DC Must-Have: Genosse Superman

Es hätte alles anders kommen können! Die Frage danach, was in der realen Welt alles hätte anders laufen können, gibt auch der Welt der Comics zu denken. Was wäre geschehen, wenn Superman nicht in Kansas, sondern auf einem kleinen Acker in der Ukraine gelandet wäre? Genau diese einfache Frage bildet den Ausgangspunkt für eine der bekanntesten alternativen Superman-Geschichten überhaupt. Aus dem amerikanischen Symbol für Hoffnung wird plötzlich der Mann gewordene Kommunismus – und damit nimmt die Weltgeschichte einen anderen Lauf ...

von Daniel Pabst

Die Comic-Figur Superman gehört zu den bekanntesten Superhelden der Welt. Fast jede und jeder kennt das rote Cape, das große „S“ auf seiner Brust, die markanten Gesichtszüge voller Hoffnung und Entschlossenheit, seine unübersehbaren Muskeln sowie natürlich die Geschichte des Außerirdischen, der als Baby auf die Erde gefallen ist und dort von einer Familie in Kansas (USA) aufgezogen wurde und auch aufwuchs. Doch was passiert, wenn man nur einen einzigen Punkt dieser bekannten Ursprungsgeschichte abändert? Was würde passieren, wenn das Baby – gemessen an der Reise, die es hinter sich hat – nur einige wenige Kilometer später herunterfällt und auf Menschen trifft, die eine völlig andere Weltanschauung teilen, und das Baby damit eine völlig andere Sozialisation erfährt?

Dieses reizende Gedankenexperiment hat der Comic-Autor Mark Millar im dem bereits im Jahre 2003 erschienenen Werk „Superman: Red Son“ (auf Deutsch „Genosse Superman“), welche nun im Rahmen der „DC Must Have“-Reihe von Panini Comics neu aufgelegt wurde, in die Tat umgesetzt. Superman fällt ausgerechnet in das von den Vereinigten Staaten verfeindete Reich der Sowjetunion. Da die Geschichte während des Kalten Krieges spielt, stehen sich hier zwei in ihren Grundzügen verschiedene Gesellschaftsformen und Anschauungen über das menschliche Leben gegenüber. Für die Vereinigten Staaten verändert das Auftauchen von Superman das politische und militärische Gleichgewicht. Plötzlich verfügt die Sowjetunion über einen „Mann“, gegen den weder Panzer noch Raketen etwas ausrichten können. Diesen mit der Politik zu überzeugen, die Seiten zu wechseln, scheint ausgeschlossen, da Superman selbst sagt, dass er sich aus der Politik heraushalten möchte. Ob ihm das gelingt? 

Superman wird verehrt und gleichzeitig gefürchtet. Stalin brüstet sich mit ihm an seiner Seite und veranstaltet große Feste und Paraden für all die Heldentaten, die er in der Sowjetunion vollbringt. Er rettet Menschen und befreit sie aus schier unentrinnbaren Katastrophenfällen. Die politischen Gegner über dem Atlantik beobachten all dies mit stiller Bewunderung und malen sich (nicht grundlos) das drohende Szenario aus, was passieren würde, wenn Superman seine Kräfte nicht allein zur Rettung der Menschen in der Sowjetunion einsetzen würde, sondern einen Angriff starten würde. Wenn jemand diesen Mann aus Stahl besiegen kann, dann wohl nur der hochintelligente Lex Luthor, der in den Vereinten Staaten eine unantastbare Figur zu werden scheint. In dieser alternativen Superman-Geschichte arbeitet Luthor nämlich für die Vereinigten Staaten und soll einen Weg finden, Superman aufzuhalten. Zwischen den beiden entwickelt sich in diesem Comic ein über Jahrzehnte währender Wettkampf, der immer größere Auswirkungen auf die Welt hat. Überrascht es da, dass beide mit Begeisterung und beinahe Fanatismus gerne Schach spielen? Wer ist am Ende nur ein (gefallener) Bauer – wer der König?

Besonders spannend an diesem Comic ist, dass Millar Superman nicht einfach zu einem kommunistischen Bösewicht macht. Die Motivation für sein Handeln schöpft Superman aus der Kraft Gutes zu tun. Er möchte den Menschen tatsächlich helfen, diese retten und versucht, Kriege und gesellschaftliche Probleme weitestgehend friedlich zu beseitigen. Doch je größer sein Einfluss wird, desto schwieriger wird es, die Grenze zwischen Hilfe und Kontrolle zu ziehen. Das führt schließlich so weit, dass Superman den verstorbenen Stalin als Staatsoberhaupt ersetzen soll und die Menschen in der immer weiter expandierenden und populärer werdenden Sowjetunion auf eigene Sicherungsmaßnahmen, wie Sicherheitsgurte verzichten, da sie sich geschützt wähnen. Was soll schon bei einem Unfall passieren, wenn Superman seine Ohren und Augen überall hat und es erst gar nicht zu einem Unfall kommen kann? Eigenverantwortung, Individualismus und Freiheit sehen sich konfrontiert mit einem Paternalismus, staatlicher Kontrolle und einem Überwachungsstaat. Alles Themen, die uns fortwährend beschäftigen. 

Da Superman – der in diesem Comic indirekt den Staat verkörpert – schließlich die Macht hat, jedes Problem zu lösen, Kriege zu beenden, Verbrechen zu verhindern und Widerstand zu unterdrücken, stellt sich für die Lesenden zunehmen die interessante Frage: Was passiert, wenn ein nahezu allmächtiges Wesen (oder eine Person) davon überzeugt ist, besser als alle anderen zu wissen, was für die Menschheit richtig ist – und was falsch ist? Als Mark Millar diesen Comic im Jahre 2003 erdachte und gemeinsam mit den Künstlern Dave Johnson und Kilian Plunkett entwarf, war eine künstliche Intelligenz, wie sie heute allgegenwärtig geworden ist (und mitunter auch die Welt der Schriftstellerinnen und Schriftsteller auf den Kopf gestellt hat), reine Zukunftsmusik. Wer hätte damals – außerhalb von Science-Fiction – auch erahnen können, dass ganze Branchen um ihre Zukunft fürchten, in Anbetracht der Befürchtungen, dass sie durch künstliche Intelligenzen eines Tages vollständig ersetzt werden könnten. 

Entgegen der Auffassung so mancher, die meinen, dass Texte von künstlichen Intelligenzen schneller, besser und facettenreicher zu lesen seien, als solche, die von einem Menschen verfasst wurden, hofft der Autor dieser Rezension daher, dass herausgelesen werden kann, dass dieser Text nicht von einer künstlichen Intelligenz verfasst worden ist und sich die Frage aus „Genosse Superman“ insoweit für das Verfassen von Rezensionen noch nicht realisiert hat. Es bleibt aber weiterhin sehr spannend, sich die Frage zu stellen, ob es begrüßenswert wäre, wenn es eine Person gäbe, die man bei jeglichen Problemen konsultieren könnte, und die eine überzeugende Antwort parat hätte. Wo endet das menschliche Denken? Was würde solch ein (Horror-)Szenario mit dem freien Geist machen? 

Um an dieser Stelle nicht weiter in philosophische und die irgendwie auch die Gegenwart hinterfragende Gedanken abzuschweifen, soll an dieser Stelle zum eigentlichen Werk zurückgekehrt werden. Der große Reiz des Comics sollte mit den oben bereits dargelegten Überlegungen auf der Hand liegen. Gepaart mit der Frage: „Was wäre wenn?“ hat Mark Millar einen Comic geschaffen, der noch heute seine Brisanz hat. Ebenfalls spannend wird durch das Gedankenexperiment die Frage, wie stark eigentlich das Umfeld die eigene Persönlichkeit prägt und inwiefern man selbst den freien Willen besitzt, sich dieser Umgebung auch einmal zu widersetzen oder „Nein“ zu sagen, wenn einem etwas nicht gefällt. So lernt Clark Kent (alias Superman) bei seinen Eltern in Kansas Bescheidenheit, Mitgefühl und Zurückhaltung, während er in der alternativen Welt als Arbeiter das Wohl der Gemeinschaft im Blick hat und diese im Zweifelsfall vor dem persönlichen Glück – auch unter Einsatz von Gewalt – Vorrang hat.  

Besonders beglückend wird das Leseerlebnis durch die Auftritte weiterer bekannter Comicfiguren. Hättet ihr gedacht, dass neben Wonder Woman und Green Lantern auch Batman seinen Auftritt haben wird? Batman tritt hier als Widerstandskämpfer auf, der für das individuelle Glück der arbeitenden Klasse durch die Nächte zieht. Sein wahrer Kern bleibt auch hier erkennbar. Woher er diesen Mut des Aufbäumens wohl nimmt? Das wird hier nicht verraten, doch  auch in dieser alternativen Welt hängt dies stark mit seiner Kindheit zusammen. Mit Lex Luthor als Gegenspieler von Superman wird die weitere Ebene aufgetan, ob man all seine Kräfte für ein hehres Ziel opfern sollte oder ob das wahre Leben – neben der Arbeit – daraus besteht, seine Zeit mit Freunden, der Familie und einem Partner oder einer Partnerin zu teilen? Bei Lex Luthor jedenfalls leidet das Liebesleben und isoliert ihn zunehmend. Ist das der Preis, den es dafür zu zahlen gilt, Macht und Ansehen zu erlangen? Aus einer klassischen Superheldengeschichte ist ein überbordendes Gedankenexperiment über Macht und Freiheit geworden, bei dem man sich als Leser oder Leserin zu keiner Zeit verloren fühlt, sondern bestens unterhalten. Eventuell überlegt man es sich danach sogar künftig zweimal, ob man die nächste (scheinbar quälende) Frage über eine künstliche Intelligenz beantwortet bekommen möchte oder man sich besser mit Freunden, der Familie oder Nachbarn darüber austauscht?

Nach all dem Lob über diese Geschichte, darf natürlich auch nicht die optische Gestaltung vernachlässigt werden. Denn diese trägt die Geschichte von Anfang bis zum Ende und macht das wahnsinnig gut. Die Zeichnungen von Dave Johnson und Kilian Plunkett werden mit den Farben von Andrew Robinson, Walden Wong und Paul Mounts sehr passend gewählt. Die Ästhetik der Zeichnungen wirkt geradezu propagandistisch, was das Gesehene noch realistischer und zeitgemäßer für eine Geschichte aus der Zeit des Kalten Krieges macht. Achtet man auf selbst aufs kleinste Details, so erkennt man bereits auf dem Cover von Dave Johnson auf der Brust des alternativen Supermans einen Hammer und eine Sichel, eingerahmt in Rot. Treffender könnte es nicht sein! Als Bonus bietet diese „Must-Have“-Hardcover Ausgabe von „Genosse Superman“ einige Seiten, bestehend aus einer Einleitung von Tom DeSanto (2003), ein Nachwort von Cary Bates (2004), Skizzen aus dem Skizzenbuch, Infos über das Kreativ-Team sowie einen kurzen Text über die „Rote Angst“, eine „Timeline“ und Anmerkungen zu weiterer Lektüre.

Fazit: Dieser Comic verdient den Titel „Must-Have“, weil er nicht nur eine alternative Superman-Geschichte mit erstklassigen Illustrationen präsentiert, sondern den Stein für ein (oder mehrere?) Gedankenexperiment(e) ins Rollen bringt. Wer sich schon immer mal gefragt hat, wohin ihr oder sein Leben gelaufen wäre, wenn sie oder er an der ein oder anderen Stelle statt mit einem „Nein“ mit einem „Ja“ geantwortet hätte, oder man ganz woanders aufgewachsen wäre, der bekommt hier ein sehr eindrucksvolles und plastisches Beispiel präsentiert. „Genosse Superman“ macht irrsinnig viel Spaß zu lesen, ist gewiss kein einfaches Leseerlebnis für nebenbei und gibt einem die Möglichkeit, die ein oder andere Antwort, die man in der Vergangenheit gegeben hat, nochmal aus einer anderen Perspektive zu betrachten. Nicht immer ist alles so in Stein gemeißelt, wie man es anfangs vielleicht gedacht hat!    

DC Must-Have: Genosse Superman
Comic
Mark Millar, Dave Johnson, Killian Plunkett
Panini Comics 2026
ISBN: 978-3-7416-4889-2
172 S., Hardcover, deutsch
Preis: 27,00 EUR

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