Holterdipolter

Im zweiten Teil in der Oink-Mini-Serie schauen wir uns ein Handmanagement-Spiel der anderen Art an. Nur wer geschickte Finger hat und die Ruhe bewahrt, wird eine Chance auf den Sieg haben.

von LarsB

„Holterdipolter; der Bass pumpt bis Obervolta.“ (Fettes Brot)

So. Jetzt ist das aus dem Weg. Ich als Halbstarker der 1990er Jahre aus dem norddeutschen Raum musste das unnachahmliche „Nordisch by Nature“ der Hamburger Kult-Rapper „Fettes Brot“ zitieren. Ich bitte um Verzeihung. Kommen wir zum Spiel.

Ein Acryl-Ring, sie zu knechten

Und nicht nur ein Acryl-Ring. Eine perlmutt-schimmernde Muschel, ein rubinartiger Würfel und, ganz in Holz, ein Schlüssel und eine Scheibe Käse. Natürlich. Eine Scheibe Käse. Sie alle gemeinsam jedenfalls knechten unsere auserwählte Hand. Unsere andere Hand bleibt aufgaben- und regungslos auf dem Tisch liegen und wäre Zuschauer, wenn sie Augen hätte. Die Verwendung unterschiedlicher Materialien und die hohe Variation der Formen verleiht dem, was nun folgt, einen besonderen Schwung.

Und Action, bitte!

Fünf Gegenstände ruhen nun also in unserer geschlossenen Hand. Doch das ändert sich, wenn die Karte vom Stapel aus der Mitte aufgedeckt wird. Hier ist abgebildet, welche Gegenstände unsere Hand um die Wette verlassen müssen. Mal ist das ein einzelner Gegenstand, mal sind das gleich vier der fünf Gegenstände, mal was dazwischen.

Wie einfach es doch wäre, wenn die andere Hand mitspielen dürfte. Oder zumindest die eigene Zunge. Aber das ist einfach nicht vorgesehen. So bemühen sich nun alle Finger der auserwählten Hand, die passenden Gegenstände abzuwerfen, ohne die anderen Gegenstände zu verlieren.

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Doch diese vermaledeiten Gegenstände kleben an der Schweiß-feuchten Hand und wollen sich einfach nicht lösen. Mehr Schweiß schießt ein. Und was macht dieser Holzschlüssel im Ring? Das wird jetzt extrem fummelig. Die Finger werden zu wahren Höchstleistungen angespornt. Da fällt es der anderen Hand schwer, still am Platz zu bleiben. Haptisch vollbringt „Holterdipolter“ Höchstleistungen. Der Blick wandert zu den anderen Spielern. Wie weit sind die schon? Was soll ich jetzt riskieren? Fällt ein falscher Gegenstand, muss man von vorn beginnen.

Ein Pyrrhus-Sieg?

Der erste, dem die Umsetzung der Kartenaufgabe gelingt, darf sich schnell den in der Mitte liegenden Holzgeist greifen. Damit ist die Runde geschlossen und es gibt zur Belohnung ein Glöckchen – in die auserwählte Hand.

Damit wird es in der nächsten Runde für den Sieger schwieriger. Die Glocke will man schließlich unter keinen Umständen verlieren. Dann wäre sie nämlich buchstäblich verloren und der ganze Triumph aus der Vorrunde für die Katz. Doch lieber den unsicheren Sieg abschenken? Moment, die anderen haben Probleme und ich muss nur noch … Klingeling. Mist! Diese Glocke ist Geschichte.

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Die Glocken stellen einen eleganten Ausgleichsmechanismus dar, der allen Spielern mal ein Erfolgserlebnis zu schenken vermag und zugleich Aufholfantasien beflügelt.

Bis zur Fünf sollt ihr zählen, die Drei scheidet völlig aus

Das Spiel endet, sobald der erste Spieler sich das fünfte Glöckchen nehmen darf. Auf dem Weg dahin gibt es für den Feld-Wald-und-Wiesen-Holterdipolterer ein emotionales Auf und Nieder. Sicher geglaubte Etappensiege werden in letzter Sekunde noch verschenkt. Glöckchen fallen aus der Hand, die man gar nicht im Blick hatte. Auch der Super-GAU kommt vor: gleich drei oder vier Glöckchen purzeln hernieder gefolgt von einem markerschütternden Aufstöhnen.

Aber auch Monster-Moves werden gefeiert: Die passenden vier Gegenstände fallen nahezu gleichzeitig aus der Hand. Zack gewonnen. Die Gruppe staunt: „Wie hast Du das denn jetzt gemacht?!“ Es fühlt sich gut an – im wahrsten Sinne des Ausspruchs.

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Wer kann, der kann

Das Spiel ist ein Geschicklichkeitsspiel. Die auserwählte Hand spielt die Hauptrolle. Nicht alle Menschen haben ihre Finger gleich gut unter Kontrolle. Und besonders kleine Hände stellen schon einen Wettbewerbsnachteil dar. Handschuhgröße 6 sollte man daher haben. Darunter wird es schwierig. Gleiches gilt für Riesenpranken und fehlende Finger.

Wenn es einen Dauersieger in der Runde geben sollte, kann man variieren: Nimm die andere Hand oder gewinne ein Glöckchen mehr als der Rest. Und wenn auch das nicht hilft: Nimm deinen Fuß! So bleibt das Spiel für alle spannend.

Überraschung

„Holterdipolter“ hat mich überrascht. Ja, ich gebe es zu. Ich habe mit meiner Frau geschimpft (nicht schlimm geschimpft, aber geschimpft), dass sie dieses Spiel auf der BerlinCon für 20 Euro gekauft hat. Doch ich bin überrascht worden, welche tolle Dynamik und Emotionalität das Spiel trotz seines eng gesteckten Rahmens entwickeln kann. Es ist schnell gespielt und kann zu fast jeder Gelegenheit herausgeholt werden. Es funktioniert unabhängig von der Gruppengröße aufgrund der Parallelität ganz wunderbar.

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Ich jedenfalls schäme mich ein bisschen für meine Vorverurteilung dieses Spiels (und meiner Frau). Der Oink-Titel hat mich überzeugt. Für Geschicklichkeitsfans ist „Holterdipolter“ eigentlich ein Muss und für alle, die nach einer überraschend emotionalen und kurzen Spielerfahrung abseits des Mainstreams suchen, ist „Holterdipolter“ ein ganz interessantes Spiel. Selbst meine Tochter, die analoges Spielen eigentlich gar nicht mag, zieht „Holterdipolter“ ab und an mal aus dem Regal und fordert eine Partie ein.

Fazit: Ja, der Bass pumpt bis Obervolta. Ich hätte es nicht gedacht. Ein zugängliches, intelligentes und schnell gespieltes Geschicklichkeitsspiel mit toller Haptik und regeltechnischer Eleganz!

Holterdipolter
Brettspiel für 2 bis 5 Spieler ab 7 Jahren
Ruel & Naotaka Shimamoto
Oink Games 2026
EAN: 4571397091685
Sprache: Deutsch
Preis: 20,00 EUR

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