von Frank Stein
Um es gleich vorweg zu nehmen: ziemlich spannend. Autor Charles Soule gelingt wahrhaftig das Kunststück, über 500 Seiten den Druck und das Drama hoch zu halten. Er verliert sich auch gar nicht groß in Exposition, sondern lässt den Roman fast direkt mit der Vorbesprechung zur letzten Mission der Jedi beginnen, die über das Schicksal der Galaxis entscheiden soll. Denn die alles verschlingende Verderbnis scheint irgendwie mit den Namenlosen von Planet X zusammenzuhängen, und so hoffen die Jedi, dass sie die Verderbnis aufhalten können, indem sie die bislang gefangenen Kreaturen in ihre Heimat zurückbringen. Eine Theorie, die mit vielen Fragezeichen verbunden ist.
Gleichzeitig entzündet sich, gewissermaßen an einem wirklich banalen Funken, der Aufstand, der zur Schlacht um Eriadu führen soll. Ein mürrischer Mann trinkt in seiner Lieblingsbar ein Bier und philosophiert mit dem kaum weniger frustrierten Wirt darüber, wie es wohl wäre, die eigene Freiheit zurückzuerlangen. Dass es unter der Oberfläche von Eriadu schon lange brodelt, ist ein offenes Geheimnis. Doch bislang kam von den Eliten kein Aufruf zum Aufstand. Also entscheiden die beiden, dass man manchmal die Dinge selbst in die Hand nehmen muss. Und ein paar Nihil, an denen man ein Exempel statuieren kann, finden sich erfreulicherweise auch. Leider hat Marchion Ro, der Anführer der Nihil, schon lange mit diesem Moment gerechnet und bereits alle verfügbaren Nihil-Kräfte nach Eriadu umgeleitet. Und so bricht die Hölle auf dem Planeten los, als beide Kampfparteien alles auffahren, was sie zu bieten haben.
In diese zwei großen Handlungsstränge ist der Roman grob unterteilt: die Mission der Jedi links und die Schlacht um Eriadu rechts. Um zugleich seinem überbordenden Ensemble gerecht zu werden, wechselt Soule dabei fast ständig die Perspektive. Mal folgen wir Elzar Mann, dann Torban Buck oder Bell Zettifar bei den Jedi, dann wiederum Sevran Tarkin, Emerick Caphtor oder Porter Engle auf Eriadu. Eingestreut werden zudem Szenen mit weiteren namhaften Größen des „Die Hohe Republik“-Projekts, etwa Kanzlerin Lina Soh, der abtrünnigen Senatorin Ghirra Starros oder auch Marchion Ro selbst. Und obendrauf gönnt sich Soule noch mehrfach einen Abstecher auf den völlig unwichtigen Planeten Estarvera, wo eine total beliebige Familie aus Vater, Mutter, Sohn, Tochter, Roboter und Schuppenschweinchen aus ihrer heilen Welt gerissen wird, weil die Verderbnis eingetroffen ist und in atemberaubendem Tempo den Planeten zu verschlingen droht. Das Leid des kleinen Mannes wird hier stellvertretend und erschütternd eindringlich durchgespielt.
Das alles sorgt dafür, dass sich „Die Prüfungen der Jedi“ wirklich galaktisch anfühlt. Es passieren Dinge, die groß und bedeutsam sind, auch weil wir sie aus unterschiedlichsten Perspektiven wahrnehmen. Endlich werden obendrein all die Fragen beantwortet, die man noch mit sich herumgetragen hat. Warum fällt der Sturmwall eigentlich? Was genau sind die Namenlosen? Wie hängen sie mit der Verderbnis zusammen? Und hat Marchio Ro eigentlich einen Plan für alles gehabt? (Spoiler Alert: Nicht wirklich. Am Schluss wirkt er nur noch wahnsinnig.)
Je weiter man in der Handlung voranschreitet, desto größer wird dabei der Sog. Am Ende will man das Buch gar nicht mehr aus der Hand legen, einfach weil so viele Dinge so knapp vor der Auflösung stehen, die wir nun fünf Jahre mit uns herumgetragen haben.
Dabei gibt es durchaus auch Punkte zu kritisieren, sowohl an dem Buch als auch an dem Projektkonzept als Ganzes. Zum einen existieren am Ende unglaublich viele Charaktere. Nicht allen kann Charles Soule gerecht werden. Figuren wie Meister Arkoff, Ceret und Terec, Vernestra Rwoh, Torban Buck und selbst Yoda sind auf ein oder zwei Momente reduziert, in denen sie strahlen können (wenn überhaupt). Der Fokus liegt deutlich auf Elzar Mann und Avar Kriss bei den Jedi, und auf der Eriadu-Seite konzentriert sich Soule gar auf das bislang eher bedeutungslose Statistenpärchen Pikka und Joss Adren, die es in dem Roman eigentlich gar nicht gebraucht hätte, die jedoch natürlich angenehm normal zwischen all den Machtnutzern wirken. Aber gut. „Die Hohe Republik“, genau wie die „Clone Wars“-Ära, war einfach schon die ganze Zeit übervoll mit „namhaften“ Figuren. Am Ende ist es eben ein Orchester mit ein paar Solisten und vielen, die nur Klang hinzufügen.
Zum Zweiten begibt sich der Roman am Ende in wirklich schweres Macht-Gewässer. Das ist „Star Wars“ seit den Prequels immer mal wieder passiert, dass es auf eine Weise mythisch wurde, die es eigentlich völlig von gewöhnlichen Lebewesen abhob. Da werden auch mal Raum, Zeit und Realität aus den Angeln gehoben. Hier erweist sich Planet X als veritables Macht-Phänomen, das imstande wäre, die ganze Galaxis zu zerstören, wenn es nicht sorgsam bewahrt wird (natürlich unter strengster Geheimhaltung, denn man hat ja später nie wieder davon gehört). Sowas muss man mögen. Ich hätte mir auch etwas weniger abgehobene Erklärungen für die Namenlosen und die Verderbnis vorstellen können, aber die Autoren wollten wohl das große Drama. Lustigerweise habe ich mir zumindest einiges von dem, das Soule da zur Erklärung auspackt, irgendwie schon gedacht, denn ganz neu sind die Gedanken natürlich nicht. Aber ich will nicht spoilern.
Fazit: „Die Prüfungen der Jedi“ schließt das Mega-Literaturprojekt „Star Wars – Die Hohe Republik“ erfolgreich ab. Der Roman hat kräftig Zug und ist fast durch die Bank spannend. Kaum mag man das Buch zur Seite legen, während sich auf Eriadu und Planet X das Schicksal der Galaxis entfaltet. Allerdings kann nicht jedem Charakter in gleicher Weise ein würdiges Ende geboten werden. Manche Figuren sind und bleiben Nebendarsteller – und offen für weitere Abenteuer. Gerade die Hauptfiguren jedoch finden in dieser Geschichte ihr Schicksal und können in der Galaxis zukünftig keine Rolle mehr spielen. Die Auflösung der Nihil-Krise zeigt, wie die Republik das Problem schon vor einem Jahr hätte lösen können, aber wir wollen nicht kleinlich sein. Das Drama um die Namenlosen und die Verderbnis dagegen nimmt eine Wendung zum gewichtig Mystischen, was man – je mehr man darüber nachdenkt – durchaus kritisch diskutieren könnte. Oder man nimmt es einfach hin, freut sich an dem hübschen Bild, das am Ende entsteht, und genießt dann die Feierlichkeiten rund um die Rettung der Republik (und vielleicht den dezenten Hinweis auf eine neue „dunkle Bedrohung“, die sich für die Zukunft abzeichnet).
Star Wars – Die Hohe Republik: Die Prüfungen der Jedi
Film/Serien-Roman
Charles Soule
blanvalet 2026
ISBN: 978-3-7341-6438-5
528 S., Paperback, deutsch
Preis: 16,00 EUR
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