Thebai

Lasst uns mal wieder einen thematischen Abstecher in die griechische Mythologie machen. Weil sich Eteokles und sein Bruder Polyneikes nicht einigen können, wer die Stadt Theben regieren soll, hauen sie sich die Köppe ein. Ratet mal, was wir tun werden? Genau, wir regeln das. Und nebenbei bauen wir noch die in Trümmer liegende Kadmeia auf.

von Oli Clemens

Um dich nicht rätseln zu lassen: Die Kadmeia war für Theben das, was die Akropolis für Athen war, also eine Tempelanlage und Prestige-Projekt zugleich. Im Spiel bauen wir sie auf dem Hauptspielplan aus Holzscheiben zusammen. Jede Holzscheibe liefert dann einen Effekt mit, der von allen genutzt werden kann.

Der Wiederaufbau der Kadmeia ist nur eine der Aufgaben, um die wir uns in dem Expertenspiel „Thebai“ kümmern müssen. Wir verteidigen die Stadttore, machen Hopliten zu Helden und kümmern uns darum, dass unsere hart arbeitende Bevölkerung zu Ratsmitgliedern aufsteigen kann. An diese Ausgaben müssen wirklich Experten ran. „Thebai“ könnte nicht nur wegen des Anfangsbuchstaben in die T-Reihe aufgenommen werden. Die Komplexität rechtfertigt das, auch wenn es unterschiedliche Autoren sind.

Beim Vorbereiten des Würfeleinsetz-Spiels werdet ihr merken: „Thebai“ braucht Platz, viel Platz! Macht euch bereit, einen zentralen Spielplan, der die Stadt repräsentiert, ein Playerboard pro Person, eine Altartafel zum Leisten-Steigen, eine Ratstafel für Sieg-End-Punkte, Aufträge, Schicksalsplättchen und Ressourcen überschaubar auf eurem Spieltisch zu puzzeln.

Über 10 Runden werdet ihr immer im Wechsel von Aktions- und Schicksalsphase um die meisten Siegpunkte kämpfen. In den Aktionsphasen setzt ihr einen eurer Bevölkerungswürfel ein. Das sind die mit den weißen Gesichtern. Bitte verwechselt sie nicht mit den Hopliten-Würfeln mit den schwarzen Gesichtern. Beide Würfelarten haben Werte von 1-3 und 1*-3*. Der Grund ist, dass sie durch Drehen in ihrem Wert gesteigert werden können. Ein Stern zeigt immer an, dass bei der nächsten Erhöhung eine höhere Zahl erreicht wird. Da muss man am Anfang ein bisschen wenden und suchen, bis man den Würfel immer auf die neue Seite gedreht hat.

Für eure Bevölkerungswürfel gibt es zwei Orte, an denen sie eingesetzt werden können. Packt sie auf euer persönliches Playerboard und löst eine der damit verbundenen Aktionen aus. So kannst du beispielsweise neue Aufträge organisieren, Geld und Waren bekommen und auch wieder ausgeben, Hoplitenwürfel in die Stadt zur Verteidigung bringen und neue Kadmeia-Teile von deinem Board in den Hauptspielplan manövrieren. Attraktiv ist es auch, durch die Bevölkerungswürfel auf einer der beiden Altarleisten voranzuschreiten. Da warten tonnenweise Boni darauf, von euch eingesammelt zu werden.

Entscheidest du dich dagegen, auf deinem eigenen Board zu spielen, finden eure Bevölkerungswürfel auf dem zentralen Spielplan zwischen bereits eingesetzten Teilen der Kadmeia Platz, wo sie euch in der Regel Rohstoffe organisieren. Im Anschluss wandert eure Archon-Spielfigur über die Teile der Kadmeia, die schon wieder errichtet wurden. Dort, wo sie stehen bleibt, löst sie einen gewinnbringenden Effekt aus.

Sehr cool gelöst ist, dass die Archon-Figuren auf ihrem Weg eingesetzte Würfel überspringen können. Tun sie dies bei den Würfeln der anderen, werden die wertvoller! Hüpft ein Archon über eigene Würfel, sinken sie im Wert. Auch wenn man ziemlich genau weiß, was man mit dieser Bonus-Bewegung am liebsten erreichen möchte, gilt oftmals die Devise: „Lieber den Magen verrenkt als dem Wirt was geschenkt“, und man verzichtet vielleicht doch ein Kadmeia-Plättchen anzusteuern, weil die anderen davon profitieren würden.

Steigt nämlich ein Würfel über seinen maximalen Wert, wird er im Fall der weißen Bevölkerungswürfel zu einem Ratsmitglied und sorgt für Punkte oder im Fall der schwarzen Hoplitenwürfel zu einem Heerführer, der sogar noch einen Helden im Schlepptau haben kann. Beides katapultiert euch Richtung Sieg. Da überlegt der Archon also lieber zweimal, bevor er den anderen solche Vorteile verschafft.

Während der Aktionsphase könnt ihr noch Aufträge einlösen. Die sind in der Regel so gestaltet, dass ihr eure Ressourcen einsetzt, um dann von Aktionen, Siegpunkten oder Effekten zu profitieren. Außerdem sammelt ihr mit den Aufträgen über einen Set-Collection-Mechanisus am Schluss noch ein paar Punkte ein auf dem Weg zum Erfolg.

Die Aktionsphase spielt ihr reihum. Danach kommt die Schicksalsphase, die für alle gleichzeitig stattfindet. Vor euch liegen 10 Plättchen, die sich in Wohlstand und Konflikt unterscheiden. Da ihr wisst, was in einer Wohlstandsphase auf euch zukommen wird, habt ihr Zeit, diese Belohnungen für euch bestmöglich abzugreifen. Beispielsweise werdet ihr belohnt, wenn ihr Bevölkerungswürfel in der Stadt habt oder dürft Würfel in der Stadt verbessern. Manchmal braucht es dafür ein paar Ressourcen, habt also immer ein paar Drachmen, Trauben, Bronzeplättchen oder Amphoren auf der hohen Kante.

Ganz anders dagegen verläuft die Schicksalsphase, wenn ein Konflikt geregelt werden muss. Dann wird nämlich eins der Stadttore Thebens angegriffen und ihr verteidigt es mit den Werten eurer eingesetzten Hoplitenwürfeln und Heerführer. Könnt ihr den Angriff abwehren, gibt es Beute. Verliert ihr oder habt vielleicht gar nicht teilgenommen, kostet das Siegpunkte. Und die verdienst du in „Thebai“ so hart, dass du das auf jeden Fall vermeiden möchtest. Bei diesen Konflikten wurde bewusst auf einen kleinen Glücksmoment gesetzt. Der Angriff setzt sich nämlich aus zwei Werten zusammen: einem Grundwert, der allen bekannt ist, und einem geheimen Modifikator, der den Wert vielleicht noch erhöht. Bevor ihr die Nase rümpft, weil Glück in einem Expertenspiel ja angeblich nichts zu suchen hat: Der Glücksfaktor ist minimal. Du kannst also ziemlich gut errechnen, ob es dir gelingt, den Angriff abzuwehren oder nicht. Es kann sich aber ein bisschen störend auf die Beute auswirken. In einer Partie „Thebai“ wird es zu vier solcher Angriffe kommen, die anderen sechs Runden könnt ihr euch Wohlstand verschaffen.

Wenn ihr dann nach 10 Runden am Spielende angekommen seid, gibt es noch ein bisschen Fleißarbeit für euch, um die letzten Punkte zusammenzuzählen. Prüft unter anderem, was ihr für eingesetzte Ratsmitglieder gutgeschrieben bekommt, belohnt euch für Kadmeia-Teile, die ihr in der Stadt eingebaut habt und greift Set-Collection-Punkte für erledigte Aufträge ab. Die Person mit den meisten Punkten gewinnt.

Oder sollte man vielleicht sagen, die Person, die am längsten die Konzentration aufrechterhalten und die eigenen Züge ausschlachten konnte, gewinnt? „Thebai“ ist nämlich ein Zeitmonster. Schon auf der Schachtel sind bis zu 180 Minuten Spieldauer angegeben. Und jede Person, die im Nebenhobby Analyse-Paralyse betreibt, kann in Vollbesetzung diesen Wert noch nach oben steigern. Das liegt natürlich daran, dass du genau 10-mal an der Reihe bist. Da muss jede Entscheidung sitzen, wenn du nach hinten nicht den Anschluss an die Lorbeer-Plätze verlieren willst. „Thebai“ verlangt von dir einiges an planerischen, strategischen und taktischen Finessen!

Höhepunkt des Materials, das euch zur Verfügung steht, sind sicher die wertigen Kadmeia-Steine aus Holz. Aber auch der Rest an Tokens, Karten, Aufstellern macht zufrieden beim Spielen. Leider findet alles seinen Platz in Standard-Zip-Beuteln. Ich äußere hier nur eine ganz private Meinung: Mich macht das nicht an, wenn ich beim Öffnen eines Deckels das Gefühl habe, in meine Recyclingtonne zu schauen. Ist sicher eine Preisfrage, aber ein Sortiersystem aus Kartonschachteln zum Einsortieren und Lagern von Tokens kann auch nicht die Welt an Produktionskosten verursachen. Vielleicht ein bisschen Goodwill für ein bisschen mehr Feelgood als allgemeine Aufforderung an die Verlage?

Das Anleitungsheft beinhaltet natürlich alles, was du brauchst, inklusive den notwendigen Beispiel-Bebilderungen. Die Extraregeln für 2 Personen sind leicht umzusetzen, der Solo-Modus wurde von mir nicht berücksichtigt.

Fazit: Wer Expertenspiele liebt, will „Thebai“. Turczi hat einfach wieder geliefert, was man sich von einem Spiel aus seiner Feder verspricht: komplexe Abläufe bei schlichtem Grundmechanismus. In „Thebai“ ist das Rezept zum Erfolg simpel: Setze deinen Bevölkerungswürfel ein und entfache ein Feuerwerk an Möglichkeiten.

Thebai
Brettspiel für 1 bis 4 Personen ab 12 Jahren
Dávid Turczi
Pegasus Spiele 2025
EAN: 4250231742675
Sprache: Deutsch
Preis: 69,99 EUR

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