Geschichten aus dem Hellboy-Universum XIV

Eine Weile lang, etwa von 1995 bis 2010, war Hellboy der heiße Scheiß. Der rote Dämon mit der Steinfaust und der Vorliebe für Pfannkuchen, den Schöpfer Mike Mignola als raue Heldenfigur gegen das okkulte, archaische und außerweltliche Böse ins Feld schickte, eroberte Fan-Herzen und mit den zwei Filmblockbustern von Guillermo del Toro sogar Hollywood. Auf Deutsch hatte und hat Hellboy beim Verlag Cross Cult sein Zuhause. Mittlerweile ist es ruhiger um Hellboy geworden. Umso schöner für Fans, dass Cross Cult weiter treu „Geschichten aus dem Hellboy-Universum“ veröffentlicht.

von Kurt Wagner

Die Bandnummer 14 – oder auf dem Cover selbst lateinisch XIV – verrät es schon: Die Comic-Reihe gibt es bei Cross Cult schon länger. Während in den ersten Jahren von Hellboys Ruhm noch jedes Abenteuer als einzelner Hardcoverband veröffentlicht wurde, ist der Ludwigsburger Verlag nun schon seit Jahren dazu übergegangen, weitere Geschichten in dicken, schweren 500-Seiten-Hardcover-Brocken herauszubringen. So ist die Produktion einfach wirtschaftlicher.

Nichtsdestoweniger geht es in diesen Sammelbänden vollwertig zur Sache. Das sind nicht etwa Anthologien mit Spin-Off-Geschichten, wobei auch solche natürlich ihren Platz darin finden. So gab es in der Vergangenheit beispielsweise mehrfach Abenteuer von Figuren wie The Lobster, einem Vigilanten im New York der 1930er, oder dem Witchfinder Sir Edward Grey, einem Ermittler für das Übernatürliche im viktorianischen London. Aber im Kern geht es schon immer wieder um Hellboy beziehungsweise den Kampf der B.U.A.P., der Behörde zur Untersuchung und Abwehr paranormaler Erscheinungen, gegen das Böse.

Der vorliegende Band 14, limitiert auf 666 Exemplare, bildet hierin eine gewisse Ausnahme. Dazu muss man wissen, dass in Sammelband 13 ein gewaltiger Handlungsstrang um Hellboy und die B.U.A.P. von Mike Mignola zu Ende geführt worden war. Die Menschheit ist untergegangen. Ragnarök. Armageddon. Ende. Kein Witz. Ein bisschen frustrierend vielleicht für Fans, aber laut Mignola war das seit 25 Jahren so geplant. Dieser Sammelband nun ist irgendwie … nun, wie soll ich es ausdrücken … das zitternde Atemholen danach. Eine Sammlung vergleichsweise klein anmutender Geschichten, die zudem sehr isoliert für sich stehen. Liest man das Buch ohne den Kontext der vorherigen Bände, also vielleicht Dank eines Spontankaufs im Comic-Shop der eigenen Wahl, bekommt man tatsächlich ein völlig falsches Bild davon, was die Reihe „Geschichten aus dem Hellboy-Universum“ eigentlich ist.

Die Settings der vier versammelten Geschichten sind sehr unterschiedlich, aber der Tonfall ähnelt sich natürlich. Stets geht es ums Okkulte, um menschliche Pakte mit unmenschlichen Kräften und um den anhaltenden Kampf einzelner gegen das Grauen, das in allen dunklen Ecken der Wirklichkeit lauert, zwischen den Wänden alter Anwesen ebenso wie in uralten unterirdischen Steintempeln, am Grund des Meeres ebenso wie in in Hexenhäusern, die nicht ganz von dieser Welt sind.

Die erste Geschichte heißt „Witchfinder – Die Herrschaft der Finsternis“ und stammt ursprünglich aus dem Jahr 2020. Es handelt sich bereits um das sechste Abenteuer des Ermittlers fürs Okkulte und Widernatürliche, ein Umstand, den man aus verbalen Verweisen auf frühere Abenteuer oder aus dem beiläufigen Auftritt anscheinend altbekannter Figuren erahnen mag. Trotzdem kann man der Handlung auch sehr gut folgen, wenn dies die erste Bekanntschaft mit Sir Edward Grey ist. Im London des Jahres 1888 kommt es zu bestialischen Mordfällen an Prostituierten. Grey, der sich ungefragt in die Polizeiarbeit einmischt, erkennt sofort Hinweise auf rituelle Machenschaften. Schnell glaubt er auch einen Täter ausgemacht zu haben, doch er hat nicht genug in der Hand, um ihn dingfest zu machen. Obwohl ihn Scotland Yard verlacht, folgt er weiter seiner Spur und lernt dabei nicht nur die resolute Amerikanerin Sarah Jewell kennen, sondern weckt auch einen äußerst gefährlichen Feind.

Die Handlung von Mike Mignola und Chris Roberson hat in meinen Augen alles, was eine gute Geschichte im „Hellboy“-Universum ausmacht: Kultisten, rituelle Morde, eine finstere Intrige, einen unbeirrbaren, aber meist einsamen Ermittler. Die Zeichnungen von Christopher Mitten wirken vielleicht etwas kratzig im Strich, sind aber sehr schön detailliert und passen gut zur erzählten Stimmung. Ein starker Einstieg, der zugleich einen Endpunkt im Leben von Sir Edward Grey darstellt. (Es geht dennoch weiter mit ihm, keine Sorge.)

Als nächstes folgen drei Mini-Serien, die weitgehend für sich stehen. „Ein Sarah Jewell Krimi – Das Haus der verlorenen Horizonte“ macht die gerade erst frisch eingeführte Sarah Jewell zur Hauptfigur. Allerdings spielt die Handlung im Jahr 1926, verwandelt also die eben noch wütende junge Frau in eine Miss-Marple-ähnliche Detektivin fürs Okkulte, die dem Anschein nach bereits ein bewegtes Leben mit Abenteuern rund um die Welt hinter sich hat. Nun wurde sie zu einer Freundin eingeladen, deren Ehemann verstorben ist und der eine riesige Sammlung obskurer Artefakte zurückgelassen hat. Diese sollen auf seinem Anwesen auf einer einsamen Insel vor der Ostküste von Nordamerika versteigert werden. Natürlich werden die Gäste von der Außenwelt abgeschnitten, und dann beginnt eine unheimliche Serie von Morden.

Die Geschichte von Chris Roberson zieht einem jetzt nicht die Schuhe aus vor frischen Einfällen, aber sie liest sich rund und solide und macht durchaus Spaß, zumal natürlich fast jeder Anwesende sein eigenes Geheimnis hat. Mit der gealterten Sarah Jewell muss man sich als Leser allerdings erstmal anfreunden. Richtig gezündet scheint die Serie allerdings nicht zu haben, denn bis heute blieb diese Geschichte von 2021 das einzige „Sarah Jewell Mystery“. 

„Das Schwert aus Hyperborea“ von 2022 ist zweifellos der sperrigste Beitrag dieses Sammelbands – und derjenige, der am direktesten an der „Hellboy“-Haupthandlung dran ist. Die Geschichte beginnt während der Apokalypse in Sammelband 13. Der B.U.A.P.-Agent Howards kämpft als Träger des Schwerts von Hyperborea gegen ein monströses Tentakelwesen – und stirbt dabei. In einer seltsamen Bildersequenz fallen wir zurück in der Zeit bis zum Anbeginn der Geschichte des Schwerts. Und dann folgen wir ihm durch die Jahrhunderte, wie es einen Träger nach dem anderen fand und wieder verlor. Es sind jeweils nur Schlaglichter, die einsame und oft gebrochene Helden im Kampf gegen finstere Kräfte zeigen, wobei immer wieder als Zielpunkt des Schwerts das Wort Chicago genannt wird.

Die Geschichte ist eher eigenwillig, extrem bedeutungsschwanger und am Ende irgendwie ernüchternd. Ja, die Stimmung, die Mike Mignola und Rob Williams aufbauen, passt natürlich. Jede Episode für sich genommen wäre schön in größerem Umfang gewesen. Gerade das Setting um den Tiefseetaucher im Zweiten Weltkrieg hätte problemlos mehr Seiten vertragen. So bleibt das alles eine von Laurence Campbell kunstvoll illustrierte Idee, die eigentlich keine eigene Mini-Serie gebraucht hätte, aber einmal mehr zeigt, wie sehr es doch Mike Mignolas Programm ist, erzählerische Experimente einzugehen.

Den Abschluss bildet „Das Schloss der Amseln“ von „Hellboy“-Debütantin Angela Slatter aus dem Jahr 2022. Die Geschichte handelt von der jungen Sara May Blackburn, die 1967 eigentlich nur auf die Linton-Mädchenschule gehen will, um dort die mysteriöse Miss Brooks zu treffen, die ihr dabei helfen soll, die seltsamen Kräfte zu verstehen, die Sara May ihr ganzes Leben schon plagen. Natürlich zeichnet sich bereits nach wenigen Seiten ab, dass besagte Schule in Wahrheit eine geheime Akademie für junge Hexen ist und dass deren Rektor, Mister Blue, irgendwelchen Dreck am Stecken hat. Je mehr Sara May ihre Kräfte entwickelt, desto gefährlicher wird es für sie in diesem Haus zwischen den Welten.

Diese Geschichte wurde leider unglücklich von Cross Cult gewählt. Schon von Anfang an hat man das Gefühl, dass sie an eine andere Story anschließt, die man irgendwie nicht kennt. Tatsächlich baut sie auf den Band „Hellboy 22:
Die Rückkehr von Effie Kolb“ auf, der zum Zeitpunkt des Erscheinens dieses Buchs noch nicht auf Deutsch herausgekommen war – mittlerweile allerdings bei Cross Cult vorliegt. Ansonsten trifft Slatter die Atmosphäre von „Hellboy“ gut. Ominöses und nicht ganz einfach Verständliches mischt sich hier mit einer eher einfachen Dämonenpakthandlung. Die Zeichnungen von Valeria Burzo empfand ich als etwas schlicht, wobei einzelne ausdrucksstarke Panels nach oben ausreißen.

Fazit: „Geschichten aus dem Hellboy-Universum XIV“ ist nicht der übliche Sammelband der Reihe. Er liest sich wie das zittrige Atemholen nach dem großen Knall. Neben einem neuen „Witchfinder“-Abenteuer enthält er entsprechend zwei inhaltlich sehr kleine und in sich abgeschlossene Okkult-Abenteuer. Dazu kommt der sehr schicksalsträchtig, aber letztlich vor allem episodische Beitrag „Das Schwert von Hyperborea“. Im Rahmen der ganzen Reihe halte ich den Band für einen der eher schwächeren Beiträge. Als Einzelwerk funktioniert er ganz gut, eben weil er relativ isoliert für sich stehende Geschichten erzählt. Bloß „Das Schwert von Hyperborea“ passt hier dann nicht ganz hinein. Und man hätte sich zudem gewünscht, dass „Hellboy 22: Die Rückkehr von Effie Kolb“ zuerst auf Deutsch erschienen wäre, um den Anfang von „Das Schloss der Amseln“ besser verstehen zu können. Trotz allem ein lesenswertes Werk für Fans von Mike Mignolas Universum der finsteren Götter und Prophezeiungen. Mit 60 Euro ist der Sammelband allerdings mindestens 10 Euro zu teuer, wie ich finde.

Geschichten aus dem Hellboy-Universum XIV
Comic
Mike Mignola, Chris Roberson, Angela Slatter u. a.
Cross Cult 2025
ISBN: 978-3-96658-588-0
512 S., Hardcover, deutsch
Preis: 60,00 EUR

bei amazon.de bestellen