von André Frenzer
Was war nochmal ein „Adventure in a Box“? Wir erinnern uns: Kurz gesagt handelt es sich um eine Rollenspiel-Einsteiger-Box, die mit einem schlanken Regelwerk, fertigen Charakteren, Würfeln, Spielmarken und Abenteuern alles enthält, was man braucht, um direkt aus der Box heraus ins Hobby Rollenspiel reinzuschnuppern. Ende 2025 brachte Ulisses Spiele, beziehungsweise deren neu gegründeter Verlag Ottavio für rollenspielnahe Brettspiele, in einer ersten Welle drei Boxen heraus – „Finsterwacht“, „Samtpfotentango“ und „Der Turm der Bettler“ –, weitere sind bereits in Planung. Aber widmen wir uns nun der vorliegenden Box.
„Die Schwarze Katze“ ist ein eigenständiges und vollständiges Rollenspiel in der Welt des „Schwarzen Auges“. Genauer verortet ist es ursprünglich in Havena, jener mit unheimlichen Geheimnissen angefüllten Hafenstadt, die eine der ersten ausführlich beschriebenen Regionen Aventuriens darstellt. Hier schlüpfen die Spieler nun in das Fell von Katzen. „Der gestiefelte Kater in Aventurien“, ist dabei eine grobe Beschreibung, welche das Spiel recht gut umschreibt. Denn die Katzen in „Die Schwarze Katze“ sind sogenannte „Erwachte“, intelligente, aufrecht gehende Katzen, die – verborgen vor den Augen der Menschen – eine eigene Gesellschaft haben, Handel treiben, Liebe und Leid kennen und gefahrvolle Abenteuer erleben. Eben diese märchenhafte Welt bietet nun auch den Hintergrund für „Samtpfotentango“.
Wer die stabile schwere Box öffnet, darf sich zunächst über einen ganzen Haufen Material freuen. Lassen wir die drei Hefte – dazu später mehr – zunächst beiseite, finden sich Stanzbögen mit Markern, ein Haufen großformatiger Spielkarten, ein Stapel vollfarbiger Heldenbögen, ein Bodenpläne sowie eine Tüte voller Würfel in der Box. Flankiert wird diese erfreuliche Materialfülle von drei schmalen Heften sowie einem Flyer, welcher uns mit dem schönen Titel „Lies mich zuerst!“ empfängt und in die Handhabung der Box einführt. Nachdem das alles gesichtet ist, widmen wir uns nun den Heften.
Das als „Prolog“ ausgewiesene erste Heft mit dem Titel „Liebestaumel“ funktioniert – anders als in der „Finsterwacht“-Box – nicht als eigenständiger Teil, welcher im Zweifel auch ausgelassen werden könnte, sondern dient als Auftakt in das Abenteuer. Hier lernen die Helden ihre Auftraggeberin kennen, die Katze Talisa Gassenmief. Diese wird im Rahmen einer zünftigen Prügelei mit einigen Kläffern auf die Helden aufmerksam und bittet sie um Unterstützung. Denn Jona Seidenfell, einer der begehrtesten Kater der Stadt, ist auf der Suche nach einer Gefährtin oder einem Gefährten. Und Talisa hat sich unsterblich in den schönen Kater verliebt. Allerdings ist sie nicht die Einzige, welche um die Gunst des Katers buhlt, sodass Jona entschieden hat, einen Wettstreit auszurufen. Neben Talisa gibt es noch drei weitere Interessenten und es gilt, Jona mit Taten oder Geschenken zu beeindrucken.
Das geschieht nun im zweiten sowie im dritten Heft. Während im zweiten Heft die eigentliche Handlung vorangetrieben wird, bietet das dritte Heft, „In den Gassen von Havena“ einen Haufen interessanter Orte, an dem die Helden Geschenke für Jona auftreiben können oder ihren Mut unter Beweis stellen können. Außerdem können sie Talisas Konkurrenten piesacken. Dabei werden sie so illustre Orte aufsuchen wie das „Hübsche-Kleider-Haus“ (für Menschlinge eine Puppenwerkstatt), „Das Nass“ (eine Therme) oder „Die Wildnis“ (den Stadtpark), um hier Aufgaben zu erledigen. Ihre Konkurrenten wiederum sind auch nicht untätig, und immer wieder treffen die Helden auf angeheuertes Gesindel oder die Kontrahenten selbst. Im großen Finale schließlich greift eine finstere Rattenbrut ein, um Jona zu entführen – einem epischen Finale steht also nichts im Wege.
Regelseitig handelt es sich bei dieser „Adventure in a Box“ um ein schmales, aber voll funktionsfähiges Rollenspielsystem. Die Helden verfügen über verschiedene Fertigkeiten, die in vier Gruppen eingeteilt sind. Im Falle einer Probe dürfen die Helden eine Anzahl achtseitiger Würfel werfen, welche ihrem Wert in der jeweiligen Fertigkeit entspricht. Ergebnisse von Fünf oder mehr gelten als Erfolg (Achten sogar als zwei Erfolge). Es gilt, möglichst viele Erfolge zu erzielen, um die einzelnen Proben zu bestehen. Kämpfe funktionieren auf der gleichen Basis, wobei hier mehr Erfolge erzielt werden müssen, als der Gegner als „Verteidigungswert (VW)“ aufweisen kann. Ergänzt werden die Kämpfe durch einen Bodenplan und Marker, um Entfernungen und Hindernisse klar zu definieren. Durch diese Komponente erhalten die Kämpfe zusätzlich einen brettspieligen Charakter, welcher sie für Neueinsteiger leichter zugänglich machen dürfte.
Während mich „Finsterwacht“ inhaltlich voll überzeugen konnte, bin ich bei „Samtpfotentango“ ein wenig zwiegespalten. Zum einen erhalten Spielende kaum Informationen über die Welt der „Schwarzen Katze“, was in meinen Augen das Verständnis für die erwachten Katzen schwierig macht. Wer mit deren Konzepten bereits vertraut ist, hat damit natürlich kein Problem, dennoch könnte ich mir vorstellen, das unbedarfte Spieler einige Verständnisfragen haben dürften. Dazu kommt, dass mit der liebestollen Talisa und dem eitlen Jona zwei Charaktere die Rahmenhandlung tragen, deren Handlungen nicht immer sympathisch oder für menschliche Konzepte erstrebenswert erscheinen – warum sich einem eitlen Gecken an den Hals werfen, der weniger an Talisa als Katze, sondern viel mehr an ihren Geschenken und prahlerischen Taten interessiert zu sein scheint? Katzenfreunde werden das Augenzwinkern verstehen, es macht die Handlung aber natürlich sehr speziell. Zum dritten kommt das epische Finale um Jonas Entführung arg plötzlich und wird wenig elegant in die Handlung eingebettet – es erscheint wie ein Fremdkörper im Vergleich zur restlichen Handlung. Darunter leidet die Dramaturgie der Box.
Was bleibt, ist ein sehr spezielles Abenteuer für absolute Katzenfreunde, denen darüber hinaus am Besten bereits die Konzepte der Welt der „Schwarzen Katze“ bekannt sein sollten. Diese kommen aber mit vielen unterschiedlichen Herausforderungen voll auf ihre Kosten.
Optisch ist „Samtpfotentango“ wiederum sehr gut gelungen. Die klassischen Illustrationen im Inneren, welche größtenteils Zweitverwertungen des Rollenspiels sind, wissen vollauf zu überzeugen. Das Material ist vollfarbig und opulent aufgemacht, die Spielmarker bestehen aus stabilem Karton und versprechen Langlebigkeit. Fast schon schade, dass diese Box eher für den Einmalgebrauch gedacht ist – sofern man nicht mehrere Gruppen von Freunden kennt, die man durch Havena scheuchen kann.
Fazit: „Samtpfotentango“ ist leider kein „Adventure in a Box“ für Jedermann. Katzenfreunde und insbesondere Kenner der „Schwarzen Katze“ dürfen aber einen Blick auf die toll ausgestattete Box riskieren.
Samtpfotentango (Adventure in a Box)
Grundregelwerk
Johannes Kaub, Markus Plötz u. a.
Ulisses Spiele 2025
EAN: 4260630776348
Hefte, Pläne, Heldenbögen, Softcover, deutsch
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