Beneath the Trees – Wo niemand dich sieht

Hat eine jede und ein jeder zwei Gesichter, wie es Peter Fox in „Das zweite Gesicht“ besungen hat? In der kleinen, beschaulichen Stadt „Woodbrook“ scheint alles gut zu sein. Die tierische Nachbarschaft funktioniert. Man geht liebevoll miteinander um. Keine Sorgen und Ängste. Dass unter der Oberfläche nicht alles so ist, wie es scheint, erfahrt ihr in diesem Comic des Newcomers Patrick Horvath. Seid ihr bereit, in den Abgrund zu schauen und dunkle Geheimnisse zu lüften?

von Daniel Pabst

Wer das Cover des Comics von Patrick Horvath mit dem Titel „Beneath the Trees – Wo niemand dich sieht“ zum ersten Mal flüchtig betrachtet, könnte das Werk beinahe für ein hübsch gestaltetes Kinderbuch im Sinne von Geschichten à la Richard Scarry halten. Alles wirkt bunt, freundlich und recht nostalgisch. Wer jedoch genauer hinsieht, entdeckt schnell, dass hier etwas überhaupt nicht stimmt. Denn mitten in dieser – vermeintlich – heilen Welt gibt es Geheimnisse. Der Bär, der einen Spaten in der rechten und einen blutgetränkten Jutesack in der linken Hand hält, ist in echt eine Bärin mit dem Namen Samantha Strong. Wo kommt sie her? Wo will sie hin? Was hat sie vor? Und vor allem: Woher stammt der Sack voller Blut? Fragen, die es zu lösen gilt und die das Interesse wecken und die Spannung an diesem sonderbaren Comic-Werk hochhalten. Ist es nicht oft so, dass immer dann, wenn man innehält und genauer hinschaut, sich neue Sichtweisen und Facetten auftun, die man vorher – beim ersten, kursorischen Blick – nicht gesehen oder bedacht hätte? Das alles erinnert an phänomenale Werke und Serien wie „Twin Peaks“ des legendären Künstlers David Lynch. Kann dieses Werk da mithalten?

Fest steht: Trotz des niedlichen Zeichenstils, der sich entsprechend des Covers von „Beneath the Trees – Wo niemand dich sieht“ fortsetzt, ist dieser Comic eindeutig für Erwachsene. Patrick Horvath, ein Comiczeichner und Filmemacher, der diesen Comic als sein Erstlingswerk als Autor und Zeichner in einer Person geschaffen hat, entfaltet in dem Panini-Hardcoverband auf 152 Seiten (ursprünglich in sechs Einzelheften erschienen) eine Geschichte, die aus der Ich-Perspektive der knuddeligen Braunbärin Samantha Strong, die liebevoll von ihren Freundinnen und Freunden als Sam bezeichnet wird, erzählt wird. Bereits der Beginn der Geschichte wird von ihr mit den Worten „Willkommen in Woodbrook“ eingeleitet. Sie lädt die Leserinnen und Leser ein, mit ihr in ihre Stadt zu kommen, in der man im Sommer Limonade trinkt und im Herbst auf Apfelsekt umschwenkt; eine Stadt, in der man im Winter gemütlich ist und alle Frühlingsbrisen frisch sind, umgeben von Zedernduft, Rosmarin und Klee. Ein Traum von einem amerikanischen Kleinstädtchen. Dass dort nur Tiere leben, macht das Ganze doch noch viel süßer und wohliger. Ein Ort, wo man sich gern unverzüglich niederlassen möchte – oder nicht?

Sam trägt ein düsteres, sehr grausames Geheimnis, mit sich herum. Immer wieder verlässt sie ihre Heimatstadt und fährt in die angrenzende Großstadt. Dort kann sie sich verlieren und es kennt sie keiner. Freunde will sie dort nicht gewinnen. Sie selbst schockiert uns Lesende bereits kurz nach ihren liebevollen Einleitungsworten. Willkürlich betäubt sie einen Städter am helllichten Tag und verbringt ihn in den Wald, wo sie planvoll einen Mord begeht. Krass! Was hat man sich da angetan? Der Bruch hätte nicht plötzlicher kommen können! Sam hat definitiv ein zweites Gesicht. Sie selbst sagt, dass sie das tue, weil es das Chaos des Lebens, das durch die Welt toben würde, vereinfachen würde. Das darf doch nicht sein, denkt man sich. Diese Mörderin muss zur Rechenschaft gebracht werden. Das perfide an dem Comic ist die Art und Weise des Erzählens in Kombination mit den Zeichnungen und beruhigend wirkenden Pastellfarben. Monströses und Niedlichkeit wechseln sich ohne mit der Wimper zu zucken ab. Das ist schon große Kunst und zeigt aufs Neue, dass Comics mehr sind als nur Kinderkram: Sie haben längst ihren Platz im Segment anspruchsvoller Unterhaltung gefunden und bieten den Anstoß für lebhafte Diskussionen. 

Zurück zur Geschichte: Als während eines großen Festumzuges in Woodbrock plötzlich eine Bewohnerin gekreuzigt aufgefunden wird, ist das für die friedfertigen Tiere ein totaler Schock. Das hat es so noch nicht gegeben. Die heile Welt ist von einem auf den anderen Tag untergegangen, der Frieden entzwei gerissen. Für die routinierte Serienmörderin Sam ist dieser Mord noch viel mehr. Schließlich hat es ein unbekannter Täter oder eine unbekannte Täterin gewagt, in ihrem „Revier“ zu töten und damit genau jene Aufmerksamkeit auf die Stadt zu ziehen, die sie seit Jahren vermeiden wollte. Ihr kleines Paradies sieht sie in Gefahr. Sheriff Patterson übernimmt den Fall und beginnt zu ermitteln – und Sam weiß: Je länger der unbekannte Täter oder die Täterin frei herumläuft, desto größer ist die Gefahr, dass irgendwann auch ihre Geheimnisse zutage kommen. Was folgt, ist eine Ich-Erzählerin, die die Leser und Leserinnen an die Hand nimmt und mit ihnen versucht, den Mord aufzuklären. Das ist eine ziemlich schräge Erzählweise. Sympathisiert man am Ende mit einer Serienmörderin oder hält man dagegen? Diese Frage ist ein wiederkehrendes Thema, betrachtet man den (seltsamerweise) nicht endenden Hype um True-Crime-Podcasts und solche Serien. Was fasziniert an True-Crime? Sollte man einen Comic, wie „Beneath the Trees – Wo niemand dich sieht“ nicht unmittelbar nach den Worten von Sam „Ich habe hier 43 Leute begraben und seit über 20 Jahren hat niemand je etwas gemerkt“ zuschlagen und ihr zurufen: „Nicht mit mir!“?

Ob es der reizvolle Blick in menschliche Abgründe ist oder der Wunsch, das Grausame in Worte und damit Geschichten zu verbannen, sei dahingestellt. Sich mit diesen Fragen im Rahmen dieser Rezension zu beschäftigen, würde zu weit führen. Was gesagt werden kann, ist, dass dieser Comic besonders gelungen das Wechselspiel zwischen Gesehenem und Inhalt behandelt. Erklärungen für die Psyche von Sam sollte man bei diesem Werk aber nicht erwarten. Und genau an dieser Stelle macht sich Kritik an diesem Comic breit. So gut der Gedanke und die Aufmachung auch sein mögen, der Künstler Patrick Horvath macht es sich zu leicht. Anders als komplexe, tiefenpsychologische und bislang auch metaphysische Kunstwerke, wie es „Twin Peaks“ ist, ist „Beneath the Trees – Wo niemand dich sieht“ zu unterkomplex. Gerne hätte man sich eine zweite Ebene gewünscht. Gerne hätte man mehr Kreativität bei den Ermittlungen zum unbekannten Mörder oder zur unbekannten Mörderin gesehen. Gerne hätte man etwas mehr über Sam erfahren. Daher bietet dieser Comic letztlich zumindest einen guten Startschuss, sich weitergehende Gedanken über die Entstehung von Verbrechen zu machen, sowie über die Frage nachzudenken und ins Gespräch mit anderen zu kommen, ob ein jeder Mensch ein „zweites Gesicht“ hat?  
 
Fazit: Wer hinter die Fassaden blicken möchte und sich – am Beispiel von niedlichen Tieren – mit schweren, nicht einfach zu beantworteten Themen der Kriminologie auseinandersetzen möchte sowie keine Berührungsängste mit sehr blutigen Szenen hat, der oder die bekommt eine originelle und kurzweilige, in sich abgeschlossene Geschichte geboten. Wer mehr Tiefe sucht, der wird am Ende wohl etwas ernüchtert auf den Comic zurückblicken. Auch wenn definitiv mehr drin gewesen wäre, ist dieser Comic eine empfehlenswerte Lektüre, die wieder einmal zeigt, welche Wirkung von Comics ausgehen kann!

Beneath the Trees – Wo niemand dich sieht
Comic
Patrick Horvath
Panini Comics 2026
ISBN: 978-3-7416-5083-3
152 S., Hardcover, deutsch
Preis: 29,00 EUR

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