DSA: Die schlummernde Chimäre

Eine 16-seitige Kurzgeschichte, die die Lesenden in die ferne Welt des Rollenspieluniversums „Das Schwarze Auge“ verschlägt, wurde in diesem Jahr unter dem Titel „Die schlummernde Chimäre“ veröffentlicht. Wie liest sich diese? Erweitert sie die Möglichkeiten für einen Spielleiter oder eine Spielleiterin? Schauen wir mal genauer hin …

von Daniel Pabst

Diese – sehr kurze – Novelle stammt von Carolina Möbis, die für Spielende von „Das Schwarze Auge“ (kurz: DSA) keine Unbekannte ist. So war sie zum Beispiel am Regelwerk von „Die Schwarze Katze“ mitverantwortlich. Und für alle, die keine Lust verspüren, eine fremde Geschichte in „ihrer“ Welt von „DSA“ zu lesen, sondern stattdessen lieber selbst ein Abenteuer erleben wollen, denen sei gleich zu Beginn verraten, dass diese Novelle am Ende Inspiration für eigene Abenteuer bieten soll und dazu auch etwas Hilfestellungen an die Hand gibt, wie zum Beispiel ein Glossar mit Worterklärungen sowie eine Rahmenhandlung, inklusive von Kampfwerten einer Chimäre. Doch eins nach dem anderen. Beginnen wir mal bei dem Hauptinhalt – der Kurzgeschichte.

Die Geschichte teilt sich in drei Kapitel mit den Titeln „Bastrabuns Bann“, „Die fehlende Komponente“ und „Alte Freunde, neue Feinde“. Gleich zu Beginn werden die Leserinnen und Leser in die Lage versetzt, sich aus dem Alltag hinfort zu imaginieren. Ein Geier setzt sich auf eine schwarze Stele, lesen wir, gefolgt von der Vorstellung der Protagonistin mit Namen Dschinja, die – wie könnte es anders sein – eine Magierin ist. Dschinja ist mit ihrer Leibwächterin namens Naima in die Steppe aufgebrochen, um diese Stele mit ihren Hieroglyphen zu untersuchen. Die hitzige, sandige Atmosphäre überträgt sich schon nach wenigen Sätzen. Inmitten von Mangobäumen steht ihr Zelt und man kann sich gut in das Gelesene hineinversetzen. Das ist der Autorin Carolina Möbis sehr gut gelungen.

Auch die weiteren Seiten lassen diese Stimmung immer lebendiger werden. Als Dschinja plötzlich das Gefühl hat, zu träumen und in diesem Traum eine Chimäre auftaucht, wird die Handlung actionreich. Es folgt ein seitenlanger Kampf. Und eben diesen kann man am Ende dieser Novelle mit seiner Spielgruppe nachspielen. Hierzu bietet die Novelle nämlich Hinweise, wie die Spielenden in eine ähnliche Situation wie Dschinja versetzt werden können und auf welche Weise sie es mit einer Chimäre aufnehmen können. Was diese Geschichte anbietet, ist die Option, eine Chimäre und ein wenig Wüstensand in das eigene „DSA“-Abenteuer einzubauen.

Da „Die schlummernde Chimäre“ kein stark strukturiertes Abenteuer mit vielen Ortsbeschreibungen und Szenenfolgen, sondern ein kompakter Abenteueraufhänger ist, hat man als Spielleiter oder Spielleiterin einen großen Handlungsspielraum für die Kampagne. Nur der wichtige Kern der Kampagne – nämlich, dass die Helden und Heldinnen eine uralte magische Stele untersuchen und von rätselhaften Träumen verfolgt werden – bleibt unantastbar. Der größte Pluspunkt des Abenteuers für eine Gruppe ist also seine Offenheit. Die Traumsequenzen sind ausdrücklich als flexibel anzusehen und sollen auf die Vergangenheit der Helden zugeschnitten werden. Mit Gruppen, die gerne chaotisch handeln oder den richtigen Weg vor sich nicht erkennen, ist der offene Aufbau der Kampagne hervorragend geeignet, und die Chimäre als Antrieb im Hintergrund lässt die Geschichte unweigerlich voranschreiten. Hinzu kommt die düstere Atmosphäre, die für die richtige Stimmung sorgt und die Spielenden zwischen einer düsteren, mystischen Welt und der gnadenlosen, realen Welt hin und her wandern lässt.

Wer dagegen ein komplexes Abenteuer mit vielen Ermittlungen, verzweigten Handlungswegen oder politischen Intrigen in der aventurischen Welt sucht, ist hier fehl am Platz. Der Endkampf mit der Chimäre ist durchaus stimmungsvoll, lebt aber vor allem von einer guten Inszenierung durch die Spielleitung. Hier bedarf es also ausreichend Einfallsreichtum und Kreativität für die Spielleiterin oder den Spielleiter mit einer guten Vorbereitung. „Die schlummernde Chimäre“ ist laut Aussage unseres Spielleiters daher insgesamt ein „guter Baukasten statt eines engen Drehbuchs, bei dem die Handlung recht geradlinig verläuft und mehr von der Stimmung und der Präsentation, als vom komplexen Geschichtenaufbau lebt.“ Als Auftakt oder Zwischenspiel innerhalb einer größeren Kampagne funktioniert das Abenteuer wohl am besten.

Interessanterweise schafft es die Geschichte aber durch ihre Atmosphäre auch ein eher neues Publikum zu erreichen. Konkret: Selbst Nichtspielerinnen und Nichtspieler werden beim Lesen der kurzen Geschichte gefesselt. Für einen kurzen Moment fühlt man sich als Leserin oder Leser von „Die schlummernde Chimäre“ ganz nah bei Dschinja neben den Mangobäumen inmitten der unsäglichen Hitze und Trockenheit wieder. Wer zum Beispiel den packenden und atmosphärischen Roman von P. Djèlí Clark mit dem Titel „Meister der Dschinn“ (Originaltitel: „A Master of Djinn“) gelesen hat, bei dem werden Erinnerungen an ein grandioses Leseerlebnis geweckt. Wobei „Meister der Dschinn“ mit seinen 567 Seiten weitaus facettenreicher und spannender geschrieben ist als diese 16 Seiten von Carolina Möbis.

Die Geschichtenwelt von „DSA“ geht immer weiter und ein Ende scheint noch lange nicht in Sicht, was diese kurze Geschichte beweist. Die Chimären als Gegner sind übrigens in vielen weiteren Rollenspielen zu finden. Der Autor dieser Rezension jedenfalls fühlt sich durch „Die schlummernde Chimäre“ dazu verleitet, alsbald mit der Spielgruppe Fuß in den beiden Mysterienabenteuern „Das letzte Siegel (Göttin der Chimären I)“ und „Das Nest der Schlange (Götting der Chimären II)“ zu fassen. Das klingt sehr spannend und wer weiß, welche Gefahren dort noch so auf die Spielenden warten …

Fazit: Wer sich aufgrund der aktuellen Hitzewelle in den Genuss einer atmosphärischen Geschichte bringen will, in der nicht nur der Protagonistin Dschinja der Kopf in der Hitze flirrt, dem kann zum Kauf dieser sehr kurzen Novelle geraten werden. Gerne hätte man mehr gelesen, doch war der Sinn und Zweck von „Die schlummernde Chimäre“, einen Teaser in die Welt der Chimären zu geben, anstatt einen Roman wie etwa „Meister der Dschinn“ von P. Djèlí Clark zu verfassen. Für „DSA“-Fans sowie für alle, die Freude an mystischen Fantasygeschichten – inspiriert durch den fernen Orient – haben, sind die 4,99 Euro gut investiertes Geld, um für wenige Minuten dem Alltag zu entfliehen und auf eine Abenteuerreise zu gehen. 

DSA: Die schlummernde Chimäre 
Rollenspiel-Kurzgeschichte 
Carolina Möbis
Ulisses Spiele 2026
ISBN: n. a.
16 S., PDF-Datei, deutsch
Preis: 4,99 EUR

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