Im Schatten Simyalas 3 – Der dunkle Brunnen

Die Ereignisse in Punin haben die Gemeinschaft auseinandergerissen. Die Thorwalerin Eyvin hat sich Franya und Lindion angeschlossen, die zunächst in Gareth Nachforschungen anstellen, um dann auf der Suche nach dem dunklen Brunnen in die Salamandersteine zu reisen. Wulfhardt und sein Vetter Allerich verfolgen derweil namenlose Umtriebe im Kosch, die offenbar mit den Geschehnissen in Verbindung stehen. Die Phexgeweihte Vike Precht hingegen sieht sich gezwungen, sich ihren eigenen Dämonen zu stellen und sucht in Almada nach Hilfe im Kampf gegen das Monster in ihrem Inneren.

von Ansgar Imme

Während sich die „Simyala“-Rollenspielkampagne über drei Bände erstreckte, wird die Handlung in den Romanen auf vier Bücher ausgeweitet. Mit diesem Band beginnt die zweite Hälfte der gesamten Geschichte. Zugleich stand der fünfte Akt des zweiten Abenteuers der Rollenspielkampagne ganz im Zeichen des hier namensgebenden dunklen Brunnens, sodass eindeutig die Fortführung dieses Handlungsstrangs zu erwarten ist. Durch die zusätzliche Erweiterung um die Figuren Eyvin und Vike, deren Handlungsstrang in den Rollenspielabenteuern nicht vorkam, entstehen zudem neue Konflikte und Perspektiven, die in diesem Band weiter vertieft werden.

Lena Falkenhagen und Thomas Finn entführen die Leser erneut auf über 500 Seiten in die Geschehnisse rund um die alte Elfenstadt Simyala. Dabei steht zunächst vor allem der Weg dorthin sowie das Finden von Hinweisen zur Wiederentdeckung der verschollenen Stadt im Mittelpunkt der Handlung. Mehr zu den beiden Autoren finden sich in den vorhergehenden Rezensionen der Reihe. 

Besonders hervorzuheben ist erneut die hochwertige Ausstattung des Romans. Neben einer farbigen und einer graustufigen Karte des nördlichen Mittelreichs enthält das Buch auch detaillierte Pläne der Städte Ragath und insbesondere Gareth, die als zentrale Schauplätze der Handlung dienen. Wichtige Orte sind auf den Stadtplänen zusätzlich markiert, was die Orientierung innerhalb der Geschichte erleichtert. Ebenso ist wieder ein Anhang mit wichtigen aventurischen Begriffen zum Nachschlagen vorhanden. 

Zum Inhalt

Franya, Eyvin und Lindion reisen auf Bitte der elfischen Gräfin Naheniel von Quellentanz in die Salamandersteine. Zum einen wollen sie den elfischen Maler Golodion Seemond um Hilfe bitten, der einst ein Gemälde Simyalas erschuf, von dem es heißt, man könne es betreten und darin wandeln. Naheniel erhofft sich auf diesem Weg neue Hinweise auf die verschollene Stadt. Zum anderen wollen Franya und ihre Gefährten den errungenen Madamanten – einen mächtigen Kristall – mithilfe des dunklen Brunnens mit magischer Kraft aufladen.

Doch die Reise steht unter keinem guten Stern, als sich auch die gefürchteten Bannstrahler, die Inquisition der Praioskirche, dem Tross anschließen. Als jene Feinde erneut zuschlagen, die bereits mehrfach Jagd auf Eyvin und Vike gemacht haben, geraten auch die Bannstrahler in die Ereignisse hinein. Todesfälle und rätselhafte Vorfälle lassen die drei Freunde zunehmend verdächtig erscheinen, sodass selbst ihre Ankunft in den Salamandersteinen auf dem Spiel steht.

Vike versucht derweil, sich allein in Almada durchzuschlagen, und sucht nach einem Weg, den Geist zu bannen, der von ihr Besitz ergriffen hat. Dabei gerät sie jedoch in die Hände eines mächtigen Druiden, der seit Jahrzehnten seine Fäden im Norden Aventuriens zieht. Im letzten Moment gelingt ihr die Flucht. Um ihrem Gott Phex wieder näherzukommen und mit seiner Hilfe die Stimme in ihrem Inneren zu bezwingen, reist sie in die Stadt ihrer Kindheit und Jugend. Dort stellt sie sich den Prüfungen und Rätseln des Diebesgottes – und kreuzt dabei erneut die Wege eines alten Widersachers.

Wulfhardt und Allerich folgen unterdessen Hinweisen auf Diener des Namenlosen in die Koscher Region. Doch ihr Versuch, die Gegenseite auf einem Maskenball zu unterwandern, endet buchstäblich im Wasser. Eine weitere Spur führt die beiden schließlich nach Gareth, wo sie Kontakt zur elfischen Gräfin von Quellentanz aufnehmen. Dabei zeigt sich, dass sich sämtliche Geheimnisse um das Gemälde Simyalas drehen, nach dem Naheniel bereits seit längerer Zeit  sucht. Das Kunstwerk kann jedoch beim letzten Besitzer nicht mehr aufgefunden werden. Stattdessen soll es in Gareth versteigert werden, was Wulfhardts und Allerichs Pläne zur genaueren Untersuchung erheblich erschwert. Sowohl ihre Versuche, das Bild zu stehlen, als auch später bei der Auktion an sich zu bringen, verlaufen jedoch ganz anders als erwartet.

Während Vike schließlich auf Wulfhardt und Allerich trifft und die drei sich zwei der mächtigsten Frauen Aventuriens stellen müssen, bekommen es Franya und Lindion mit einem mächtigen Diener des Namenlosen zu tun, der ihre Pläne am dunklen Brunnen vereiteln will. Auch Eyvins Schicksal steht – wie das der anderen – auf der Kippe, als sie erneut mit den Bannstrahlern aneinandergerät.

Bewertung

Der dritte Roman der Reihe unterscheidet sich in einem wesentlichen Punkt von seinen zwei Vorgängern: Er bildet nur einen ganz kleinen Teil der eigentlichen Rollenspielkampagne ab – nämlich den letzten Akt des zweiten Abenteuers, der zudem erst am Ende des Romans erreicht wird. Der Großteil der Handlung des Romans ist daher auch für Spieler der Kampagne neu und vermag sowohl zu überraschen als auch Spannung aufzubauen. Die beiden Autoren lösen sich damit deutlich von ihrer Vorlage und und führen zahlreiche neue Elemente ein, ähnlich wie bei Wulfhardts Handlungsstrang im zweiten Band. 

Neben den persönlichen Schicksalen von Eyvin und Vike sowie ihrem Kampf gegen äußere und innere Mächte rückt vor allem der Konflikt Wulfhardts und Allerichs mit den Schergen des Namenlosen, der bereits im zweiten Band seinen Anfang nahm, deutlich stärker in den Vordergrund. Während die namenlose Bedrohung im Abenteuer häufig eher unterschwellig präsent war, wird sie in der Romanhandlung wesentlich klarer herausgearbeitet und bringt die Protagonisten mehrfach in akute Gefahr. 

Zudem wird mit dem Gemälde Simyalas ein ganz neuer Aspekt in die Handlung eingebracht. Die Idee, durch das Betreten eines magisches Bildes weitere Informationen zur alten Elfenmetropole zu gewinne, besitzt dabei durchaus ihren Reiz. Durch diesen kleinen Kniff entspannt sich in Gareth ein längeres Katz-und-Maus-Spiel, das die eigentliche Handlung zwar nicht wesentlich vorantreibt, dafür jedoch erheblich zur Spannung beiträgt. Vor allem dadurch, dass immer mehr Parteien in den Konflikt hineingezogen werden, Pläne scheitern und ständig neue Strategien entwickelt werden müssen, entsteht eine dynamische und fesselnde Atmosphäre. Dass dabei zudem zwei der mächtigsten Magierinnen Aventuriens in der Handlung auftreten und einen regelrechten „Special-Guest“-Auftritt erhalten, dürfte insbesondere für „DSA“-Spieler eine große Bereicherung darstellen.  

Insgesamt lässt sich am Ende des Romans mit versucht kritischer Perspektive durchaus feststellen, dass sich für den Fortgang der übergeordneten Handlung vergleichsweise wenig verändert hat. Die Figuren gewinnen nur wenige neue Erkenntnisse über Simyala oder die Pläne ihrer Widersacher; immerhin gelingt es jedoch, den Madamant mit neuer Energie zu erfüllen. 

Mit wohlwollenderem Blick betrachtet erlebt man hingegen eine Geschichte, deren Spannung sich kontinuierlich steigert und die zahlreiche Konflikte sowohl auf zwischenmenschlicher als auch auf kämpferischer Ebene bietet. Darüber hinaus gewährt der Roman einen bemerkenswert tiefen Einblick in unterschiedliche Regionen und Kulturen Aventuriens sowie in verschiedene göttliche Kulte.

Denn wenn man dem Roman und seinen Autoren eines besonders zugutehalten kann, dann ist es die intensive und atmosphärische Beschreibung von Menschen, Elfen, Orten und Kulten, die für eine außergewöhnlich hohe aventurische Stimmigkeit sorgt. Ob das Auftreten der Bannstrahler, die Schilderung des unwirtlichen Nebelmoors oder die fremdartige Darstellung der Elfen und insbesondere der Salamandersteine – die Autoren treffen stets den richtigen Ton.

Der eindeutige Höhepunkt ist aus Sicht des Rezensenten jedoch die Darstellung der Kaiserstadt Gareth. Oft nur beiläufig in die Handlung eingeflochten, werden zahlreiche kleine Details erwähnt, die bei „DSA“-Spielern mit Kenntnissen der Stadt das Gefühl erzeugen, selbst durch ihre Gassen zu wandeln. Doch auch Leser ohne tiefere „DSA“-Kenntnisse können den Roman problemlos genießen; einige Anspielungen, Verweise oder „Gastauftritte“ bleiben ihnen allerdings eher verborgen – ähnlich wie bereits in den vorherigen Bänden.

Eine kleine Anmerkung bleibt dennoch: Vor allem zu Beginn wirken sowohl der Schreibfluss als auch das Lektorat noch nicht ganz ausgereift. Begriffe wie „Chaiselongue“ fügen sich in einem historischen Fantasy-Setting nur bedingt ein und reißen den Leser kurzfristig aus der ansonsten dichten Atmosphäre heraus.

Fazit: Auch der dritte Band hält das hohe Niveau der Reihe und zieht den Leser mit einer spannenden, dynamischen und abwechslungsreichen Handlung in seinen Bann, die an unterschiedlichen Schauplätzen spielt und die Protagonisten mit vielfältigen Herausforderungen konfrontiert. Da sich die Geschichte hier weitgehend von der ursprünglichen Rollenspielkampagne löst, werden nicht nur Neueinsteiger, sondern auch erfahrene Spieler des Rollenspiels immer wieder überrascht. Die hohe aventurische Stimmigkeit sowie die detailverliebten und atmosphärischen Beschreibungen steigern den Lesegenuss zusätzlich, sodass Leser der bisherigen Bände kaum am Kauf dieses Romans vorbeikommen dürften.

Im Schatten Simyalas 3 – Der dunkle Brunnen
Rollenspiel-Roman 
Lena Falkenhagen, Thomas Finn
Piper 2026
ISBN: 978-3-492-70963-7
528 S., Softcover, deutsch
Preis: 17,00 EUR

bei amazon.de bestellen