von Kurt Wagner
Der Sammelband „Superman 6“, der die „Action Comics“ #1070-1075 vereint, stellt eine kleine Zäsur in der Geschichte des Stählernen dar. Der Ärger rund um Brainiac liegt hinter den Protagonisten und wird auch nicht mehr erwähnt. Ebenso ist der Zyklus „Dawn of DC“ abgeschlossen, die neue Story firmiert unter dem Label „All-In“ – nicht dass das irgendetwas nennenswert ändern würde. Superman bleibt Superman, wenn auch diesmal ohne einen Großteil seiner Superfamilie, ohne Lex Luthor und überhaupt konzentrierter auf sich selbst und seine Vergangenheit.
Der ganze Ärger beginnt mit dem plötzlichen Auftauchen eines kryptonisch sprechenden „Monsters“ über Metropolis. Mit Ach und Krach und Jimmy Olsons Hilfe kann Superman das Wesen, das aus drei verschmolzenen Kryptoniern zu bestehen scheint, besiegen, doch danach erfährt er Beunruhigendes. Irgendetwas geht in der Phantomzone vor sich, einem Ort, der eigentlich nur eine Schattendimension sein sollte, in dem die körperlosen Seelen verurteilter Verbrecher von Krypton auf ewig im Nichts weilen. Plötzlich aber scheint etwas in der Zone zu existieren, und Superman wagt sich an den Ort, an dem so ungefähr jeder den Nachkommen des Hauses El hassen dürfte.
Vor Ort stellt er nicht nur fest, dass die Zone und ihre Bewohner auf einmal materielle Form angenommen haben, er trifft auch auf einen sehr alten Freund und einen kaum minder alten Feind. Kenner ahnen vielleicht schon, um wen es sich handelt, denn beide sind auf dem Cover abgebildet. Der Drahtzieher hinter allem jedoch ist eine neue Bedrohung, die schier unüberwindbar scheint. Und dann, auch das wird bereits von Beginn an gespoilert, diesmal im Untertitel, verschlägt es Superman auch noch auf das alte Krypton, die Welt, in der seine Eltern noch am Leben sind.
Um die nach wie vor ebenso existierende Super-Familie nicht völlig zu ignorieren, geraten parallel dazu Superboy und Kong Kenan, der chinesische Super-Man (mit Bindestrich!) beim „Kehrdienst“ in der Festung der Einsamkeit in den Raubzug galaktischer „Forschender“, die Artefakte primitiver untergegangener Zivilisationen in einem Museum horten. Dass die Sachen eigentlich jemand anderem gehören, interessiert sie dabei nur peripher. Und als dann eine weitere Truppe wutschnaubender Geschädigter mit einer Kampfflotte vor der Tür steht, wird es ziemlich wild im All.
„Phantome – Rückkehr nach Krypton“ fühlt sich in vielerlei Hinsicht bodenständiger an als die unmittelbaren Vorgänger, ein rundum solider, klassischer „Superman“-Comic, will man sagen. Mit der Phantomzone greift Autor Mark Waid ein sehr bekanntes Element der Superman-Historie auf und spielt damit, dazu kehren klassische Figuren zurück und obwohl auch dieser Bösewicht natürlich die Erde bedroht, fühlt es sich nicht ganz so hemmungslos an wie die Angriffe von Brainiac und Bizarro in der jüngeren Vergangenheit. Interessant ist die Auseinandersetzung Supermans mit der Frage, wie sein eigentlich so moralischer Vater je etwas so Gefühlloses wie ein Gefängnis in der Phantomzone ersinnen konnte, in der die Häftlinge zu ewigem, körperlosem Nichtleben verdammt sind. Einzig den primär humorvollen Nebenplot rund um Superboy und Super-Man hätte es in meinen Augen nicht unbedingt gebraucht. Das fühlt sich ein wenig wie Seitenschinden an oder aber eine umgesetzte Vorgabe, die Super-Familie nicht ganz zu vergessen.
Die Optik von Clayton Henry und Michael Shelfer wirkt etwas einfacher und zeichentrickhafter als die Comics zuvor. Klare Linien, kräftige Farben und kaum Schattenfelder prägen das Bild. Im Erzählstrang mit der Super-Familie schleicht sich zudem ein merklicher Hauch Manga-Ästhetik in den Stil. Manche mögen das flott und jugendlich nennen, ich persönlich bin eher ein Fan realistischerer Optik.
Fazit: Neuer Zyklus, neues Team, neues Glück. „Phantome – Rückkehr nach Krypton“ tritt erzählerisch einen Schritt zurück und will anscheinend nicht ganz so viel wie die Brainiac-Story zuvor. Das gefällt mir durchaus gut. Gradlinig, aber doch mit durchaus interessanten Wendungen (von denen leider viel zu viele schon auf dem Cover gespoilert werden), erzählt Mark Waid sein Abenteuer rund um die Phantomzone. Am Ende steht ein geradezu klassischer Cliffhanger, der die Lektüre von „Superman 7“ regelrecht zur Pflicht macht.
Superman 6 – Phantome – Rückkehr nach Krypton (All-In)
Comic
Mark Waid, Clayton Henry, Michael Shelfer u. a.
Panini Comics 2025
ISBN: 978-3-7416-4535-8
144 S., Softcover, deutsch
Preis: 19,00 EUR
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