DC Must-Have – Wonder Woman & Batman – Hiketeia

Wollen wir auf alles eine Antwort hören? Muss eine solche dann der Wahrheit entsprechen? Was macht es mit uns, wenn das Gesagte schließlich unumkehrbare Folgen mit sich bringt? Gibt es für alles eine Entschuldigung? In dem hier besprochenen „DC Must-Have“-Comic geht es um eben diese vier Fragen. Wer Fan von guten Geschichten ist, in denen sowohl Wonder Woman als auch Batman eine tragende Rolle spielen, wird hier besonders neugierig werden. Und was zum Teufel soll der Zusatz „Hiketeia“ im Titel bedeuten?

von Daniel Pabst

Wie man bereits im Titel erkennen kann, ist diese Geschichte eine – unter dem Schirm der „DC Must-Have-Reihe“ – erschienene Neuauflage der Geschichte „Wonder Woman & Batman – Hiketeia“, welche bereits im Jahre 2002 veröffentlicht wurde. Die Story stammt von Greg Rucka, der schon zahlreiche Storys über Wonder Woman lieferte. Die Zeichnungen sind von J. G. Jones, die Tusche von Wade von Grawbadger und die Farben von Dave Stewart. Mit seinen 112 Seiten erscheint dieser Band in einem Hardcoverformat und bietet als Bonus am Ende 24 kleine Wonder-Woman-Coverillustrationen von J. G. Jones, Hintergründe zum Kreativ-Team sowie einen Text, der „hinter die Kulissen“ der Geschichte blickt, eine Timeline, weitere Lektüreanregungen, Anmerkungen und abschließend eine Übersicht weiterer Must-Have-Titel. So ein vollbepacktes Bonusprogramm ist sehr begrüßenswert und macht den Einstieg in die Welt von Wonder Woman auch allen Neueinsteigerinnen und Neueinsteigern leicht.

Kann die Geschichte damit mithalten? Gleich zu Beginn fällt auf, dass das Kreativ-Team viel Wert auf Details gelegt hat. So steht auf der ersten Seite Wonder Woman am Fenster und schaut zu, wie kleine Schneeflocken ihren Weg zum Boden suchen. Neben dem Fenster sehen wir zwei riesige Bücherregale, in denen viele alte Werke aneinander gereiht wurden; daneben steht ein Ofen, der lodert und die Wohnung aufwärmt. In der Mitte erhebt sich ein schwerer Schreibtisch. Schlägt man die Seite dann um, so erkennt man, dass auf besagtem Schreibtisch ein Buch liegt, das unmittelbar auf den Kern der Geschichte hindeutet. Es ist nämlich eine Szene zu sehen, die den – aus dem antiken Griechenland stammenden – Begriff „Hiketeia“ (auf Deutsch besser bekannt als „Hikesie“) darstellt. Sodann lässt das Kreativ-Team Szenen aus der Antike erwachen, welche den Begriff der Hikesie bebildern. Als Hikesie gilt danach eine Tradition, bei der eine Person darum bittet, in den Schutz einer anderen Person genommen zu werden und sich als Gegenleistung unumkehrbar in deren Dienst stellt.

Nachdem dieser – auf den ersten Blick – sonderbar anmutende Titel aufgeklärt werden konnte, geht es Schlag auf Schlag. Wieder zurück in der Gegenwart, ist eine Frau zu sehen, die mit einem Mann ringt und diesen schließlich mit einem Messer – im Kampf – tötet. Das darf nicht unbestraft bleiben, denkt sich kein anderer als Batman und jagt der Frau durch die dunklen Gassen von Gotham City nach. Soweit kennt man das schon aus anderen „Batman“-Comics. Doch hier passiert plötzlich etwas sehr Ungewöhnliches. Wonder Woman stellt sich in seinen Weg und konfrontiert die Fledermaus damit, dass die Mörderin unter ihrem Schutz steht! Hält sie an diesem Grundsatz auch fest, wenn Batman ihr berichtet, dass weitere Männer durch die Hand ihrer „Bittstellerin“ sterben mussten? Wie konnte es so weit kommen? Was soll die plötzlich vorgetragene „Entschuldigung“ der Frau bedeuten?

Das, was diesen Comic so außergewöhnlich macht, ist nicht allein die Auseinandersetzung zwischen Wonder Woman und Batman, sondern deren Grundsätze, für die sie stehen und die sie – ähnlich wie einer griechischen Tragödie spielend – für alle Lesenden verkörpern. Nicht ohne Grund lässt Greg Rucka Wonder Woman an einer Stelle des Comics sagen: „Griechische Tragödien sind immer ausweglos.“ Da denkt die eine oder der andere wahrscheinlich an die zu Beginn fallenden Schneeflocken zurück und fragt sich, ob diese die Ausweglosigkeit ankündigen sollten, da auch diese mit ihrem Auftreffen auf den Boden unmittelbar zu schmelzen beginnen …

Batman, der mit seinem eisernen Willen nach Gerechtigkeit, die – in Gesetzen niedergeschriebenen – gesellschaftlichen Regeln (friedlich) wahren und verteidigen möchte, sieht sich in diesem Comic einer kämpferischen Wonder Woman gegenüber, die an einem ungeschriebenen Schwur (unter Frauen) festhält, welchen sie als eigenes (natürliches) Gesetz ansieht. Auf welchem Rang stehen sich die Glaubenssätze von Batman und Wonder Woman gegenüber? Können sich die beiden durch Schwur verbundenen Frauen gegenüber Batman (und der durch ihn verkörperten Gesellschaft?) durchsetzen? Was passiert mit Batman, wenn die Täterin die (eigene) Geschichte und die Hintergründe für ihr Handeln erzählt? Will das überhaupt noch jemand hören, wenn das Urteil feststeht?

Der Comic „DC Must-Have – Wonder Woman & Batman – Hiketeia“ verknüpft spannende rechtsphilosophische Fragestellungen, die weit über das klassische Duell zweier (Super-)Helden – beziehungsweise zwischen einer Superheldin und einem Superhelden – hinausgehen. Durch die enge Verknüpfung mit einem antiken Ritual wird dieser Comic auf eine höhere Ebene gehoben. Die „Kirsche auf der Torte“ bringen dann die von Greg Rucka in die Geschichte aufgenommenen drei Frauen, die „Erinnyen“, welche an dieser Stelle das erste Mal erwähnt werden sollen und deren Rolle man selbst herauslesen darf. Nur so viel: Die „Erinnyen“ werfen ihren Schatten ebenso wie die Schneeflocken von Anfang an voraus. Mit blutverschmiertem Gesicht blicken sie auf die aus dem Fenster schauende Wonder Woman. Auf was warten sie ? Was wollen sie ihr sagen? Ist das Schöne in Wirklichkeit hässlich und das Hässliche in Wirklichkeit schön? Erinnerungen an William Shakespeares Klassiker „Macbeth“ werden schnell erweckt. Ach! Welch ein Schauspiel dieser Comic den Lesenden bietet!

Fazit: Wer sich demnächst mal wieder zu einem gemeinsamen Theaterbesuch verabreden möchte, der oder die sollte sich vorher überlegen, ob zur Abwechslung nicht vielleicht zu einem Superhelden Comic von DC gegriffen wird! Was äußerst paradox klingen mag, ist es – zum Eingeständnis des Verfassers dieser Rezension – auch. Doch spätestens nach den ersten Seiten greift eine „raumfüllende“ Atmosphäre um sich und lässt einen erst wieder los, wenn die letzte Seite umgeblättert wurde. In diesem Comic werden unvermittelt Fragestellungen nach dem Ursprung von Gesetzen, deren Umsetzung und wie sie eine Gesellschaft formen angerissen. William Shakespeare hätte sich hieran wohl sehr erfreut! 

DC Must-Have – Wonder Woman & Batman – Hiketeia
Comic
Greg Rucka,  J. G. Jones
Panini Comics 2026
ISBN: 978-3-7416-4870-0
112 S., Hardcover, deutsch
Preis: 20,00 EUR

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