von LarsB
Für größere Gruppen mit größerem Spieleappetit
Die Mehrheit der neu erscheinenden Spiele wendet sich an Spielegruppen, die aus maximal vier Spielern bestehen. „Gnomenparlament“ (erschienen bei Fobs Games) sticht da heraus. Hier geht es erst ab vier Spielern los. Bis zu acht Spieler können bei „Gnomenparlament“ im Sitzungssaal Platz nehmen. Dabei ist das Spiel kommunikativ, aber eben ein Stück weit anders als die meisten sogenannten Partyspiele. „Gnomenparlament“ nimmt sich nie ernst und möchte unterhalten, ist aber an einigen Stellen nicht besonders leichtfüßig. Es steckt eben mehr unter der Haube als bei einem „Codenames“ oder „Munchkin“. Das ist Chance und Hypothek zugleich.
In der Tischmitte liegt ein Pappstreifen aus, der Orientierung für die Platzierung von Gesetzeskarten gibt. Unter dem Streifen liegen Gesetze, über die wir noch abstimmen müssen. Oberhalb des Streifens liegen Gesetze, die bereits in Kraft getreten sind. Dabei schiebt ein neues Gesetz ein altes Gesetz nach rechts raus, wenn der Platz für aktive Gesetze voll ist. So haben wir niemals ein unhandliches Gesetzbuch vorliegen, das nur mit Jurastudium gezähmt werden kann. Gehirnverbrennungen wird damit vorgebeugt.
Wie immer bei acht Spielern an einem Tisch sitzen nicht alle Mitspieler nah genug an der Kartenauslage. Da werden die Kartentexte dann klein, auch wenn die Karten selbst schön groß sind. Durch die Begrenzung auf maximal drei aktive Gesetze und maximal drei Gesetzeskandidaten ist das aber mit etwas Kommunikation am Tisch durchaus vertretbar. Darüber hinaus weisen Symbole auf den grundsätzlichen Charakter eines Gesetzes hin und erleichtern die Orientierung etwas.
El Presidente und die Abstimmung
Der aktuelle Parlamentspräsident darf einen der drei Gesetzesentwürfe auswählen und zur Abstimmung stellen. Die Gesetzesbezeichnungen sind herrlich. Beispiele? „Gesetz zur Tröstung der Verlierer“ oder „Gesetz zur Förderung der Konformität mit dem Präsidenten“ oder „Gesetz zur Belohnung des Lobbyismus“.
In einer kleinen, hoffentlich lebhaften Debatte besprechen sich alle Gnome hinsichtlich ihres Abstimmverhaltens zum vorgeschlagenen Gesetz. Theater und Rollenspiel sind dabei ausdrücklich gefragt! Nüchtern (manchmal in beiderlei Sinn) droht das Spiel schneller zu vertrocknen als meine Frühstückskresse im Starkstrom-Dörrofen. Denn jetzt ist die Zeit für Deals, für Polemik, für Schauspielerei.
Nach hitzigen Debatten und falschen Versprechungen wird geheim abgestimmt. Wer seinen Einfluss im letzten Moment mit Lobbystimmen pusht, kann das Ergebnis komplett kippen. Im Moment der Ergebnisbekanntgabe gleicht die Stimmung am Spieltisch manchmal der im britischen Unterhaus bei Debatten über die Einführung des Euro, aber nur im schottischen Landesteil. Tumulte, Zwischenrufe, Beschimpfungen, Freudenschreie. Hört, hört!
Ehrenpunkte, wem Ehrenpunkte gebühren
Grundsätzlich sammelt man als Mitglied des Gnomenparlaments einen Ehrenpunkt ein, wenn man mit der Mehrheit gestimmt hat. Wird der Gesetzesentwurf angenommen, tritt das Gesetz sofort in Kraft. Die Gesetzesreihe oberhalb des Pappstreifens wird nun einmal durchgespielt. Hier sammeln wir die heiß begehrten Ehrenpunkte und Lobbystimmen – oder werden sie wieder los. Gesetze können uns nämlich begünstigen oder benachteiligen. Im „Gesetz zur Ehrung abwechselnd Sitzender“ heißt es etwa: „Der Präsident sowie jeder zweite Gnom danach reihum im Uhrzeigersinn erhalten reihum einen Ehrenpunkt.“ Im „Gesetz zur Förderung neuer Gesetze“ heißt es wiederum „Jeder Gnom, der für ein angenommenes Gesetz gestimmt hat, erhält einen Ehrenpunkt zusätzlich.“ Ihr seht, wo die Reise hingeht.
Wird das Gesetz abgelehnt, muss der Präsident abdanken. Wird der Gesetzesvorschlag angenommen, kann der Präsident abdanken, muss er aber nicht. Viva el Presidente! Besonders, wenn die Gesetzes-Auslage stimmt.
Das Ende naht, der Anfang ist schwer
Die erste Spielendekarte im Gesetzeskartenstapel eskaliert die Punktevergabe, um hinten heraus noch Rückstände aufholbar zu machen. Hoffnung keimt auf. Die zweite Spielendekarte kommt bestimmt noch nicht so bald. Denn: Das Spiel endet sofort mit dem Aufdecken der zweiten Spielendekarte.
Der richtige Zeitpunkt, mal den Blick auf den Anfang zu lenken. Hier stört der etwas kantige Aufbau. In der ersten Partie kann der Kartenstapel eigentlich so hergenommen werden, wie er ist. Das ist gut. Für spätere Partien muss der Stapel präpariert werden. Startgesetze, drei Stapel, Spielendekarten, Gesetze für Fortgeschrittene, usw. – all das muss richtig (aus)sortiert und abgehandelt werden. Hat man die Logik erst einmal verstanden, ist das okay, aber es bleibt einfach hakelig und umständlich. In einer Studentenrunde mit mehr als zehn aufsummierten Promille ist diese Aufgabe eine echte Herausforderung, glaube ich.
Das ist noch nicht das Ende der Fahnenstange
Wer mehr Tiefe sucht, kann die Module „Dekrete“ und geheime „Agenden“ ins Spiel nehmen. Das klingt auf dem Papier toll und taktisch, hat aber einen Haken: Es macht das Spiel gerade in kleineren Gruppen potenziell unbalanciert. Wenn die aufgedeckten Gesetze zufällig nur den anderen in die Karten spielen, guckt man in die Röhre. Gerade das Modul „Agenden“ verspricht Strategie, liefern aber zu häufig Frust. „Dekrete“ können für die große Wendung zum Schluss sorgen, was die Emotionen in die Höhe treibt. Voraussetzung ist, man hat ein Dekret auf der Hand, was genug Gnomen hilft, um eine Mehrheit zu organisieren. Sonst verpufft das eigene Dekret enttäuschend.
Trotzdem finde ich, dass ohne das Modul „Dekrete“ eine Partie „Gnomenparlament“ zu linear läuft. Dekrete bringen schon Würze hinein. Nur manchmal habe ich eben nicht das passende Gewürz ausgeteilt bekommen. Und auch „Agenden“ sorgen für Spannung zum Ende, aber nicht unbedingt für Gerechtigkeit.
Was taugt es?
Wie die meisten kommunikativen Spiele hängt das Spielerlebnis sehr von der Spielgruppe selbst ab. „Gnomenparlament“ lebt von Debatten, die die Skurrilität der Gesetze aufgreifen. Ein bisschen Rollenspiel bringt da die nötige Würze hinein und gibt dem Spiel eine gute thematische Leichtigkeit. In unlustigen, staubtrockenen Gruppen würde ich „Gnomenparlament“ nicht spielen.
Der größte Kritikpunkt ist die Unvorhersehbarkeit der Spieldynamik. Mit den richtigen Gesetzen in der Auslage entstehen spannende Interessenkonstellationen und sehr lebhafte Diskussionen. Ich bekomme gleich zwei Ehrenpunkte, wenn ich als einziger Gnom mit NEIN gestimmt habe. Oder einstimmige Ergebnisse kehren sich um. Stimmen also alle mit JA, dann wird das Gesetz abgelehnt. Manchmal wird das in der Kombination dann auch zu viel des Guten. Und niemand steigt mehr durch. Dann wiederum ergeben sich manchmal triviale Gesetzes-Konstellationen, in denen die Mehrheit klar ist und man sich dieser anschließen muss, um nicht abgehängt zu werden. Meh.
„Gnomenparlament“ spielt man nicht, um unbedingt einen Sieg einzufahren. „Gnomenparlament“ spielt man, um die absurden Gesetze (immerhin 46 Stück) zu feiern und die Debatten zu leben. Wer eine Spielegruppe hat, die Rollenspiel-affin ist, der wird mit „Gnomenparlament“ eine tolle Zeit verbringen, vorausgesetzt, die Gesetzesauslage stimmt. Hier kann eine schöne Magie entstehen.
„Gnomenparlament“ ist damit Schrödingers Katze in der Spielbox. Erst im Spiel selbst erfährt man, ob es eine tolle Partie ist oder eben nicht. Grundvoraussetzung bleibt aber eine lebhafte und spielerfahrene Spielgruppe, die mit dem Thema etwas anfangen kann und den Humor mag. Und das ist dann auch der größte Ballast für „Gnomenparlament“. Finde mal eine passende große Spielgruppe …
Fazit: „Gnomenparlament“ ist ein Verhandlungsspiel vor allem für größere Gruppen, funktioniert aber auch schon mit vier Spielern. Es ist dabei kein klassisches Partyspiel, lebt aber von einer kommunikativen Spielgruppe. Dann kann eine besondere Stimmung entstehen. Die Gruppe zelebriert die absurden Gesetze, die permanente Ausrichtung auf den persönlichen Vorteil und die Debatten selbst. Ist „Gnomenparlament“ mit der richtigen Gruppe ein besonderes Spiel mit Kultpotenzial? Jein. Je nach Gesetzeslage entsteht etwas Spezielles oder eben nicht. Schrödinger lässt grüßen. Das Spiel ist nicht sonderlich balanciert, wenn man mit dem Agendamodul spielt – gerade in kleineren Gruppen. Über die Module kann jedoch mehr Spieltiefe erzeugt werden und den Debatten mehr Substanz verliehen werden.
P.S.: Ich habe bis heute das Pappstreifenpuzzle (zwei Teile) nicht lösen können. Könnte es vielleicht doch sein, dass die Puzzleteile nicht zusammenpassen? Und wieso habe ich immer angedudelte Studentengruppen im Kopf, die angestrengt versuchen, das Spiel aufzubauen?
Gnomenparlament
Brettspiel für 4 bis 8 Spieler ab 10 Jahren
Channing Jones
Fobs Games 2025
EAN: 5390887833330
Sprache: Deutsch
Preis: 30,00 €
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