von Ye Olde Jedi-Master
Es war ganz sicher nicht so, aber ich stelle mir das Pitch Meeting für „Die letzte Ordnung“ folgendermaßen vor:
„Kwame Mbalia? Wir haben einen Job für Sie.“
„Super. Lassen Sie hören.“
„Wie Sie sicher wissen, feiert ‚Das Erwachen der Macht‘ 2025 sein 10-jähriges Jubiläum. Zu diesem Anlass brauchen wir einen Roman.“
„Äh, interessiert sich überhaupt noch jemand für die Sequel-Ära?“
„Es sollte die Fans lieber interessieren. Wir planen eine neue Film-Trilogie mit Rey als Jedi-Meisterin.“
„Verstehe … gebt mir einen Moment Bedenkzeit.“
…
„Ich habe eine fantastische Idee!“
„Perfekt. Schießen Sie los.“
„Als schwarzer Autor möchte ich den schwarzen Figuren der Sequel-Reihe mehr Tiefe verleihen, also Finn, Jannah und Lando Calrissian.“
„Okay. Weiter.“
„Am Ende von ‚Der Aufstieg Skywalkers‘ steht ja noch die Frage von Jannahs Herkunft im Raum. Lando will ihr helfen, herauszufinden, wer sie ist. Außerdem sucht er selbst seine entführte Tochter. Vielleicht könnten die beiden herausfinden, dass …“
„Nein!“
„Verzeihung?“
„Keine Lando-Jannah-Story. Das ist zu relevant. Das ist nichts für einen Roman. Darüber wollen wir vielleicht noch einen Film drehen.“
„Ernsthaft?“
„Eher nicht, aber man weiß ja nie. Neuen Vorschlag bitte. Aber ohne Lando.“
„Aber die Leute mögen Lando Calrissian!“
„Das hier soll ein Sequel-Roman werden, also konzentrieren wir uns doch bitte auf die Sequel-Charaktere.“
„Verstehe … gebt mir einen Moment Bedenkzeit.“
…
„Ich habe eine fantastische neue Idee!“
„Perfekt. Schießen Sie los.“
„Wir beginnen nach ‚Der Aufstieg Skywalkers‘. Der siegreiche Widerstand befindet sich nach wie vor auf Ajan Kloss.“
„Wo?“
„Auf Ajan Kloss, diesem Yavin-IV-artigen-Dschungelmond-eines-Gasriesen, der im Film als Versteck der Rebellion, äh, des Widerstands, diente.“
„Ach richtig, ich erinnere mich vage.“
„Da retten unsere Helden eine Raumfähre in Not, auf der sich Kindersoldaten der Ersten Ordnung unter der Führung des Mädchens Niila befinden, wobei Niila eigentlich eine junge Frau ist, aber wir nennen sie konsequent Mädchen, um die Leser zu verwirren.“
„Okay. Weiter.“
„Es stellt sich heraus, dass da draußen immer noch Anhänger der Ersten Ordnung sind, die den Kampf weiterführen wollen, nicht zuletzt mit diesen Kindersoldaten, die geflohen sind.“
„Fiese Sache. Wer ist der Bösewicht?“
„Ein Major Gohl. Er war früher Propagandachef der Ersten Ordnung. Täglich hat er Nachrichten und moralische Lektionen verfasst, um die Truppen der Ersten Ordnung zu indoktrinieren. Er war ein übler Manipulator und bösartig dazu.“
„Gefällt mir. Und dann gehen Finn und Jannah auf die Jagd nach ihm?“
„Genau. Mit Coy.“
„Wer ist Coy?“
„Eine Figur, die ich erfunden habe. Ein einfacher Bursche, Teebauer, der eigentlich gar nicht kämpfen will, aber über sich hinauswächst.“
„Brauchen wir den? Der Roman soll von Finn und Jannah handeln.“
„Ich will aber auch einen Protagonisten zum ‚Star Wars‘-Universum beisteuern! Alle Autoren machen das!“
„Von mir aus. Und dann erleben sie ein dramatisches Abenteuer auf die Jagd nach Gohl?“
„Nein.“
„Wie bitte?“
„Das ist nur die Rahmenhandlung, die im Roman fast gar keine Rolle spielt, aber ein paar Seiten füllt. Stattdessen wird die Jagd nach Gohl für Finn und Jannah zu einem Trip in die Vergangenheit, und wir gehen zurück und lernen sie als junge Soldaten der Ersten Ordnung kennen, vor ihrem Desertieren.“
„Nicht ganz das, was ich erwartet habe, aber gut. Was machen die so als Truppler?“
„Finn, also FN-2187, will unbedingt Truppführer werden. Dafür gibt er alles. Er glaubt noch an die Erste Ordnung. Aber dann wird er von Major Gohl …“
„Dem Typ mit den Kindersoldaten aus der Gegenwart?“
„Genau. In der Vergangenheit lernt Finn ihn kennen und hassen.“
„Gefällt mir. Weiter.“
„Also, Major Gohl nimmt ihn mit auf eine Spezialmission, um Drecksarbeit für ihn zu erledigen. Denn natürlich ist der Major ein Mistkerl und nutzt die Macht der Ersten Ordnung zur Unterdrückung und persönlichen Bereicherung.“
„Und das stört Finn gar nicht?“
„Doch, schon.“
„Warum desertiert er dann erst in ‚Das Erwachen der Macht‘ und nicht jetzt schon“?
„Weil er Gohl für einen Einzelfall hält. Ein schwarzes Schaf. Ansonsten ist die Erste Ordnung natürlich total okay.“
„Aha … Hat Gohl keine eigenen, skrupellosen Gefolgsleute für Drecksarbeit?“
„Doch, schon. Leutnant Shroud zum Beispiel, eine maskierte Killerin.“
„Warum nimmt Gohl Finn dann überhaupt mit?“
„FN-2187.“
„Wie bitte?“
„Wir nennen ihn immer nur FN-2187. Er heißt ja noch nicht Finn.“
„Das macht’s den Lesern nicht leichter.“
„Ist aber korrekt so.“
„Na schön. Also: Warum nimmt Gohl FN-2187 dann überhaupt mit?“
„Weil es in dem Roman um FN-2187 gehen soll.“
„Das ergibt Sinn. Wo bleibt Jannah?“
„Jannah, also TZ-1719, bekommt eine eigene Parallelhandlung. Sie und ihr Trupp Soldaten werden von Ort zu Ort geschickt, um für Ordnung zu sorgen. Mal ist sie auf Patrouille, mal untersucht sie Piratenaktivitäten.“
„Wow, das klingt echt … unspektakulär.“
„Obacht! Ganz gleich, wo sie ist, sie kommt dabei immer mehr einer großen Intrige auf die Spur. Die Piraten arbeiten nämlich in Wahrheit für eine Industrielle, die in Wahrheit heimlich Hilfslieferungen für ihre Schwägerin abzweigt, die aber in Wahrheit gar keine Hilfslieferungen sind, sondern …“
„Moment, egal, auf welchem Planeten sie sich herumtreiben, alles hat miteinander zu tun?“
„Irgendwie schon.“
„Warum?“
„Die Macht will es so.“
„Feine Sache. Und am Ende gibt es eine große Schlacht?“
„Nein, wir lösen die Handlung differenzierter auf.“
„Ach ja? Wie?“
„FN-2187 enttarnt Gohls Machenschaften und führt ihn der Gerechtigkeit zu.“
„Guter Junge.“
„TZ-1719 verweigert ein Massaker an Zivilisten und desertiert mit ihrer Kompanie, wie in ‚Der Aufstieg Skywalkers‘ erzählt. Das ist die Schlüsselszene des Romans.“
„Gefällt mir. Und die Rahmenhandlung?“
„Ich sage nur: Make Love, not War.“
„Wie bitte?“
„Vertrauen Sie mir. Das wird sehr berührend.“
„Aber ergibt das auch von den Charakteren her Sinn? Ich hasse es, wenn ein gutes Buch durch ein unglaubwürdiges Ende verschandelt wird.“
„Ganz bestimmt. Versprochen. Jedi-Ehrenwort.“
„Das wollte ich hören. Ist gekauft.“
Fazit: „The Last Order“ rückt ehrenhaft die schwarzen Sequel-Protagonisten Finn und Jannah ins Rampenlicht. Dies wird in zwei völlig isolierten Parallelhandlungen erzählt, die von einer eher schwachen Rahmenhandlung eingefasst sind. Finns Abenteuer passt allerdings nicht so ganz zu der Art, wie er in „Das Erwachen der Macht“ eingeführt wurde, wo er scheinbar zum ersten Mal das wahre Gesicht der Ersten Ordnung erlebt (obwohl er damals schon Putzdienst auf der Starkiller-Base hinter sich hatte, die garantiert allein zu humanitären Zwecken eine Planetenvernichtungskanone hatte). Jannahs Vorgeschichte bis hin zu ihrem Desertieren ist indes hübsch entwickelt, verknotet sich aber in einer etwas verschwurbelten Intrige. Für Fans der Sequel-Trilogie bietet der Roman definitiv einiges an Futter, aber der Roman hätte gewonnen, wenn Kwame Mbalia ein paar Dinge anders erzählt hätte.
Star Wars: Die letzte Ordnung
Film/Serien-Roman
Kwame Mbalia
Panini Books 2026
ISBN: 978-3-8332-4776-7
432 S., Paperback, deutsch
Preis: 19,00 EUR
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