von Kurt Wagner
Es ist ja wirklich so: Seit Ridley Scotts Science-Fiction-Horror-Film „Alien“ aus dem Jahr 1979 ähnelt sich das Erzählschema. Eine Gruppe Personen begegnet einem Alien (oder mehreren) und es kommt zum Gemetzel, das nur ein paar der Protagonisten überleben. Das zieht sich so durch die Filme, die Romane, die Videospiele und Comics. Manchmal sind die Gaststars spannend – in zwei Filmen etwa wurden die galaktischen Predators mit zum Tanz gebeten, in Comic-Form schlug sich mal Batman, mal der Terminator, mal das Team der Avengers mit den Xenomorphen herum. Manchmal reizt auch das Setting – in „Alien 3“ war es eine Kolonie voll verrückter Schwerverbrecher, in „AvP“ eine uralte Pyramide unter dem Eis der Antarktis. Die Aliens waren dabei oft nur noch Mittel zum Zweck, stellvertretend für eine ultimative Katastrophe stehend, nicht selten ausgelöst durch menschlichen Wahn oder menschliche Gier.
In diesem Sinne erfindet auch „Alien – Paradiso“ das Rad nicht neu. Kann der Comic gar nicht. Die Alien-Antagonisten geben einfach nicht viel mehr als eine bestimmte Erzählweise her – es sei denn, man lehnt sich als Kreativer weit aus dem Fenster, aber das ist bei Standard-Lizenzprodukten aus dem Hause Marvel kaum zu erwarten. Unterhaltsam ist der Comic trotzdem, und das liegt diesmal am Setting.
Paradiso ist ein Luxus-Urlaubs-Ressort auf einem Planetoiden im Privatbesitz (das Vorwort spricht fälschlich von einem „Weltraum-Hotelkomplex“, der Werbetext auf der Rückseite von einem „Urlaub im Orbit“). Es gehört dem Milliardär Carlito Magni, ein Gauner wie er im Buche steht, der am liebsten alles überwachen will – und am Ende ironischerweise trotzdem ein paar lebenswichtige Informationen übersieht. Carlito umgibt sich gern mit mächtigen Menschen, auch Verbrechern wie dem brutalen Ricky Valentine, der auf Paradiso einen Deal mit einem Schmuggler-Ring abschließen will. Um die Kriminellen auf frischer Tat zu ertappen, werden die zwei Colonial Marshalls Nanda und Reeves undercover auf die Urlaubsinsel geschickt. Sie sollen observieren und im richtigen Moment dann ihre im Orbit wartenden Leute zuschlagen lassen.
Das ist die Ausgangssituation, bevor alles den Bach runtergeht. Natürlich kommt eine Gruppe Infizierter auf die Insel, die Alien-Plage bricht aus und danach heißt es fliehen oder sterben. Obwohl die 2152 angesiedelte Handlung schwungvolle 31 Jahre nach dem Nostromo-Zwischenfall aus „Alien“ stattfindet, ist die Existenz der Aliens nach wie vor ein streng gehütetes Geheimnis der Weyland Yutani Corporation, und so ist niemand auf die Monster vorbereitet. (Man bedenke: Ellen Ripley, die einzige Überlebende der Nostromo, wird noch für weitere 27 Jahre schlafend durchs All driften, bevor sie 2179 im Film „Aliens – Die Rückkehr“ aufgeweckt wird.) Daher wird das Ganze zu einem veritablen Überlebenskampf, den Autor Steve Fox mit seinen Illustratoren Edgar Salazar und Peter Nguyen mit viel Brutalität serviert.
Auch bitterböser Humor kommt dabei nicht zu kurz. So wird beispielsweise anfangs der Spross einer reichen Urlauberin präsentiert, der sich darüber aufregt, dass es gar keine Tiere in dem Ressort gibt, zumindest keine interessanten. Was er dann kurz darauf unter seinem Bett – natürlich „unter“ seinem Bett – vorfindet, dürfte klar sein. Schön sind auch die Angestellten, die mit Fisch-Käschern losgeschickt werden, um das kleine Mistvieh einzufangen, das aus der Brust des einen Gastes geplatzt ist. Als sie den Xenomorphen schließlich treffen, müssen sie feststellen, dass ihre Ausrüstung etwas unzureichend dimensioniert ist.
Für Verknüpfung mit dem „Alien“-Film von Scott sorgt übrigens die Leibwächterin von Ricky Valentine, eine abgebrühte Kämpferin, die nichts an sich heranlässt – aber insgeheim immer noch darunter leidet, dass Weyland Yutani ihr und ihrer Mutter nie verraten hat, was ihrem Vater, Gilbert Kane, an Bord der Nostromo passiert ist. (Zur Info: Kane, gespielt von John Hurt, war das erste Alien-Opfer der Franchise-Geschichte.) Grundsätzlich muss man aber festhalten, dass die Charaktere kaum über Abziehbilder hinauskommen. Sie spielen ihre Rolle – ein paar sind fies, ein paar dumm, ein paar heldenhaft –, aber vor allem dienen sie dazu, zu sterben. B-Movie-Kanonenfutter.
Visuell wird Marvel-Standard-Kost geboten. Der Pinselstrich ist fein, aber nicht immer schön, die Kolorierung ist sauber, wirkt aber stellenweise sehr digital und flächig. Interessant sind die Panels aus der Sicht der Aliens, die Nguyen als psychedelischen Trip aus Schwarz und halbtransparenten, schlierenverschleierten Formen in Neonblau und Rot inszeniert. Ansonsten dienen die Bilder vor allem der Informationsvermittlung, der Annäherung ans Filmische, das bekanntermaßen leichter zu konsumieren ist als etwa ein Roman. Für sich genommen bieten sie aber kaum künstlerischen Mehrwert, was im Medium Comic natürlich immer bedauerlich ist.
Fazit: „Alien – Paradiso“ folgt grundsätzlich dem erzählerischen Schema F im „Alien“-Franchise – Setting, Monster, Schlachtfest –, aber der Comic bietet trotzdem eine kurzweilige Geschichte im unverbrauchten Setting einer Luxus-Ferienanlage. Action und schwarzer Humor werden geliefert, die Spannung bewegt sich halt im Rahmen des Erwartbaren. Wäre dies mein erster Alien-Comic, hätte ich ihn vermutlich „krasser“ wahrgenommen, aber nach mehr als zwanzigjähriger Erfahrung mit dem Xenomorphen nickt man bloß noch anerkennend und sagt: „Joa, hat Spaß gemacht.“ Kein außergewöhnlicher Beitrag zum Franchise, aber rundweg solide.
Alien – Paradiso
Comic
Steve Fox, Edgar Salazar, Peter Nguyen u. a.
Panini Comics 2026
ISBN: 978-3-7416-4637-9
120 S., Softcover, deutsch
Preis: 16,00 EUR
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