DC Must-Have - Kingdom Come

Mit „Kingdom Come“ aus dem Jahr 1996 präsentieren Mark Waid und Alex Ross eine der bekanntesten Zukunftsvisionen des DC-Universum: ein mehrfach mit dem Eisner Award ausgezeichnetes Werk, das große Themen aufgreift und dadurch ebenso große Erwartungen weckt. Doch wird diese Mischung aus epischer Superheldengeschichte und moralischer Reflexion dem eigenen Anspruch gerecht? Ist dieses Werk auch heute noch aktuell?

von Daniel Pabst

Die Entstehung von „Kingdom Come“ ist eng mit den Entwicklungen der 1990er-Jahre verknüpft: In einer Zeit, in der klassische Superhelden zunehmend von brutalen und moralisch fragwürdigen Antihelden (beispielsweise Cable von den X-Men) verdrängt wurden, entwickelten Alex Ross und Mark Waid in „Kingdom Come“ bewusst eine Gegenvision. In dieser stehen Figuren wie der Antagonist Magog sinnbildlich für den Wandel. Mark Waid beschäftigt hier mit der Frage, ob die „neue Weltordnung“ einer anderen, gefährlicheren Generation von „Helden“, bedarf, die die Macht über die Moral stellen?

Bereits der Titel macht die religiösen Bezüge offensichtlich. Übersetzt bedeutet „Kingdom Come“ nämlich: „Dein Reich komme“, was bekanntlich eine Zeile aus dem „Vaterunser“ ist. Jedes Kapitel wird zudem von Zitaten aus der Offenbarung des Johannes eingeleitet, und wer genauer hinsieht, erkennt in der Handlung Parallelen zu religiösen Motiven wie einer bevorstehenden Apokalypse, Anspielungen auf Jesus, der einen Balken so trägt wie sein Kreuz (und aus dessen Hosentasche drei Nägel hervorlugen) sowie das Bild des Goldenen Kalbs. Und auch der Erzähler ist nicht, wie so oft, ein Superheld, sondern ein einfacher Prediger, der die Handlung miterlebt. 

Vor diesem Symbolismus und Hintergrund entfaltet sich die eigentliche Geschichte: Die Welt hat sich von den traditionellen Idealen eines Superman abgewandt und akzeptiert stattdessen eine jüngere Generation, die ohne klare Werte handelt. Erst eine Katastrophe ungeahnten Ausmaßes zwingt Superman dazu, aus seinem frei gewählten Exil zurückzukehren, um die alten Prinzipien wieder zu vertreten und in die Welt hinauszutragen.

Im Zentrum steht dabei nicht nur der Konflikt zwischen Alt und Neu, sondern vor allem die Frage nach Verantwortung und wer sich traut, sie zu übernehmen. Denn ganz klar: Wer Verantwortung übernimmt und handelt, anstatt sich herauszureden und Aufgaben nicht anzugehen, dem können auch Fehler angeheftet werden! Superman, Batman und Wonder Woman stellen sich dieser Bürde und gehen es auf ihre eigene Art an: So versucht Superman es selbst anzupacken und will Ordnung und Hoffnung zurückbringen, während Batman einen deutlich pragmatischeren, fast zynischen Weg verfolgt. Wonder Woman bewegt sich zwischen diesen Polen und ringt ebenfalls mit ihrer Rolle in dieser veränderten Welt. 

Auffällig ist dabei die Erzählweise, die Parallelen zum, ebenfalls bei Panini erschienen Comic, „Marvels“ aus dem Jahr 1994 aufweist – einem Werk, das auch wieder Alex Ross illustrierte wurde und sich auf Charaktere aus dem Marvel-Universum konzentriert. Wie dort wird die Geschichte nicht primär aus Sicht der Superhelden erzählt, sondern durch die Perspektive eines Beobachters vermittelt. In „Kingdom Come“ übernimmt diese Rolle der Prediger Norman McCay, der als moralische Instanz fungiert und die Ereignisse reflektiert. Ähnlich wie in „Marvels“ entsteht dadurch eine distanzierte, beinahe ehrfürchtige Betrachtung der Superheldenwelt, die diese weniger als klassische Protagonisten, sondern vielmehr als mythische – ja religiöse – Figuren erscheinen lässt.

Für Kenner des DC-Universums bietet der Band zudem zahlreiche Anspielungen, Hintergrunddetails und Easter Eggs, die sich auf die lange Historie der Figuren beziehen. Diese Referenzen bereichern die Geschichte, setzen jedoch auch ein gewisses Vorwissen voraus, wodurch der Zugang für neue Leser und Leserinnen etwas anspruchsvoll wird. Mark Waid gelingt es, eine vielschichtige Geschichte zu erzählen, die sowohl als episches Superheldenspektakel funktioniert als auch tiefgründige Themen wie Generationenkonflikte, Ethik und die Grenzen von Macht behandelt. Gleichzeitig verleiht der erzählerische Rahmen der Handlung eine fast biblische Dimension, die durch zahlreiche Anspielungen auf das Jüngste Gericht verstärkt wird.

Visuell hebt sich „Kingdom Come“ deutlich von klassischen Comics ab: Die gemalten Illustrationen von Alex Ross verleihen dem Werk eine realistische Wirkung. Jede Seite ähnelt einem kleinen Gemälde, in dem sich die Figuren bewegen.
 
Fazit: „Kingdom Come“ ist definitiv kein sehr leicht zugänglicher Comic, sondern verlangt die Aufmerksamkeit und ein gewisses Vorwissen. Bringt man beides mit, so wird man mit einer dichten, sehr durchdachten und visuell beeindruckenden Geschichte belohnt. Gerade für Fans des DC-Universums entfaltet das Werk seine volle Stärke und wird durch seine Referenzen besonders reizvoll. Daher verdient der Comic seine ihm gegebene Bezeichnung, als ein „Must-Have“.

DC Must-Have – Kingdom Come
Comic
Marc Waid, Alex Ross
Panini Comics 2026
ISBN: 978-3-7416-4862-5
232 S., Hardcover, deutsch
Preis: 30,00 EUR

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