von Ansgar Imme
Zum 40-jährigen Jubiläum von „Das Schwarze Auge“ („DSA“) ließ sich der Ulisses-Spiele-Verlag etwas Besonderes einfallen: Über ein Crowdfunding wurde eine umfangreiche Epochenspielhilfe zur Zeit des „Goldenen Kaisers“ realisiert (siehe auch Rezension dazu). Da die ersten Abenteuer seit dem Start von „DSA“ im Jahr 1984 genau in dieser Epoche angesiedelt waren, können heutige Spieler nun erneut in die Ereignisse jener Zeit eintauchen und Abenteuer im „guten alten Aventurien“ erleben.
Neben dem Epochenband erschienen auch weitere Hintergrundbände, die zusätzlich kürzere Abenteuer und Szenariovorschläge enthielten. Als besonderes spielerisches Schmankerl wurden zwei klassische Abenteuer überarbeitet und deutlich erweitert: „Die Verschwörung von Gareth“ sowie der hier rezensierte Band „In den Fängen des Dämons“. Darüber hinaus ist künftig eine Neuauflage eines weiteren beliebten Klassikers geplant: „Das Große Donnersturmrennen“.
Das Autoren(ehe)paar Lena und Matthias Kalupner hat bereits mehrere gelungene Abenteuer für „DSA“ veröffentlicht – mit einer Ausnahme ausschließlich im Rahmen von Anthologien. Darüber hinaus war Matthias Kalupner an zahlreichen Texten in verschiedenen herausragenden Quellenbänden beteiligt, etwa „Dunkle Zeiten“, „Reich des Roten Mondes“ oder „Hallen arkaner Macht“.
Zum Inhalt
Ein Aushang oder eine direkte Botschaft durch einen Botenreiter führt die Helden zu Throndwig von Warunk, dem Markgrafen der gleichnamigen Stadt. Bereits bei ihrer Ankunft fällt den Helden auf, dass in der Stadt etwas nicht stimmt: Die Wachen wirken übermüdet, und die Einwohner sind verängstigt.
Der Markgraf berichtet, dass ein Fluch auf Burg und Stadt zu lasten scheint: Der Burggarten hat ein gefährliches Eigenleben entwickelt, Menschen sind bereits darin ums Leben gekommen. Zudem werden sein größter Schatz – das Feenwesen Silberglöckchen – sowie seine beste Gärtnerin vermisst. Die Helden sollen das Geheimnis lüften und die Vermissten wohlbehalten zurückbringen.
Da ein direkter Zugang zum Garten zu gefährlich ist und bereits zu Schwerverletzten geführt hat, verweist der Markgraf auf die Warunker Wichtel, Feenwesen, die angeblich überall eindringen können. Doch zunächst müssen die Helden über die Einwohner Kontakt zu ihnen aufnehmen. Die Wichtel zeigen sich verhandlungsbereit – verlangen jedoch eine unerwartete Gegenleistung, die die Helden ausgerechnet mit dem größten Nichtsnutz der Stadt zusammenführt.
Haben sie eine Einigung erzielt, bringen die Wichtel die Helden durch eine Feenpforte in den Burggarten. Dort offenbart sich das ganze Grauen, wenn man sich den pervertierten Gefahren stellen muss. Die Spur führt bald in das Labyrinth unter dem Burgberg, den Molchenberg.
In den alten Anlagen eines legendären Zauberers und späteren Magierzirkels lauern gefährliche Hinterlassenschaften, fremdartige Bewohner und Hinweise auf den Ursprung des Fluchs. Schließlich führt eine rasante Fahrt den Fluss Radom hinab zu einem verlassenen Turm, wo die Helden den Verantwortlichen stellen können.
Kritik
Schon die Epochenspielhilfe zur „Kaiser-Hal“-Zeit war eine hervorragende Idee, die zudem mit viel Liebe umgesetzt wurde und zahlreiche Abenteueransätze bot. Dass nun – neben den darin enthaltenen Szenarien – auch ältere Abenteuer „restauriert“ und teils deutlich erweitert werden, zeugt sowohl von einer gewissen Wertschätzung seitens des Verlags als auch offenbar von ausreichend großem Verkaufspotenzial.
Warum gerade dieses Abenteuer ausgewählt wurde, wird im Vorwort nicht näher erläutert. Im Werkstattbericht der Autoren vor der Veröffentlichung wurde jedoch darauf hingewiesen, dass das Abenteuer, erstmals eingeführte Figuren und Hintergründe immer wieder andere Autoren inspiriert und zur Weiterentwicklung der Geschichte angeregt haben.
Im Gegensatz zum ebenfalls neu bearbeiteten Abenteuer „Die Verschwörung von Gareth“, das seiner Zeit mit seinem Schwerpunkt auf Rollenspiel und Ermittlungen deutlich voraus war, handelt es sich bei „In den Fängen des Dämons“ um ein klassisches „Dungeon“-Abenteuer im Stil der 1980er-Jahre. Obwohl bereits das Ursprungsabenteuer einen Umfang von fast 60 Seiten hatte, bestand es im Wesentlichen aus Kämpfen und der Erkundung unterirdischer Gewölbe. Zwar wurde ein Ausgangspunkt für die Verwandlung des Gartens geliefert, anschließend jedoch folgte weitgehend der klassische Weg durch die Gänge unter der Burg.
Die Neubearbeitung erweitert den Inhalt erheblich: Auf nun 80 Seiten – die dank kleinerer Schrift zudem deutlich mehr Text pro Seite enthalten – wird das Abenteuer spürbar ausgebaut. Während im Original nach der Anwerbung unmittelbar der Aufbruch zur Burg erfolgte, widmet sich der erste Abschnitt nun zunächst der Suche nach einem Zugang zum Garten. Dadurch kann die Stadt Warunk als Schauplatz deutlich intensiver genutzt werden. Die Spieler erhalten die Gelegenheit, berühmte Persönlichkeiten jener Zeit kennenzulernen, während sich die Bedrohung schrittweise aufbaut und allmählich greifbarer wird.
Der Abschnitt um die Warunker Wichtel eröffnet zudem zusätzliche Möglichkeiten für Nachforschungen und vor allem für Rollenspiel. Zugleich können bereits erste Hinweise auf den eigentlichen Verursacher hinter dem Dämon gesammelt werden. Während dieser Aspekt im ursprünglichen Abenteuer kaum Beachtung fand, werden hier Zusammenhänge aufgegriffen, die teils erst Jahre später von anderen Autoren ergänzt wurden. Dadurch erschließen sich diese Hintergründe nun direkt im Spiel, was die Immersion deutlich steigern kann.
Selbst wenn es schließlich in den Garten und später ins Labyrinth geht, wird deutlich, wie viele Gedanken sich die Autoren gemacht haben: Einerseits wurde der Hintergrund sorgfältig ausgearbeitet, andererseits blieb der Charme des ursprünglichen Abenteuers weitgehend erhalten. Sowohl das Labyrinth als auch die Widersacher wurden behutsam überarbeitet und mit mehr innerer Logik versehen, sodass auch heutige Spieler auf ihre Kosten kommen.
Die Konfrontation mit dem Dämon auf der Felseninsel wurde gestrafft und sinnvoller inszeniert. Anstelle zusätzlicher Gegner konzentriert sich der finale Konflikt ganz auf den Nachtdämon, dessen Gefährlichkeit für einen klassischen Endkampf völlig ausreicht.
Abgerundet wird der insgesamt sehr positive Eindruck der Neubearbeitung durch eine mehrseitige Kurzbeschreibung von Warunk samt neuer Karte. Die Handlung des gesamten Abenteuers ist spannend gestaltet und bietet durch unterschiedliche Schwerpunkte eine angenehme Abwechslung. Auch Stimmung, Atmosphäre und Bedrohlichkeit werden überzeugend vermittelt, und an Herausforderungen mangelt es ebenfalls nicht (ebensowenig übrigens wie an recht opulenten Schätzen und Gegenständen als Belohnungen). Zugleich wird schnell deutlich, dass verschiedene Herangehensweisen möglich sind – insbesondere im Labyrinth. Als kleiner Kritikpunkt bleibt allenfalls, dass zwar eine Karte des Labyrinths unter dem Molchenberg enthalten ist, jedoch eine Übersichtskarte des Burggartens fehlt.
Ergänzend sei jedoch angemerkt, dass nicht jede Spielgruppe gleichermaßen auf ihre Kosten kommen dürfte, wenn ihr die grundlegende Prämisse einer recht stringenten Handlung sowie das umfangreiche Erkunden eines Gewölbes weniger zusagt. Diese Aspekte liegen allerdings in der Natur des ursprünglichen Abenteuers und sind den heutigen Autoren nicht anzulasten.
Fazit: Die Neubearbeitung des rund vierzig Jahre alten Abenteuers ist durchweg gelungen. An keiner Stelle wirkt es, als seien Inhalte nachträglich ergänzt oder gekürzt worden – ein größeres Lob lässt sich kaum aussprechen. Trotz einer gewissen Kampflastigkeit kommen auch Nachforschungen, Verhandlungen und Rollenspiel keineswegs zu kurz. Insgesamt handelt es sich um eine sehr lohnenswerte Überarbeitung, deren Kauf uneingeschränkt empfohlen werden kann.
In den Fängen des Dämons (2025)
Abenteuerband
Lena Kalupner, Matthias Kalupner auf Basis des Abenteuers von Eberhard von Staden
Ulisses Spiele 2025
ISBN: 3987325852
80 S., Hardcover, deutsch
Preis: 29,95 EUR
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