Wonder Woman & Harley Quinn – Fluch und Segen

Hast du ein Faible für frankobelgische Comics? Autoren wie Hergé („Tim und Struppi“), Rob-Vel („Spirou und Fantasio“) oder René Goscinny („Asterix und Obelix“) stehen mit ihren Namen beispielhaft für diese Art des Comics. Die Welle dieser Comic-Kunst ist noch längst nicht verebbt, was sich in der neuesten Interpretation eines DC-Comics zeigt. Wer Lust auf einen Mix aus Politik, Feminismus und Frauenpower hat, der sollte diese Rezension besonders aufmerksam lesen …

von Daniel Pabst

Wir befinden uns in der Jetztzeit. Ganz Themyscira ist von Amazonen belebt… Ganz Themyscira? Nein! Ein Eindringling landet mit einem Kleinflugzeug am Strand und heraus steigt: Harley Quinn – mit ihren zwei Hyänen Bud und Lou! Was hat sie hier zu suchen? Wie ist sie auf die Insel gekommen? Warum ist sie so stark verletzt? Die „heile Welt“ der Amazonen wird durch ihre Ankunft aufgerüttelt. Der Zeitpunkt hierfür könnte unpassender nicht sein. Denn nur wenige Minuten zuvor hat Lyssipee gestanden, dass sie schwanger ist. Eine schwangere Amazone jedoch darf es auf der – allein von Frauen bewohnten – Insel eigentlich nicht geben. Ein Mysterium, das es aufzuklären gilt. Unter der Decke der Zivilisation brodelt es zunehmend. Als Leserin oder Leser merkt man bereits nach wenigen Seiten, dass es hier um das „Große Ganze“ geht.

Sylvain Runberg als Autor dieser Geschichte und Miki Montolló als Zeichner reihen sich mit „Wonder Woman & Harley Quinn – Fluch und Segen“ ein in die Tradition der frankobelgischen Comics. Der Erzählstil und die Darstellungsform folgt der klassischen Panelgestaltung, welche mit ebenso klassischen Sprechblasen ergänzt wird. Die farbliche Gestaltung geschieht durch Pastelltöne und teilweise in monochrom, wodurch die Erzählung einen sehr mythologischen Touch erhält. Inhaltlich bewegen wir uns in diesem Comic zwischen antikem Heldenmythos und modernen Fragen zum Umgang mit gesellschaftlichen sowie politischen Änderungen. Harley Quinn als Neuankömmling steht für das plötzliche Konfrontiertsein mit Veränderungen. Sie ist aus der Welt der Menschen geflüchtet, nachdem sie ihr Lebenspartner – der Joker – sowohl psychisch als auch physisch misshandelt hat. Von Diana, alias Wonder Woman, erhofft sie sich Rettung.

Das Problem dabei ist jedoch, dass nicht jede der Amazonen Harley Quinn mit offenen Armen entgegennehmen möchte. Einige vermuten, dass sie als „Trojanisches Pferd“ gesandt worden ist, um die geheime Kampfausbildung der Amazonen auszukundschaften und ihr Wissen am Ende für die Auslöschung der Insel Themyscira nutzen wird. So ganz von der Hand zu weisen ist diese Vermutung wohl nicht – Harley Quinn ist schließlich für ihre brachiale Gewalt, Exzesse und Verrücktheit bekannt. Kann man einer Verbrecherin eine zweite, dritte oder vierte Chance gewähren? Ist eine Resozialisierung von Harley Quinn möglich? Glaubt man Harley Quinn, dass sie zum Opfer ihres Partners geworden ist, ohne diesen anzuhören? Wie lassen sich die Vorwürfe nachweisen? Gilt selbst für den Joker die Unschuldsvermutung?

Die Geschichte nimmt sich hier heraus, ganz aktuelle gesellschaftliche Fragen und politische Debatten aufzugreifen, anstatt sie nur anzudeuten. Daher entwickelt sich dieser Comic sehr schnell als politischer Comic. Wer also einen actionreichen Comic mit weiblichen Heldinnen erwartet hat, der wird eines Besseren belehrt. Aber nicht nur die Dialoge zwischen Harley Quinn (die ab der Ankunft in Themyscira nur mit ihrem echten Namen „Harleen“ angesprochen werden möchte) und Wonder Woman strotzen vor Empowerment und Feminismus. Auch die Königin, die gleichzeitig die Mutter von Wonder Woman ist, zeigt Stärke und Führungsqualitäten. Doch diese Autorität beginnt langsam zu bröckeln. Es wird nämlich die Machtfrage gestellt, und sie muss sich erklären, warum sie ein Kind gebären durfte, wohingegen den Amazonen diese Entscheidungsfreiheit nicht gewährt wird. Darf nicht jede selbst entscheiden, ob sie ein Kind in die Welt setzen möchte?

Neben all diesen Themen fragt man sich erneut, was das mit dem DC-Universum zu tun hat oder ob man hier das Setting benutzt hat, um politische Fragen zu stellen? Die Frage ist nicht eindeutig zu beantworten. Einerseits sind die behandelten Themen für einen DC-Comic selbstverständlich nicht alltäglich. Andererseits sollte jedem und jeder bewusst sein, dass Wonder Woman eine starke Frauenfigur ist, die nicht nur mit ihrem Lasso ungewohnte Wege geht und die „Männerwelt“ gerne Kopfstehen lässt. Um den Bezug zu Gotham City herzustellen, gibt es übrigens eine Rückblende, in der die Geschichte von Harley Quinn und dem Joker angedeutet wird, wo natürlich auch Batman und Robin ihren Auftritt erleben. Und auch eine weitere sehr bekannte Figur aus dem Universum von Gotham City darf nicht fehlen: Poison Ivy ist mit dabei und verkündet stolz und selbstbewusst, mit einem Funken Wahnsinn: „Bereiten wir all diesen scheinheiligen Leuten, die uns regieren und unseren Planeten ausbeuten, ein Ende!“ 

Als es dann – ohne Ermittlungen zu den Hintergründen – einen schnellen Prozess geben soll, der die schwangere Amazone bestrafen soll, und bei dem auch ein (angeblicher) Verstoß von Harley Quinn sanktioniert werden soll, beginnt Wonder Woman sich gegen ihre autoritäre Mutter zu stellen. Ist das der Beginn einer Revolution auf der Insel der Amazonen? Doch damit nicht genug! Denn auch die antike Figur der Kirke („Circe“), die die Gefährten von Odysseus in Schweine verwandelt haben soll, macht die Insel unsicher. Ist das eine weitere Botschaft von Sylvain Runberg an die Lesenden? Im Anhang befinden sich nicht nur Skizzen, Charakterstudien sowie ein ausführliches „Making-of“, wo einzelne Panels kommentiert wurden, sondern auch ein dreiseitiges Interview. In diesem sagt Sylvain Runber zuerst: „Diana (…) steht von Anfang an für Stärke, Stabilität sowie eine bestimmte Verkörperung eines einflussreichen und unverkennbaren Feminismus“, und ergänzt dann: „Daher wollte ich herausfinden, wie eine von Frauen geführte Gesellschaft, in der die Elternschaft (…) überhaupt keine Rolle mehr spielt, wohl aussehen würde“. In diesem Interview erklärt er auch, dass er eigentlich Geschichtsforscher ist und es ihn freuen würde, wenn bei den Lesenden Neugierde und Lust an gesellschaftspolitischen Fragen geweckt wird.

Der Comic „Wonder Woman & Harley Quinn – Fluch und Segen“ bringt trotz seiner teils chaotischen Kombination aus tagesaktuellen Fragen und Actionszenen frischen Wind in die Welt der Superhelden. Das liegt an dem Fakt, dass hier die Frauen das Zepter in der Hand halten; sich ohne männlichen Einfluss frei und selbstbestimmt entfalten. Doch in der (fiktiven) Welt der Frauen sind Konflikte und Machtfragen auch nicht völlig aus der Welt. Spätestens ab dem Zeitpunkt, als eine „Geflüchtete“ die Insel betritt und eine Amazone sich für die Schwangerschaft entschieden hat, stellen sich die Fragen, ob echte Veränderungen willkommen sind, die Selbstbestimmtheit nicht nur als leere Worthülse über dem Konformismus steht oder ob auch diese (neue) Gesellschaft an alten (männlichen) Hierarchien festhalten würde? 

Leseprobe

Fazit: Dieser feministische Comic preist die Frauenpower. Gleichzeitig konfrontiert er die Lesenden damit, welche gesellschaftlichen Einschränkungen wohl notwendig wären, um eine gewaltfreie Gesellschaft zu errichten. Durch das Überformat dieses Comics von Sylvain Runberg wirken die Zeichnungen von Miki Montlló im Stile eines frankobelgischen Comics sehr stark. Das Cover spricht für sich und sollte jede und jeden ansprechen, der sich einmal mit der tiefgründigen Frage beschäftigen möchte, wie eine Welt ohne Männer aussehen könnte – zumindest im (fiktiven) DC-Comic-Universum. 

Wonder Woman & Harley Quinn – Fluch und Segen
Comic
Sylvain Runberg, Miki Montlló
Panini Comics 2026
ISBN: 978-3-7416-4931-8
114 S., Hardcover, deutsch
Preis: 35,00 EUR

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