von Jens Krohnen
Der 1876 geborene Hesketh Vernon Prichard erlangte einige Bekanntheit als Abenteurer, Großwildjäger und Schütze. Als Major der britischen Armee diente er im ersten Weltkrieg. Darüber hinaus war er allerdings auch Schriftsteller. Gemeinsam mit seiner Mutter, Kate O’Brien Ryall Prichard, ersann er den fiktionalen Charakter Flaxman Low, der in den 1890ern in verschiedenen Geschichten auf Geisterjagd gehen durfte. Publiziert haben die beiden ihre Geschichten unter dem Pseudonym „E. & H. Heron“. Low gilt in der Literaturwissenschaft als erster Detektiv des Paranormalen. Eben jenen Klassiker hat Marc Gruppe nun für eine weitere Ausgabe seiner „Gruselkabinett“-Reihe gewidmet.
Als Mann von Welt verkehrt Flaxman Low natürlich auch in einem englischen Club. Kein Wunder, dass er den einen oder anderen Gentleman kennenlernt. So auch Phil Strewd, der etwas außerhalb von London einen Landsitz bewohnt. Dieser lädt ihn wegen eines ungewöhnlichen Problems zu sich ein: In seinem lange Zeit unbewohnten Nachbarhaus, Saddler’s Croft, soll es umgehen. Leider hat sich Strewds Freund Andy Corcoran mit seiner Gattin Sadie dort wohnhaft eingerichtet. Und die junge Hausherrin bringt mit ihrer Vorliebe für Spiritismus gepaart mit jugendlicher Neugier die Probleme mit dem örtlichen Spuk erst so richtig in Gang.
Die bisherigen Auftritte Flaxman Lows in der „Gruselkabinett“-Reihe konnten mich bislang wechselweise überzeugen oder auch nicht. Glücklicherweise zählt „Der Fall Saddler’s Croft“ eindeutig zu den stärkeren Episoden. Zwar gibt es auch hier wieder eine große Schwachstelle, die man bereits von den Low-Erzählungen gewöhnt ist: Die Erzählung erfolgt in Retrospektive (was nahelegt, dass alle Protagonisten die Handlung unbeschadet überstehen werden). Dafür ist die hier vorliegende Spukerscheinung so ganz abseits der üblichen – typisch englischen – Spukhausgeschichten angesiedelt, dass man über diese Schwäche geflissentlich hinweghören mag. Auch der Charakter von Flaxman Low selbst erfährt durch seine Selbstsicherheit – und den Umstand, dass er auch einmal kräftig zulangen darf – weiter an Profil. Da ist es fast schade, dass sein Butler in dieser Episode keine Rolle spielen darf, ist doch gerade das Zusammenspiel zwischen diesem und seinem Hausherrn meist ein Highlight.
Ein weiteres Mal hervorragend gelungen ist die technische Umsetzung dieser „Gruselkabinett“-Episode. In den passenden Toneffekten erkennt man Gruppes routinierte Handschrift. Besonders lobend erwähnen möchte ich einerseits die Riege der maskulinen Sprecher, denen es durch ihre unterschiedlichen Stimmen bestens gelingt, die Charaktere auch in intensiven Gesprächen für das Ohr unterscheidbar zu halten. Andererseits ist es gerade Regine Lamster als Sadie Corcoran, die durch die jugendliche Begeisterung in ihrer Stimme das Hörspiel wirklich zu bereichern weiß. Das von Bastien Ephonsus gestaltete Titelbild ist qualitativ hochwertig und reiht sich nahtlos in die optische Gestaltung der Reihe ein. Auch technisch gibt es damit eine gute Note.
Fazit: Tolle Sprecher, eine unverbrauchte Spukerscheinung und technisch hochwertig wie immer: „Der Fall Saddler’s Croft“ gehört nicht nur zu den besseren „Flaxman-Low“-Fällen, sondern auch zu den absolut empfehlenswerten Ausgaben der „Gruselkabinett“-Reihe.
Gruselkabinett 196: Flaxman Low – Der Fall Saddler’s Croft
Hörspiel nach E. & H. Heron
Marc Gruppe
Titania Medien 2025
ISBN: 978-3-78578713-7
1 CD, ca. 79 min., deutsch
Preis: 9,99 EUR
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