von André Frenzer
Seit über dreißig Jahren ist Kai Meyer aus der deutschsprachigen phantastischen Literatur nicht mehr wegzudenken. Im Jahr 2014 erschien Meyers Roman „Phantasmen“, der rund zehn Jahre später als Vorlage für die gleichnamige Adaption zur Graphic Novel diente, welche Gegenstand dieser Besprechung ist. Jurek Malottke nahm sich als Zeichner der Adaption an. Worum aber geht es eigentlich genau?
Eines Tages tauchten sie aus dem Nichts auf – die Geister der Toten. Millionen auf der ganzen Welt, und stündlich werden es mehr. Sie stehen da, bewegungslos, leuchtend, ungefährlich. An der Absturzstelle eines Flugzeugs, mitten in Europas einziger Wüste, warten zwei junge Frauen auf die Geister ihrer verunglückten Eltern. Rain hofft, die Begegnung wird ihrer jüngeren Schwester Emma helfen, Abschied zu nehmen. Auch Tyler, ein schweigsamer Norweger, ist auf seinem Motorrad nach Spanien gekommen, um ein letztes Mal seine große Liebe Flavie zu sehen. Von dieser Ausgangslage aus überschlagen sich rasch die Ereignisse: Denn mit einem Mal sind die Geister doch nicht so ungefährlich, wie sie in den letzten Jahren Glauben machen wollten. Eine Apokalypse bricht über die Menschheit herein – und Rain, Emma und Tyler sind nicht nur mittendrin, sondern zugleich wichtige Puzzleteile zur Lösung des Rätsels um die Geister.
Puh, wie fange ich an? „Phantasmen“ lässt mich ein wenig zwiegespalten zurück. Da wäre zum einen das absolut phantastische Setting, welches Meyer ersonnen hat. „Phantasmen“ ist zugleich Geistergeschichte wie Weltuntergangsszenario – und das auf eine absolut neue, erfrischende Art. Meyers Geister unterscheiden sich von den wehklagenden Wiedergängern zahlloser Schauermärchen und haben auch so gar nichts mit den allgegenwärtigen Zombies gemein, welche die Apokalypsen unserer Tage oft beherrschen. Zugleich ist das hier geschilderte Ende der Menschheit drastisch und unerwartet, ein weiterer Pluspunkt auf der Kreativitätsskala.
Leider gelingt es der Geschichte jedoch nicht, das hohe Niveau des einführenden Settings zu halten. Ja, die Handlung ist spannend, man tappt recht lange gemeinsam mit den Protagonisten im Dunkeln, was hier eigentlich geschehen ist. Und natürlich will man schlussendlich hinter das Geheimnis der seltsamen Geistererscheinungen kommen. Zugleich gelingt es Meyer, Action-Thriller-Elemente in den wilden Genremix einzustreuen. Allerdings werden im Laufe der Geschichte die Versatzstücke bekannter, die Handlungsetappen vorhersehbarer, die Charaktere weniger plastisch. Das geht so weit, dass der eigentliche Antagonist der Geschichte nur wenige Panels erhält, in denen er kaum glänzen darf. Die Auflösung des Rätsels erscheint mir wiederum frisch und neu, zugleich aber auch irgendwie unbefriedigend. Das muss aber wohl jeder Leser für sich entscheiden.
Nun gilt es noch, die Umsetzung von Jurek Malottke zu besprechen. Wer seinen Stil kennt, wird wahrscheinlich wissen, was ihn erwartet. Ich wiederum war über die sehr grobe Ausführung und die konturlosen Darstellungen doch überrascht. Malottke arbeitet mit kräftigen, kontrastreichen Farben, kann aber auch mit Dunkelheit optische Effekte erzeugen. Sein Stil ist stets dynamisch und in Bewegung und unterstreicht damit die Actionlastigkeit der Vorlage. Seine Schwächen hat dieser Stil jedoch ganz klar in der Charakterzeichnung, welche durch die fehlenden Konturen und groben Farbverläufe ganz klar zu kurz kommt. Um es so deutlich zu sagen: Über Geschmack lässt sich bekanntlich nicht streiten, aber ich habe „Phantasmen“ tatsächlich „trotz“ Malottkes Zeichnungen zu Ende gelesen – und selbst das mehrfach überdacht. Das wiederum spricht für die Qualität der Geschichte.
„Phantasmen“ wird vom Splitter-Verlag als stabiles Hardcover verlegt. Der Band ist etwas kleinformatiger als das bekannte A4-Formant und damit deutlich kleiner als viele Splitter-Bände. Er ist vollfarbig und optisch ansprechend gestaltet. Die Verarbeitung verspricht Langlebigkeit und weiß vollends zu überzeugen.
Fazit: „Phantasmen“ bietet einen wilden Genremix mit tollen Ideen in einer optisch – mich – nicht ansprechenden Verpackung. Ich empfehle dringend, die Leseprobe zu prüfen, ob man dem eigenwilligen Zeichenstil wirklich über zweihundert Seiten folgen will. Inhaltlich lohnt es sich.
Phantasmen
Graphic Novel
Kai Meyer, Jurek Malottke
Splitter Verlag 2022
ISBN: 978-3-96792-214-1
240 S., Hardcover, deutsch
Preis: 35,00 EUR
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