Sandman – Death

„Was heißt denn Liebe für dich?“, heißt es an einer Stelle in „Sandman – Death“. Welche Antwort wird es darauf geben? Gibt es die „eine“ Antwort auf diese Frage? In dem Comic „Sandman – Death“ werden den Lesenden in zwei Geschichten aus dem Jahre 1993 („Der Preis des Lebens“) und 1996 („Die Zeit deines Lebens“) verschiedene Antworten präsentiert. In beiden taucht der Tod – in Gestalt der auf dem Titelcover abgebildeten jungen Frau auf. Wie aktuell ist der Inhalt dieser Neuauflage?

von Daniel Pabst

Wer den Namen „Sandman(n)“ hört, der denkt vielleicht an die kleine, niedliche Puppe, die Kindern jeden Abend im Fernsehen zuerst eine gute Nachtgeschichte zeigt und danach aus einem kleinen Säckchen einen wohltuenden, weißen „Glitzer-Staub“ durch die Scheibe des Fernsehers zustreut – verbunden mit einem hellklingelnden Geräusch und Musik. Da weiß jedes Kind, dass die Schlafenszeit anbricht. Wer eher literaturinteressiert ist, der oder die verbindet mit dem Sandmann wohl die Schauergeschichte von E. T. A. Hoffmann aus dem Jahre 1816 („Der Sandmann“), in der auf wahnwitzige Weise für Nathanael die Grenze zwischen Realität und Fiktion verschwimmt. All das tritt in den Hintergrund, wenn man zu dem Namen des Sandmanns den weiteren Namen von Neil Gaiman hinzufügt. Spätestens dann nämlich klingeln die Glocken und man weiß, dass man über den Comic-Autor spricht, dem nach seiner Karriere als Journalist im Jahre 1988 der große Durchbruch mit der Serie „Sandman“ gelang. Seitdem ist viel passiert. Das „Sandman“-Universum ist angewachsen und wurde mit der Netflix-Serie („Sandman“) einem Millionenpublikum auch außerhalb der Welt der Comics bekanntgemacht. 

Der jetzt erschienene Comic-Band mit dem Titel „Sandman – Death“ widmet sich einer tragenden Figur mit Namen „Death“. Diese ist eine junge Frau mit schwarzen Haaren, einem kleinen Tattoo unter dem rechten Auge, deren Kleidungsstil an die Gothic-Szene angelehnt ist und deren große Ankh-Kette direkt ins Auge springt. Kann diese Frau wirklich der personifizierte Todesbringer – beziehungsweise die personifizierte Todesbringerin – sein? Der Tod hat in der Kulturgeschichte die verschiedensten Formen und Gestalten angenommen. So war er mal der Sensenmann, ein geflügelter Mann mit einer erloschenen Flamme namens Thanatos oder ein tierähnlicher Gott mit Namen Anubis. All den Personifizierung gemein ist der Versuch der Überwindung der Angst vor dem Tode und die Frage, ob es ein Leben danach gibt. Warum also nicht die Figur einer jungen Frau, dachte sich da Neil Gaiman. Würde das Sterben dadurch leichter fallen?

Die beiden hier präsentierten Geschichten stammen bereits aus den Jahren 1993 und 1996. Abgesehen von deren etwas in die Jahre gekommenem, sehr düsterem Zeichenstil von Chris Bachalo und der sehr dunklen Farbgebung von Steve Oliff und Matt Hollingsworth, haben die hier behandelten Fragen über das Leben und den – eines Tages eintretenden – Tod nichts an Aktualität verloren. Liest man zum Beispiel in einem Dialog zwischen Death und einer jungen Mutter, wie diese realisiert, dass: „(W)ir meistens zu beschäftigt sind mit unserem Leben, um überhaupt zu merken, dass wir leben“, so könnte dieser Satz ebenso gut heute erst geschrieben worden sein. Da die Comics aus einer Zeit stammen, in denen noch nicht jede und jeder ein Smartphone – geschweige denn Internetzugriff – hatte, wirken solche Sätze in den beiden Comics geradezu nostalgisch. Heutzutage ist gerade durch die ständige Verfügbarkeit von mobilen Daten und dem damit verbundenen Zugriff zum Internet eine „Dauerbeschäftigung“ (außerhalb des Lebens?) möglich geworden! 

Was aber bringen die beiden Geschichten in „Sandman – Death“ für einen Mehrwert? Und wie lesen sie sich eigentlich? Die erste Geschichte mit dem Titel „Der Preis des Lebens“ erzählt davon, wie ein junger Mann eine Bilanz seines bisherigen Lebens zieht und für sich feststellt, dass er bislang an seinem Leben vorbeigelebt zu haben scheint. Auf einer Müllkippe stehend, stürzt er gedankenverloren unvermittelt ab und landet im Müll. Was auf den ersten Anblick komisch erscheint, wird urplötzlich tragisch, da er sich aus seiner Situation nicht mehr befreien kann. Er scheint unter einem alten Kühlschrank gefangen und droht zu versterben. Doch da tritt ein „Engel“ in sein Leben. Die junge Frau, die sich ihm später als „Death“ vorstellt, zieht ihn heraus und versorgt seine Wunden in ihrer Wohnung. Kann er ihr trauen? Aus dieser Begegnung heraus, gesteht ihm die junge Frau, dass sie für einen Tag auf die Erde gekommen sei, um zu sehen, wie es sei, ein Mensch zu sein, bevor sie wieder ins Totenreich zurückkehre und von dort aus ihre Arbeit tätige. Dass der junge Mann ihr das nicht auf Anhieb glaubt, erscheint verständlich. Und doch ist er von ihr wie verzaubert. Gerne würde er den ganzen Tag mit ihr verbringen! Als dann noch eine seltsame, sehr alte Frau auftaucht, die „Death“ bittet, ihr verlorenes Herz zu suchen, beginnen für den jungen Mann sonderbare Stunden, deren Erlebnisse er lange in Erinnerung behalten wird … 

In der zweiten Geschichte mit dem Titel „Die Zeit deines Lebens“ wird es romantisch. Wie so oft jedoch trügt der Schein. Denn die Liebesbeziehung zwischen einer berühmten Musikerin und deren Freundin wird auf eine harte Probe gestellt. Was als „Liebe des Lebens“ begann, entwickelte sich zu einer „On-Off“-Beziehung, an der beide zugrunde zu gehen scheinen. Die Musikerin mit Künstlernamen „Foxglove“ amüsiert sich während der Tour mit weiblichen Fans, während ihre Freundin mit dem gemeinsamen Kind zu Hause in der teuren Villa wartet, sich der Kindererziehung widmet und vereinsamt. Wie passt da jetzt der Tod dazu, fragt man sich? Nun, dass der Tod irgendwo „dazu passen“ würde ist eigentlich schon ein Nullum an sich, da der Tod eigentlich doch immer ungelegen kommt, oder nicht? Neil Gaiman jedoch nutzt diese Beziehung, um den Lesenden zu zeigen, dass erstens nicht immer alles so rosig ist, wie es auf den ersten Anblick scheint, und dass zweitens jeder Mensch eines Tages (oder nachts) sterben muss. Und erst wenn etwas nicht mehr da ist, wird man es vermissen. So muss die Musikerin schmerzlich begreifen, dass sie ihre Freundin und das Kind durch ihre Karriere über Monate hinweg vernachlässigt hat und dass man eben nicht alles später mal nachholen kann. Die Zeit ist unwiederbringlich. Auf die Fragen, warum der Mensch Schmerzen hat, warum er sterben muss, warum das Leben nicht immer schön ist und warum es so unfair sei, antwortet „Death“ in diesem Comic: „Ich denke, zum Teil geht es um Kontraste, um Licht und Schatten. Wenn man nie schlechte Phasen hat, wie will man dann die guten erkennen?“ Das gibt zum Nachdenken.    

Aber auch neben diesen nachdenklichen Stellen in „Sandman – Death“ weiß der Comic zu überzeugen. Anders als modernere Comics, in denen die Action im Vordergrund steht, bietet „Sandman – Death“ einen Ausflug in die jüngere Vergangenheit von Comics. Hier nämlich haben die Seiten sehr viele kleine Panels, die mit noch mehr Text gefüllt wurden. Will man diesen Comic „en bloc“ lesen, benötigt man für die 176 Seiten (im Softcoverformat) recht viel Zeit. Das mag nicht jedem und jeder gefallen. Man muss sich definitiv hierauf einlassen. Ob man die Welt des „Sandman“-Universums von Neil Gaiman kennt oder nicht, spielt dagegen keine besondere Rolle. Der Einstieg gelingt auch denjenigen, die bislang keine Berührungspunkte mit „Sandman“ hatten. Wer den Auftritt weiterer Rollen aus der Serie sucht, der wird enttäuscht. Denn hier stehen und fallen die Geschichten allein mit der jungen Frau, die es auf dem Titelcover zu sehen gibt.

Überrascht wurde ich von der Tiefe, die dieser Comic bietet. Sei es die titelgebende Frage, was „der Tod“ eigentlich ist, oder die Frage, was „die Liebe“ eigentlich bedeutet? Neil Gaiman hat hier seinen Gedanken in zwei sehr nachdenklich-stimmende Geschichten gegossen. Nicht leicht zu lesen ist ein Satz, wie „Kinder schafft man sich an, damit jemand sich an einen erinnert, wenn man nicht mehr da ist“, oder auch die Antwort von „Death“, dass es Teil des menschlichen Daseins sei, nicht zu wissen, wohin man gehe. Schön ist dagegen der Satz von „Death“, auf die Frage, ob Menschen „eklig“ seien: „Einige sind traurig oder verletzt, und manche glauben, sie allein hätten recht. Aber eklig sind sie nicht.“ Am Ende des Comics gibt es vier ganzseitige Porträts von „Death“, gezeichnet von Chris Bachalo, sowie eine Seite mit Skizzen. Wer Interesse an der Figur des Todes mitbringt, der erhält hier eine gelungene, leichtzugängliche Gelegenheit; alle anderen, die schnelle Unterhaltung suchen oder auf den Auftritt des Sandmanns hoffen, sollten einen Bogen um diesen Comic machen.  

Leseprobe

Fazit: Panini Comics gelingt es immer wieder, die Leserinnen und Leser mit neuen Veröffentlichungen zu überraschen. Hier mag man zunächst vermuten, dass aufgrund des Netflix-Erfolges von „Sandman“ schlicht zwei „alte“ Geschichten veröffentlicht werden, die es so nicht gebraucht hätte. Weit gefehlt! Die hier abgedruckten, neu aufgelegten Geschichten sind dramatisch, traurig und packend zugleich – mit der schönen Botschaft, dass die Liebe bis zum letzten Augenblick möglich bleibt, wenn man bereits ist, sich vollends darauf einzulassen. Abschließend sei noch der Hinweis angebracht, dass man diesen Comic besser nicht, wie der Rezensent, an einem dunklen und verregneten (Hagel-)Tag liest, da man ansonsten Gefahr läuft, dass eine noch erdrückendere Stimmung erzeugt wird. Wie dem auch sei: Dieser Comic ist eine unverhoffte Entdeckung!

Sandman – Death
Comic
Neil Gaiman, Chris Bachalo
Panini Comics 2026
ISBN: 978-3-7416-4874-8
176 S., Hardcover, deutsch
Preis: 24,00 EUR

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