von Daniel Pabst
Spider-Man gehört seit vielen Jahren zu einer der populärsten Superheldenfiguren. In den vergangenen Jahrzehnten haben sich zahlreiche – mitunter namhafte – Autoren und Autorinnen an seinen Geschichten versucht, damit experimentiert und die Fans begeistert. In Zahlen gemessen gibt es weltweit mehrere Tausend verschiedene Comics, die über diese Figur publiziert wurden! Entsprechend schwierig muss es gewesen sein, daraus eine repräsentative Auswahl zusammenzustellen. Die 2026 erschienene Neuausgabe der „Spider-Man Anthologie“ versucht aber genau das: Auf rund 360 Seiten präsentiert Panini zwölf ausgewählte US-Ausgaben aus den Jahren 1962 bis 2025 und liefert damit eine Reise durch verschiedene Epochen des Netzschwingers. Ergänzt werden die Geschichten durch redaktionelle Beiträge von Christian Endres. Darin stellt er unter anderem verschiedene Spider-Man-Versionen vor, gibt einen Überblick über einige der bekanntesten Widersacher des Helden und beleuchtet Peter Parkers wichtigste romantische Beziehungen. Dadurch erhält die Sammlung zusätzliche Einordnungen und vermittelt gerade Startern einen guten Überblick über das umfangreiche „Spider-Man“-Universum.
Natürlich darf „Amazing Fantasy #15“ von 1962 nicht fehlen. Stan Lee und Steve Ditko erzählen hier auf wenigen Seiten die inzwischen weltbekannte Entstehungsgeschichte: Der unscheinbare Schüler Peter Parker wird von einer radioaktiven Spinne gebissen, erhält dadurch außergewöhnliche Fähigkeiten und muss auf schmerzhafte Weise lernen, welche Verantwortung damit verbunden ist. Die Geschichte wirkt aus heutiger Sicht erzählerisch stark komprimiert, doch viele Elemente, die Spider-Man bis heute prägen, sind dort bereits vorhanden. Diese Geschichte hat wahrscheinlich jede und jeder schon einmal gelesen, der sich für Action- und Superhelden-Comics interessiert.
Mit „Amazing Spider-Man #2“ folgt ein weiterer früher Klassiker. Hier trifft Spider-Man unter anderem auf den Vulture (im Deutschen auch als „der Geier“ bekannt) und damit auf einen seiner ältesten wiederkehrenden Gegner. Besonders interessant ist der direkte Vergleich mit späteren Geschichten. Auch hier haben sich nämlich die Sprache, die Seitenaufteilung und das Erzähltempo im Laufe der Jahrzehnte deutlich verändert. Durch den Abdruck der Geschichten auf „normalem“ Papier – ohne Glanz – erhält all das einen noch stärkeren „Retro-Touch“.
Ein erster emotionaler Höhepunkt folgt mit „Amazing Spider-Man #50“. In der berühmten Geschichte „Spider-Man No More!“ zweifelt Peter Parker an seinem Doppelleben und beschließt, das Kostüm, welches ihn zum Helden macht, an den Nagel zu hängen. Gerade solche Geschichten zeigen, weshalb die Figur über reine Superhelden-Action hinaus funktioniert: Peter kämpft mindestens ebenso häufig mit seinem Alltag und seinen inneren Dämonen, wie mit fiesen Superschurken.
Mit „Amazing Spider-Man #100–102“ enthält der Band anschließend einen kompletten Handlungsbogen. Peters Versuch, seine Kräfte loszuwerden, geht in diesen Geschichten gehörig schief und führt zu einer der bizarreren Episoden seiner frühen Comic-Geschichte. Gleichzeitig tritt der Vampir Morbius auf. Die drei Ausgaben wirken deutlich fantastischer und trashiger als so manche der übrigen Geschichten. Ein völlig anderer Meilenstein ist „Amazing Spider-Man Annual #21“ aus dem Jahr 1987: Peter Parker und Mary Jane Watson heiraten. Zwischen Zweifeln, Erinnerungen und typischem Parker-Pech wird aus dem Superheldencomic zeitweise beinahe eine Beziehungs- und Alltagsgeschichte. Nur kurze Zeit später entstand mit „Amazing Spider-Man #300“ einer der bekanntesten Comics der Figur. David Michelinie und Todd McFarlane präsentieren darin den ersten vollständigen Auftritt von Venom. Eddie Brock und der Außerirdische werden zu einem Gegner, der Spider-Man nicht nur körperlich ebenbürtig ist, sondern Peter auch persönlich bedrohen kann …
Dass Spider-Man besonders dann funktioniert, wenn Peters Privatleben im Mittelpunkt steht, zeigt auch „Spectacular Spider-Man #200“. Die Konfrontation mit Harry Osborn als Green Goblin verbindet die jahrzehntelange Freundschaft der beiden Figuren mit tragischen Konsequenzen und gehört zu den emotionaleren Geschichten dieser Sammlung. Noch stärker auf die Figuren konzentriert sich „Amazing Spider-Man (1999) #38“ von J. Michael Straczynski und John Romita Jr. Hier weiß Tante May inzwischen, dass ihr Neffe Spider-Man ist – und endlich sprechen beide offen über Peters jahrelanges Doppelleben. Statt einer großen Schlacht stehen Gespräche und persönliche Konsequenzen im Mittelpunkt. Gerade dadurch hebt sich die Ausgabe wohltuend von klassischen Superheldengeschichten ab.
Mit „Amazing Spider-Man #500“ darf anschließend auch ein großes Jubiläum nicht fehlen. Doctor Strange schickt Spider-Man auf eine Reise durch verschiedene Stationen seiner eigenen Vergangenheit. Die Geschichte funktioniert damit nicht nur als Abenteuer, sondern gleichzeitig als Rückblick auf Peters lange Karriere. Den Schlusspunkt setzt „Amazing Spider-Man (2025) #1“ von Joe Kelly und Pepe Larraz. Peter sucht darin einen neuen Job, trifft einen alten Freund wieder und muss sich als Spider-Man mit Rhino auseinandersetzen. Die Aufnahme dieser vergleichsweise jungen Ausgabe zeigt, dass die Anthologie nicht allein in der Vergangenheit spielt, sondern den Bogen bis zur aktuellen Generation schlägt.
Fazit: Die „Spider-Man Anthologie“ zeigt sehr gut, warum die durch Lüfte schwingende Spinne auch nach mehr als 60 Jahren noch funktioniert. Peter Parker bleibt trotz Superkräften nahbar, seine Geschichten lesen sich angenehm und die Mischung aus Action, Humor und persönlichen Problemen macht bis heute Spaß. Zwar wiederholen sich manche Konflikte und Motive über die Jahrzehnte, doch gerade diese Vertrautheit gehört zum Reiz der Figur. Die Anthologie bietet damit einen gelungenen Querschnitt durch Spider-Mans lange Comic-Geschichte, welche ihr Ende wohl noch längst nicht erreicht hat.
Spider-Man – Erstaunliche Abenteuer – Die Spider-Man Anthologie (Neuausgabe)
Comic
Stan Lee, David Michelinie, J. M. DeMatteis, J. Michael Straczynski u. a.
Panini Comics 2026
ISBN: 978-3-7416-4735-2
324 S., Hardcover, deutsch
Preis: 35,00 EUR
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