Finsterwacht (Adventure in a Box)

Es war ein multimediales Großereignis, als Ulisses Spiele mit „Finsterwacht“ ihr erstes „Adventure in a Box“-Produkt vorlegte. Die Mittelalter-Rockband „Saltatio Mortis“ steuerte den Soundtrack bei, die Erfolgsautoren Bernhard Hennen und Torsten Weitze den Roman „Die Feuer der Finsterwacht“, und auch reguläres Material für „Das Schwarze Auge“ erschien flankierend.

von André Frenzer

Und das Konzept scheint von Erfolg gekrönt gewesen zu sein. Wie anders wäre es zu erklären, dass nicht nur zwei weitere „Adventure in a Box“-Pakete veröffentlicht wurden, sondern mit Ottavio Spiele auch flugs ein neuer Verlag gegründet wurde, um diese – und weitere Produkte – zu publizieren? Höchste Zeit also, das Kernprodukt „Finsterwacht“ auch einmal auf den Ringboten-Prüfstein zu legen!

Wer die stabile schwere Box öffnet, darf sich zunächst über einen ganzen Haufen Material freuen. Lassen wir die beiden Hefte – dazu später mehr – zunächst beiseite, finden sich Stanzbögen mit Markern, ein Haufen großformatiger Spielkarten, ein Stapel vollfarbiger Heldenbögen, mehrere Landkarten und Bodenpläne sowie eine Tüte voller Würfel in der Box. Flankiert wird diese erfreuliche Materialfülle von zwei schmalen Heften sowie einem Flyer, welcher uns mit dem schönen Titel „Lies mich zuerst!“ empfängt und in die Handhabung der Box einführt. Nachdem das alles gesichtet ist, widmen wir uns nun den beiden Heften.

Das erste dieser beiden, „Der Prolog“, führt in das Spiel ein. „Finsterwacht“ spielt im Mittelreich des vom vollwertigen Rollenspiel „Das Schwarze Auge“ bekannten Kontinents Aventurien. Die mitgelieferten Heldenbögen stellen Mitglieder der sogenannten „Finsterwacht“ dar. Diese Einheit beschützt die Dörfer, die im Gebirge Finsterkamm liegen, vor einfallenden Orkhorden aus dem Norden. Die Helden erhalten nun von ihrem Kommandanten den Auftrag, als Vorhut Posten auf einem Hügel im Finsterkamm zu beziehen. Der Prolog hält einige erste Kampfbegegnungen bereit und bietet Gelegenheit für Spieler wie Spielleitung, sich mit den (einfachen) Regeln vertraut zu machen.

Das zweite Heft, „Der letzte Chor“, fährt die Dramatik deutlich hoch. Die Helden und ihre Einheit werden von Orks überfallen. Wie von Gotteshand geschützt, überleben die Helden und erhalten von ihrem sterbenden Kommandanten ihren nächsten – und letzten – Auftrag: Nur wenn es ihnen gelingt, einen der Wachtürme der Finsterwacht zu erreichen und dort ein Signalfeuer zu entzünden, können sie die Anwohner des Finsterkamms vor der drohenden Orkinvasion warnen! Die Gruppe macht sich auf den Weg und steht bald einer unbezwingbaren Übermacht gegenüber. Ob es ihnen gegen alle Zweifel gelingen wird, die Feuer der Finsterwacht zu entzünden?

Inhaltlich bewegt sich dieses „Adventure in a Box“ auf einem angenehmen Epik-Grad. Natürlich gestalten wir hier die Welt nicht neu oder retten sie vor dem Untergang. Dennoch ist die Anspannung zu spüren und die Möglichkeit einer Niederlage weist spürbare Konsequenzen aus. Das weiß zu gefallen. Natürlich entwickelt sich das Abenteuer selbst recht geradlinig und ist auch ein wenig arg kampflastig geraten: Doch gerade für einen spannenden und dramatischen Ausflug in die faszinierende Welt der Rollenspiele ist die Mischung wirklich gut gelungen. Der womöglich noch reichlich unerfahrene Spielleiter erhält neben einer spannenden Handlung viele Werkzeuge an die Hand: Neben gut geschriebenen Vorlesetexten finden sich auch zahlreiche Tipps in den beiden Heften wieder, um den Spielleiter zu unterstützen. Dabei sollte allerdings klar sein, dass die absolute Bewegungsfreiheit, wie sie Rollenspiel normalerweise bietet, hier kaum zu erreichen ist: Natürlich gibt es nur Informationen über Charaktere und Gegenden, die für die vorgesehene Handlung von Belang sind.

Regelseitig handelt es sich bei dieser „Adventure in a Box“ um ein schmales, aber voll funktionsfähiges Rollenspielsystem. Die Helden verfügen über verschiedene Fertigkeiten, die in vier Gruppen eingeteilt sind. Im Falle einer Probe dürfen die Helden eine Anzahl achtseitiger Würfel werfen, welche ihrem Wert in der jeweiligen Fertigkeit entspricht. Ergebnisse von Fünf oder mehr gelten als Erfolg (Achten sogar als zwei Erfolge). Es gilt, möglichst viele Erfolge zu erzielen, um die einzelnen Proben zu bestehen. Kämpfe funktionieren auf der gleichen Basis, wobei hier mehr Erfolge erzielt werden müssen als der Gegner „Verteidigungswert (VW)“ aufweisen kann. Ergänzt werden die Kämpfe durch einen Bodenplan und Marker, um Entfernungen und Hindernisse klar zu definieren. Durch diese Komponente erhalten die Kämpfe zusätzlich einen brettspieligen Charakter, welcher sie für Neueinsteiger leichter zugänglich machen dürfte.

Optisch ist „Finsterwacht“ über jeden Zweifel erhaben. Die als martialische Krieger dargestellte Band „Saltatio Mortis“ ist sicherlich das Gesicht der Box. Doch auch die eher klassischen Illustrationen im Inneren wissen vollauf zu überzeugen. Das Material ist vollfarbig und opulent aufgemacht, die Spielmarker aus stabilem Karton und versprechen Langlebigkeit. Fast schon schade, dass diese Box eher für den Einmalgebrauch gedacht ist – sofern man nicht mehrere Gruppen von Freunden kennt, die man durch den Finsterkamm scheuchen kann. Denn für eine Weiterverwendung fehlt es schlicht an Material.

Fazit: „Finsterwacht“ ist ein tolles Produkt für alle, die „dieses Rollenspiel“ einmal ausprobieren wollen, ohne sich zu tief in Regelwerke oder Settingbeschreibungen knien zu wollen. Die opulente Aufmachung und Ausstattung wissen zu gefallen, das Abenteuer ist spannend und actionreich. Empfehlenswert.

Finsterwacht (Adventure in a Box)
Grundregelwerk
Johannes Kaub, Markus Plötz u. a.
Ulisses Spiele 2024
EAN:4260630776324 
Hefte, Pläne, Heldenbögen, Softcover, deutsch
Preis: 34,95 EUR

bei amazon.de bestellen