von LarsB
„Leviathan Wilds“ ist ein kooperatives Spiel für oder gegen (je nach Sichtweise) ein gewaltiges Wesen. Unser spielerisches Glück: Die Kristallseuche hat sich im ganzen Leviathanenlager ausgebreitet. Damit werden Kristallkloppaktionen nicht zu einem langweilig repetitiven Unterfangen. Jeder Gigant reagiert anders auf unsere schwungvolle Hammer-Behandlung. Ganze 17 Kreaturen sind im beigelegten Ringbuch grob in aufsteigendem Schwierigkeitsgrad abgebildet. Sonderregeln zieren die fortgeschrittenen Patienten. Alle Leviathane stellen Einzelszenarien dar, die in beliebiger Reihenfolge gespielt werden können.
„Leviathan Wilds“ ist ein kartengetriebenes Spiel. Der Deckbau und damit die Wahl unserer Fähigkeiten findet ausschließlich vor dem Start der Partie statt: Charakterkarten und Karten, die unsere Eigenschaften darstellen, werden zusammengestellt und gemischt. Reihum sind wir nun am Zug: Bedrohung des Leviathan für diese Runde aufdecken, Karten spielen, Bedrohung abhandeln, Karten nachziehen. Aus unseren (in der Regel) drei Karten auf der Hand wählen wir eine Karte für ihren oberen Aktionspunkte-Teil, beim Rest der Karten nutzen wir nur die untere Fähigkeiten-Hälfte. Gelungen finde ich, dass das ein Puzzle ist, das gut handhabbar ist. So verirrt sich der Spieler nicht in eine zähe Verkopftheit. Der Fokus des Spiels wird auf die Absprachen untereinander gelenkt. Das macht es zu einem echten kooperativen Spiel.
Allein, allein…
… geht hier gar nichts. Wer auf die Idee kommt, man könne das Spiel erfolgreich bestreiten, ohne sich gegenseitig abzusprechen, sich zu helfen und gesamthafte Lösungen zu finden, wird schnell bildlich auf den Boden der Tatsachen fallen. Denn es gibt wahrlich viel zu koordinieren: Pausen zur rechten Zeit, den Gesundheitszustand jedes einzelnen Spielers, die Kletterrouten und die Verteilung der Spieler auf dem Leviathan zwecks Schadensmanagement. Auch der Einsatz entsprechend der Stärken unserer Klettermaxe ist mehr als nur der Zuckerguss. 
Unsere Figuren haben nämlich unterschiedliche Eigenschaften. Einige sind wahre Klettermeister, andere haben einen besonders strammen Hammerschwung und wieder andere sind erstaunlich geschickte Supporter. So kann etwa mein Unterstützer-Charakter Riri mit seiner „Weitsichtfähigkeit“ ein ultrastarker Schmetterer sein. In einer anderen Partie könnte Riri ein ausgeglichener Abenteurer sein und würde sich damit ganz anders spielen. Acht Charaktere und acht Klassen-Sets deuten die Abwechslung an, die das Spiel durch die freie Zusammenstellung von Charakter und Klasse bietet.
Was nicht passt, wird passend gemacht
Bei „Leviathan Wilds“ entdecken wir die Leviathane. Klar, wir haben nach dem Studium der Sonderregeln des Leviathans und dem Blick auf seine Karten eine gute Idee, wie er sich spielen wird. Aber erst der Versuch macht wirklich klug – insbesondere, wenn man eine höhere Schwierigkeitsstufe wählt. Und so stellen wir uns ein Team zusammen, das sich gegenseitig gut ergänzt, auf unsere Strategie einzahlt und die Schwächen des Leviathan zu nutzen weiß.
Aus meiner Sicht die beste Art und Weise, „Leviathan Wilds“ zu spielen, ist, einen für die Gruppe passenden Schwierigkeitsgrad zu wählen und dann die Leviathane zu erkunden, eine Strategie abzuleiten, um schließlich einen nach dem anderen zu knacken. Das braucht dann manchmal zwei oder drei Anläufe pro Leviathan. Doch durch die einfache Wahl der Skalierung der Schwierigkeit kann man sich das Spiel passend machen. Je nach Frusttoleranz ist damit auch Raum für die Fraktion „Niederlagen kann ich nicht ertragen“. 
Spielabbruch
Läuft es nicht rund, kommt es dann nicht selten vor, dass ein einzelner Spieler in einer Sackgasse hängt. Dann muss er im Prinzip alle seine Aktionen aufwenden, um einfach nur am Leben zu bleiben. Gegen Spielende gehört das zum dramatischen Spannungsbogen dazu. So eine Leviathanen-Besteigung soll ja auch Adrenalin bei uns ausschütten. Passiert das allerdings durch falsche Taktik oder einfach auch nur Pech früh im Spiel, sind wir dazu übergegangen, das Spiel dann als verloren abzubrechen. Die Partie liefe eh an unserem Problem-Spieler komplett vorbei und gewinnen werden wir das Spiel als Team sehr wahrscheinlich auch nicht. Frust ist durchaus ein Thema bei „Leviathan Wilds“. Hier hat „Leviathan Wilds“ das Potenzial, sich selbst für die Spielegruppe oder einzelne Spieler zu zerstören, auch wenn eine Partie in der Regel weniger als 60 Minuten dauert.
Früh genug abgebrochen, startet man dann eben eine zweite Partie und lernt aus dem Erlebten. „Leviathan Wilds“ ist damit eines der Spiele, die man schon im ersten Zug verlieren kann. Da schlägt das Herz aller Splotter-Spielfreunde höher. Frei nach dem Splotter-Motto: Wenn ich ein Spiel nicht im ersten Zug verlieren kann, wieso mache ich dann überhaupt den ersten Zug?
Alle an Deck – zusammen
Kooperative Spiele neigen oft dazu, dem Alphaspieler der Spielegruppe Freude zu bereiten und nur ihm. Jedoch kann der geneigte Alphaspieler bei „Leviathan Wilds“ nicht die Möglichkeiten seiner Mitspieler überblicken. Auf ihre Handkarten hat er kein Leserecht. Damit ist das „Einer-sagt-an-alle-anderen-folgen“-Phänomen erheblich abgeschwächt. Mich erinnert das ein gutes Stück weit an „Spirit Island“. So kann jeder Spieler seinen geistigen Beitrag leisten.
„Leviathan Wilds“ glänzt bei der Spielerinteraktion. Ich kann meine Karten im Zug der anderen Spieler für ihren Effekt ausspielen. Lässt sich mein Mitspieler fallen, kann er durch meine Karte zum Beispiel einen Kristall im Vorbeifliegen zertrümmern oder auch den Anker an der richtigen Stelle werfen, um nicht weiter zu fallen und schwupps beim nächsten Kristall Hand und Hammer anzulegen. Damit werden epische Spielzüge möglich, die man alleine mit seinen drei Karten niemals so hätte durchführen können. Doch alles muss Hand und Fuß haben. Schließlich fehlen die Karten dann dem edlen Spender bei seinem Zug.
Reduktion und Eleganz an vielen Stellen
„Leviathan Wilds“ ist im guten Sinne ein in vielen Bereichen sehr reduziertes Spiel. Der Spielaufbau geht schnell. Ringbuch aufschlagen und mit ein paar Zutaten bestücken, Karten wählen und schon sind wir einsatzbereit. Traumhaft.
Die Leviathane spielen sich nachvollziehbar. Fünf Karten machen das Verhalten des Leviathans aus: jeder Spielerzug eine Karte – damit sind die fünf Karten schnell durch. Und dann wird eskaliert. Eine weitere Karte aus dem Leviathan-Fünferdeck wird von der moderaten auf die schwierige Seite gedreht. In der letzten Runde sind damit alle Leviathan-Karten schrecklich gemein zu uns. Diese Eskalation ist ein cooler Timer. Wir wollen den Leviathan also möglichst schnell von den Kristallen befreien. Keine Umwege, keine B-Note. Wir müssen uns hier effizient aufstellen. Denn das dicke Ende kommt zum Schluss. Dem gut auf die Spielgruppe eingestellten „Leviathan Wilds“ gelingt damit ein guter Spannungsbogen.
Gelungen finde ich auch, wie die Charaktere zusammengestellt werden. Jeder Charakter und jede Eigenschaft hat eine Deckkarte. Hier bekommen wir ein sehr gutes Gefühl dafür, was sich auf den darunter liegenden Karten verbirgt. Nicht nur die Fähigkeiten (Klettern, Schlagen und Support) werden per Zahl bewertet. Auch die Komplexität des Decks wird über Zahnradsymbole beschrieben. So kann auch die Erfahrung jedes Spielers beim Deckbau mit Berücksichtigung finden.
Die Bewegungen auf dem Leviathan sind einfach, aber interessant. Wir kaufen uns die Bewegungen von unseren Aktionspunkten. Weit klettern und alle Feldeffekte auf dem Weg ertragen müssen oder teuer springen und nur das Zielfeld beachten müssen und auch Leviathanlücken überbrücken können? An der richtigen Stelle auch mal super billig abwärts gleiten? Ab und zu absichtlich loslassen, um Gefahren auszuweichen? All das ist denkbar.
Gut gefallen hat mir auch das innovative Griffkraft-Handkarten-Management. Unser Kartendeck ist gleichzeitig unsere Ausdauer. Gehen uns die Karten aus, verlieren wir den Halt und stürzen den Koloss hinab. Das erzeugt eine großartige strategische Spannung, da jeder Spieler ständig abwägen muss, wie weit er geht, bevor er drei Aktionspunkte zum Ausruhen ver(sch)wendet. Und ein passender Platz zum Ausruhen muss auch erreicht werden …
Im Schatten der Leviathane
Insgesamt ist das Spiel an vielen Stellen clever designt. Nicht ganz so clever designt sind das Spielschachtel-Inlay und die Spielanleitung. Während das Inlay beim Einsortieren der winzigen Pilz-Token nervt, nervt, nervt, schluckt es lobenswerterweise auch gesleevte Karten anstandslos. Lob für die kompakte Spieleschachtelgröße!
Die Angriffsmarker fühlen sich nicht wirklich organisch an. Damit wird der Ort markiert, den der Leviathan nach dem Spielerzug angreifen wird. Ja, irgendwie müssen dort theoretisch gleich mehrere Kletter stehen können. Und das bläht die Marker so auf, dass sie sich einfach nicht auf den Spielplan einfügen wollen.
Die Effekte auf den Karten machen das Spiel trotz seiner Eleganz im Aufbau und Ablauf kleinteilig. Die Bedeutung vieler Begriffe und Symbole ist eben nicht selbsterklärend und muss erst einmal verstanden werden.
Die Spielanleitung ist so eine Sache für sich. Zugegeben, ein Spiel wie „Leviathan Wilds“ ist sicherlich nicht einfach darzubieten in einem Regelheft. Und ja, es sind gut illustrierte Beispiele vorhanden. Und ja, alle Symbole sind auf der letzten Seite der Anleitung erklärt. In der vorliegenden Regel habe ich jedoch viel zu lange suchen müssen, um die Antworten auf die vielen Detailfragen während einer Partie zu erhalten. Durch das lange Nachblättern wurde in unseren ersten Partien Stimmung am Spieletisch aufgefressen. Klar, mit zunehmender Klettererfahrung habe ich die Regel und auch das Spiel für mich erschlossen. Doch diese Spieleeinstiegshürde hätte niedriger gestaltet werden können. Und wenn ich das Spiel in 12 Monaten wieder aus dem Schrank hole, dann sind doch wieder so viele kleinteilige Regeln da und ein Regelheft, das während der Partie nicht zu mir sprechen will. Und gerade Frosted Games ist für mich eigentlich ein Verlag mit vorbildlicher Regelwerkgestaltung.
Kopf statt Bauch
„Leviathan Wilds“ kann schon Geschichten erzählen. Brillante Absprachen, epische Züge und der knappe Spielausgang funktionieren einfach. Dazu sind die Leviathane selbst schön und abwechslungsreich gestaltet. Das trägt zur Atmosphäre bei. Wer jedoch ein besonders thematisches Spiel erwartet, das aus dem Bauch heraus erkundet werden kann, wird enttäuscht sein. „Leviathan Wilds“ ist ein Spiel, das kreative Ideen und gute Kommunikation belohnt. Der Kopf muss eingeschaltet werden, Felder werden gezählt, Wahrscheinlichkeiten abgewogen.
Grundsätzlich funktioniert das Spiel mit zwei, drei und vier Spieler vernünftig (solo habe ich das Spiel nicht getestet). Bei vier Spielern dauert es naturgemäß länger, wieder am Zug zu sein. In einer wirklich kooperativen Gruppe stört mich das aber nicht so sehr, wenn ich nicht gerade in einer Sackgasse stecke. In einer sehr verkopften Gruppe kann die Spielerfahrung aber zäh werden. Die epischeren Züge jedenfalls gibt’s zu viert. Mit zwei Spielern ist es insgesamt eine flottere und immer noch lohnende Angelegenheit.
Fazit: „Leviathan Wilds“ besticht durch Variantenreichtum und Kalibrierbarkeit. Die Spielegruppe kann sich über die Schwierigkeitsstufe die passende Spielerfahrung selbst einstellen. Kreative Absprachen sind wichtig. Der Weg in die Sackgasse ist aber nicht weit. Lieber neustarten als durchfrusten. Dann überzeugt das Spiel insbesondere fürsorgliche Teamplayer mit Rätselaffinität und sorgt für epische Spielzüge und Erinnerungen.
Leviathan Wilds
Brettspiel für 1 bis 4 Spieler ab 10 Jahren
Justin Kemppainen
Frosted Games 2025
EAN: 0739805889045
Sprache: Deutsch
Preis: 64,95 EUR
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