Leser sind gewissermaßen Zuschauerin oder Zuschauer des Gezeichneten und Geschriebenen. Da verwundert der Titel dieses Comics, der ins Deutsche übersetzt „Zuschauende“ heißt, kaum. Blickt man auf das Cover von „Spectators“, so schauen einen direkt zwei Augenpaare an. Was haben sie gesehen, und was haben sie uns zu sagen? Brian K. Vaughan versucht in seinem neuesten Werk, den nächsten großen Wurf. Wie ist ihm das gelungen?

von Daniel Pabst

Der Autor von „Spectators“ ist unter den Comic-Autoren kein Unbekannter. Ganz im Gegenteil: Seine bisherigen Werke mit Titeln, wie „Y: The Last Man“, „Paper Girls“ oder „Saga“ sind mehrfach ausgezeichnet worden und begeistern viele. Mit „Spectators“ hat er sich – nach „Die Löwen von Bagdad“ – nun ein weiteres Mal mit dem Zeichner Niko Henrichon zusammengetan. In dem 334-seitigen Hardcoverband erzählt er die Geschichte einer jungen Frau, die eines unerwarteten und plötzlichen Todes stirbt und fortan in einer Art Geisterreich „lebt“. Dort trifft sie auf einen ebenfalls Verstorbenen, der – bis zu seinem Tod – in einer völlig anderen Zeit als sie gelebt hat. Gemeinsam schweben sie umher und blicken von oben herab die Lebenden. Geschichten über den Tod und ein Leben danach sind keine Seltenheit in der Literatur und der Comic-Welt. Macht „Spectators“ etwas anders als andere Werke? Wie liest sich dieser neue Comic? Finden wir es heraus!

Der Beginn dieses Comics ist heftig. Die schlagartige Wendung, als bei einem harmlosen Date in einem Kinosaal mit Popcorn zuerst der Dating-Partner per Textnachricht absagt, dann die alleingelassene und stark gelangweilte junge Frau die kleinen Kopfhörer in ihre Ohren steckt und schließlich über ihr Handy nach einer Pornoseite sucht, deren „Konsum“ jäh durch Schüsse (zunächst noch aus einem anderen Saal) unterbrochen wird, schockiert und lässt einem die Nackenhaare sträuben. Das hier Abgebildete ist der Albtraum schlechthin und endet – Achtung Spoiler! – damit, dass die junge Frau namens Val von einem Unbekannten erschossen wird. Die Doppelseite, die Niko Henrichon hierzu gezeichnet hat, prägt sich ins Gedächtnis ein und lässt einen den Comic erst einmal zur Seite legen, um das Präsentierte zu verarbeiten. Nicht ohne Grund trägt dieser Comic auf seiner Rückseite den dezenten Hinweis von Panini Comics: „Leseempfehlung ab 18 Jahren!“

Aber nicht allein die Gewalt, sondern auch die mehr als deutlichen sexuellen Anspielungen und auch Darstellungen in „Spectators“ sprechen klar für diese Altersangabe. Wer in einem Comic mit so viel Pornografie und Gewalt im wahrsten Sinne des Wortes „um sich schlägt“, der muss damit auch etwas bewirken wollen, oder? Ansonsten wäre solch ein Comic die pure Sexploitation und einfach Nonsens. Über viele Seiten werden hier explizite Handlungen gezeigt. Das beginnt mit den Pornodarstellungen auf dem Handy von Val, zieht sich über die erste Begegnung mit dem Totenreich, da dort die „Türsteherin“ komplett nackt dargestellt wird, und geht weiter mit der absurden Vorstellung davon, dass sich Val im Totenreich gern Sexszenen der Lebenden anschaut, während sie als Zuschauerin daneben schwebt. Anstatt sie als Zuschauerin zu bezeichnen, hätte man sie in der Welt der Lebenden als Voyeuristin bezeichnet. Braucht man diesen Comic?

Die Antwort hierauf fällt schnell und einfach aus. Sie lautet: „Nein.“ Der Comic „Spectators“ bleibt leider nach 344 Seiten ein großes Fragezeichen. Die Seiten wurden künstlich mit unnötigen Szenen gefüllt und einfach alles ist in die Länge gezogen. Natürlich kann man diesen Comic als Kritik an all der menschlichen Gewalt in ihren unterschiedlichsten Formen, die man bereits alltäglich im Internet oder Fernsehen zu Gesicht bekommen kann, betrachten. Selbst in der Zukunft, in der sich die geisterhafte Val und ihr männlicher Begleiter mit Namen Sam befinden, wird die Spirale der Gewalt – ohne zu hinterfragen – weitergedreht. Der Ausbruch eines neuen Weltkriegs steht im Comic kurz bevor. Die Lebenden kommen kaum noch zu Wort. In ihrer Angst scheinen die Lebenden keine anderen Gedanken mehr zu verfolgen, als den schnellen Rausch und das (letzte) sexuelle Abenteuer zu erleben. Dabei scheint es keine Rolle mehr zu spielen, ob man beobachtet wird oder mit welchem Geschlechtspartner man Lust verspürt. Das kumuliert in einer Orgie in einem Park, die aber unterbrochen wird … 

Brian K. Vaughan belässt es leider nicht bei gehaltlosem Sex und Gewalt, sondern füllt die Seiten mit sinnlosen und scheinbar tief philosophisch wirkenden Dialogen zwischen Val und Sam. Die Gespräche über alte Kinofilme (unter anderem nennt Val den Film „Terminator“ (1984), wohingegen ihr Begleiter die Filme „Der große Eisenbahnraub“ (1903) und „Enemy Mine“ (1985) anspricht) wirken so, als hätte Brian K. Vaughan seine Lieblingsfilme in einen Comic einbauen wollen. So richtig passt das aber nicht zum Thema. Vielleicht wollte sich Brian K. Vaughan damit ja in die Reihe von Kultgespräche, wie etwa in Filmen des Regisseurs Quentin Tarantino, stellen. Auch die Aussage von Val, dass sie brutale Filme mögen würde, da sie „Fake“ seien, ist eine Anlehnung an die Kunstform von Tarantino. Um da mithalten zu können, fehlt es „Spectators“ aber an Qualität und Humor. Immer wenn die Toten miteinander sprechen, sind sie in bunt zu sehen, wohingegen die Welt der Lebenden in Schwarz-Weiß gehüllt wurde. Dieser Effekt nutzt sich leider ab und hilft nicht weiter. 

Es gibt viele gute und wenig grandiose Comics über die Frage, ob es ein Leben nach dem Tod geben kann sowie über den Umgang mit dem menschlichen Ableben, sodass es den Comic „Spectators“ im direkten Vergleich nicht gebraucht hätte! Die Zielgruppe bleibt ebenfalls unklar. Wer ein Werk „ab 18 Jahren“ mit viel Sex sucht, der wird sich wohl kaum einen Comic über den Tod kaufen. Und wer ein philosophisch-angehauchtes Werk über den Zerfall der (amerikanischen?) Zivilisation und der Moral lesen will, der braucht wiederum keine pornografischen Zeichnungen. Auch das Genre bleibt nicht klar. Da wir Val zunächst in der Gegenwart erleben, in der Totenwelt jedoch ein Zeitsprung von 200 Jahren erfolgt ist, wirkt die Außenwelt wie in einem Science-Fiction-Comic. Es gibt gigantische Raumschiffe und Lufttaxis, neue futuristisch-ausschauende Kriegswerkzeuge und – wie könnte es anders sein – technologische Sexspielzeuge, die das menschliche Gegenüber ersetzen. Sind das Ängste, die Brian K. Vaughan selbst beim Blick in die Zukunft fühlt, oder eine Warnung? 

Die unterschwellige Warnung vor sogenannten selbsternannten „Führern“ (hier als „Leader“ bezeichnet), die meinen, über andere Menschen richten zu dürfen, um Follower zu unterhalten, ist zu simpel und kommt ohne Lösungsvorschläge daher, wie diese Menschen zu therapieren wären. Die anfängliche Szene des Comics wirkt daher rückblickend wie Effekthascherei. Das Ende kommt dann so vorhersehbar, dass man sich schließlich fragt, warum man seine Zeit mit diesem Werk verbracht hat. Mag sein, dass man ab und zu mal einen derart schlechten Comic gelesen haben muss, um zu merken, was andere Comic-Autoren, die sich diesem Thema angenommen haben, besser gemacht haben! Brian K. Vaughan scheint die Lesenden dafür abzustrafen, dass sie sich für das Lesen von „Spectators“ entschieden haben. Das muss sich keine und keiner antun, was angesichts der Tatsache, dass Niko Henrichon die Figuren und Geschehnisse sehr eindrucksvoll und mitunter hübsch gezeichnet und illustriert hat, sehr schade ist. Die Geschichte zieht sich wie Kaugummi und die vielen Sexszenen sind ausbeuterisch. Hier hätte die Devise besser gelautet: Weniger ist mehr.    

Fazit: Selten fällt ein Fazit so negativ aus, wie bei „Spectators“. Die Botschaft von Brian K. Vaughan, dass Menschen über den Tod hinaus triebgesteuert und gewalttätig bleiben, wird mit scheinbar tiefen – in echt aber nichtigen – Dialogen unterfüttert, die bei den Lesenden eine große Leere hinterlassen. Man fühlt sich bestraft, den Comic bis zum bitteren Ende durchgehalten zu haben. Wer sich selbst geißeln will, der mag sich an „Spectators“ versuchen. Dieser Comic ist leider vergeudete Lebenszeit, was ironischerweise dazu anregt, innezuhalten und sich zu überlegen, wie man mit seiner (restlichen) Lebenszeit umgehen möchte. Macht besser einen großen Bogen um diesen Titel und lest stattdessen andere grandiose Comics, wie die hier rezensierten Werke „Daytripper“, „The Many Deaths of Laila Star“ und „Sandman – Death“.

Spectators
Comic
Brian K. Vaughan, Niko Henrichon
Panini Comics 2026
ISBN: 978-3-7416-4837-3
344 S., Hardcover, deutsch
Preis: 49,00 EUR

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