von Ansgar Imme
Der Ulisses Spiele Verlag hat für „Warhammer Fantasy“ mittlerweile ein atemberaubendes Veröffentlichungstempo erreicht. Nahezu jeden Monat erscheint eine neue Publikation. Nachdem mit den Bänden für Magier und für kämpferische Charaktere bereits spezielle Konzepte abgedeckt wurden, steht mit diesem Buch nun wieder ein allgemeines Quellenbuch an.
Doch wie die folgenden Zeilen zeigen, ist „Imperiales Archiv II“ mitnichten eine Fortsetzung des ersten Teils, der sowohl Regionen des Imperiums als auch die drei größten nichtmenschlichen Völker vorstellte. Der Umfang beträgt erneut 96 vollfarbige Seiten im gewohnten Layout. Mit Graeme Davis, Dave Allen und Andy Law greift man zudem auf ein erfahrenes Autorenteam zurück, das durch weitere Beiträge anderer Verfasser ergänzt wird.
Inhalt
Der Inhalt gliedert sich im Wesentlichen in fünf Blöcke. Der erste Teil, der in zwei Kapiteln etwa 30 Seiten umfasst, widmet sich den menschenähnlichen Fleisch- und Fettbergen – den Ogern. Zunächst bietet er einen kurzen historischen Abriss und erläutert, wie die Oger ins Imperium gelangten. Zudem wird beschrieben, wie man sie als Söldner anheuern und entlohnen kann und warum ihre Versorgung eine erhebliche Herausforderung darstellt. Darüber hinaus geht der Band auf ihre Ausrüstung und Bewaffnung ein, beleuchtet ihre Bräuche und beschreibt reine Oger-Enklaven außerhalb ihrer Heimat. Abschließend werden zwei berüchtigte Oger-Söldner als mögliche Kontakte oder Gegner vorgestellt.
Auf den allgemeinen Teil zu den Ogern folgt deren Umsetzung als Spielercharaktere. Dabei erfährt man mehr über ihre eigentliche Herkunft und Heimat sowie darüber, wie diese sie spirituell prägt. Auch ihr Erscheinungsbild, ihre Sprache und ihr Verhalten werden beleuchtet – ebenso wie die Frage, warum lautes Brüllen für sie ganz normal ist und wie sie andere Völker wahrnehmen beziehungsweise von diesen wahrgenommen werden. Neben Hinweisen zur Charaktererschaffung, passenden Grund- und Folgekarrieren, Attributen und körperlichen Besonderheiten nimmt vor allem die Namensgebung breiten Raum ein. Wie sich ein Oger am besten im Spiel darstellen lässt, wird anhand ausgewählter Leitfragen veranschaulicht. Darüber hinaus erhalten Spielleiter Hilfestellungen zur Einbindung von Ogern in Abenteuer, während Spielern die spezielle Ausrüstung und Bewaffnung nähergebracht wird. Den Abschluss dieses Abschnitts bilden die ungewöhnliche Magie der Oger sowie drei besondere Oger-Karrieren.
Das dritte Kapitel widmet sich den Sternzeichen und der Astrologie in der Alten Welt. Neben einem Vorschlag, wie sich unterschiedliche Sternzeichen im Rahmen der Charaktererschaffung durch Boni und Mali auswirken können, wird jedes Sternzeichen ausführlich vorgestellt. Die Beschreibungen umfassen jeweils den zugehörigen Jahreszeitraum, den damit verbundenen Gott sowie die Erscheinung am Sternenhimmel. Darüber hinaus wird erläutert, welche typischen Verhaltensweisen den unter diesem Zeichen Geborenen zugeschrieben werden. Ergänzend geht das Kapitel darauf ein, wie man Astrologe wird, wie sich damit Geld verdienen lässt und in welchen Lebensbereichen Astrologie eine Rolle spielt. Ebenso wird beleuchtet, wie sie in den verschiedenen Gesellschaftsschichten – vom Bettler bis zum Adel – wahrgenommen und genutzt wird.
Der vierte Abschnitt richtet sich an Liebhaber magischer Artefakte. Vorgestellt werden unter anderem ein Generator für magische Gegenstände als Belohnungen, Regeln zur Identifikation gefundener Objekte sowie – besonders ausführlich – deren Herstellung inklusive Kosten, Zeitaufwand und möglicher Nebenwirkungen. Diese Inhalte werden durch zahlreiche Tabellen ergänzt. Magische Waffen und Rüstungen erhalten jeweils eigene Abschnitte mit detaillierten Beschreibungen und umfangreichen Tabellen zu besonderen Eigenschaften. In ähnlicher, wenn auch etwas kompakterer Form wird dies auch für weitere Ausrüstungsgegenstände wie Pfeile, Schilde, Schriftrollen, Zauberstäbe, Ringe und Talismane ausgeführt.
Das fünfte Kapitel und zugleich vierte Themengebiet stellt mit dem Großen Hospiz einen neuen Schauplatz für Abenteuer vor. Nach einer einleitenden Darstellung seiner Geschichte wird der gesamte Gebäudekomplex samt parkähnlicher Umgebung ausführlich beschrieben. Sowohl Übersichtskarten als auch detaillierte Pläne und Grundrisse sorgen für eine gute Orientierung. Darüber hinaus werden das Personal in Gestalt mehrerer Shallya-Schwestern sowie einige außergewöhnliche Patienten vorgestellt. Abgerundet wird das Kapitel durch mehrere Szenariovorschläge.
Der letzte Abschnitt behandelt Regeln für Massenkämpfe. Mithilfe eines Machtfaktors, der durch Truppenstärke, Ausrüstung sowie Vorbereitungen wie Kundschaften oder Sabotage bestimmt und im Kampf durch Aktionen wie Sturmangriffe oder Verteidigung beeinflusst wird, lassen sich große Schlachten spielerisch abbilden. Auch cineastische Heldenszenen können das Ergebnis verändern. Ist eine bestimmte Punktedifferenz erreicht, gilt die Schlacht als entschieden. Ergänzend sorgen Kampfmaschinen, Barrikaden und Umgebungseinflüsse für mehr Vielfalt.
Im Anhang finden sich kurze Ausführungen zu psychischen Störungen, Lagepläne und ein Index.
Bewertung
Schon in meiner jüngsten Rezension zu „Die Imperiale Rüstkammer“ sprach ich von einem Potpourri – ohne diesen Band damals überhaupt zu kennen. Nun bestätigt sich der Eindruck: Die einzelnen Teile wirken zusammengewürfelt und passen kaum zueinander, könnten jedoch jeweils andere Publikationen sinnvoll ergänzen. Die Oger hätten gut zu den nichtmenschlichen Völkern im „Imperialen Archiv I“ gepasst, die magischen Gegenstände zu „Winde der Magie“ und die Massenkampfregeln zur „Imperialen Rüstkammer“. Das Hospiz wiederum hätte sich eher für einen späteren Götter- oder Glaubensband angeboten. Diese Zersplitterung ist bedauerlich, auch wenn sie aus verkäuferischer Sicht nachvollziehbar sein mag.
Die Inhalte sind größtenteils sehr lesenswert. Zwar werden Oger als Spielercharaktere wohl selten genutzt – sie sind im Kampf oft zu mächtig und für viele Abenteuer schlicht zu groß –, doch ihre Darstellung ist unterhaltsam und liefert stimmige Hinweise für ihren Einsatz, ohne ins Lächerliche abzudriften. Die magischen Gegenstände bedienen ein klassisches Spielerinteresse und lassen sich mit wenig Aufwand individuell gestalten; auch die Identifikation und Herstellung sind angenehm einfach gehalten und auf wenige Regeln heruntergebrochen. Ähnlich überzeugen die Massenkampfregeln: Sie sind übersichtlich, ermöglichen aber dennoch, große Schlachten spielerisch zu beeinflussen. Das Hospiz bietet schließlich einen ungewöhnlichen, geheimnisvollen Schauplatz, der vor allem durch seine mysteriösen Patienten lebt. Lediglich Sternzeichen und Astrologie wirken etwas kleinteilig, auch wenn sie sich auf überschaubare Boni und Mali beschränken. Wer diesen Aspekt einbinden möchte, findet hier immerhin kompakte und leicht anwendbare Regeln und Hinweise.
Positiv betrachtet bietet der Band somit eine ausgewogene Bandbreite an Themen, und im Vergleich zu dem Magie- respektive Kämpferband bleiben die Regelelemente angenehm zurückhaltend. Meiner Erwartung nach hätten sich die Archive jedoch eher dafür angeboten, verschiedene Regionen – und wie im ersten Band auch unterschiedliche Völker – ausführlicher vorzustellen. Gerade eine neue Edition, die neue Spieler ansprechen soll, bräuchte einen umfassenden Weltband oder zumindest eine detaillierte Beschreibung zentraler Regionen des Imperiums, ähnlich wie es „Sigmars Erben“ in der zweiten Edition geleistet hat. Die hier versammelten Inhalte hätten sich thematisch besser in andere Publikationen einfügen lassen.
Die Gestaltung des Bandes ist erneut sehr gelungen: ansprechende Illustrationen, ein übersichtliches Layout sowie klar strukturierte Texte und Tabellen. Besonders positiv fallen die Varianten der Übersichtspläne für das Hospiz auf, die sowohl für Spielleiter als auch für Spieler hilfreich sind. Ein besonderes Lob verdienen zudem die einzelnen Sternbilder zu den Sternzeichen.
Fazit: Wer mit der passenden Erwartung an den Band herangeht (wie ich in der vorherigen Rezension schrieb), wird nicht enttäuscht: Die thematische Vielfalt eröffnet Einblicke in ganz unterschiedliche Bereiche. Gleichzeitig ist genau das auch die größte Schwäche, da die Inhalte wie eine Sammlung übrig gebliebener Texte wirken, die anderswo keinen Platz fanden. Zudem behandeln alle Kapitel eher selten genutzte Themen, was ihren praktischen Spielwert einschränkt. So entsteht kein unverzichtbarer Band – allerdings nicht aus Mangel an Qualität. Wer Gefallen an einzelnen Bereichen findet, kann dennoch bedenkenlos seine „Karls“ investieren.
Imperiales Archiv II
Quellenbuch
Graeme Davis, Dave Allen, Andy Law u. a.
Ulisses Spiele 2026
ISBN: 978-3-9873270-0-1
96 S., Hardcover, deutsch
Preis: 34,95 EUR
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