von Daniel Pabst
Panini Comics veröffentlicht schon seit Jahren hochwertige Anthologien zu ikonischen Comic-Figuren aus dem Marvel- und DC-Universum. Diese stattlichen Hardcover-Sammelbände vereinen in der Regel zwischen zehn und 20 ausgewählte Geschichten, die die wichtigsten Stationen einer Figur abbilden. Von ihren Anfängen bis hin zu modernen Werken. Ziel ist es, Leserinnen und Lesern einen umfassenden Überblick über Entwicklung, Wandel und Bedeutung der jeweiligen Figur zu geben. Nun war es an der Zeit für eine weitere ikonische Figur: den Silver Surfer.
Insgesamt 14 Geschichten werden euch hier präsentiert, in denen euch ein vielschichtiges Bild des kosmischen Helden geboten wird. Den Beginn macht sein erster Auftritt im Jahr 1966 in „Fantastic Four 55 – Wenn der Silver Surfer zuschlägt!“. Das Ende macht die neuere Geschichte aus dem Jahre 2023 mit dem Titel „Marvel Age 1000 – Tauber Himmel“. Warum sich jetzt mit dem Silver Surfer beschäftigen, fragt man sich? Vielleicht auch deswegen, weil der Silver Surfer letztes Jahr im Kino für Aufmerksamkeit sorgen durfte. Im „Fantastic Four“-Film „First Steps“ wurde die Figur erstmals von Julia Garner als weibliche Version interpretiert, was bei vielen Fans für rege Diskussionen sorgte. Man darf mit Spannung weiter beobachten, ob es in Zukunft entsprechende Comics mit einer weiblichen Surferin geben wird …
In „Silver Surfer – Der kosmische Held – Anthologie“ finden sich zwischen den einzelnen Comics stets erklärende Texte von Comic-Experten, die wichtige Hintergründe liefern: Wer sind die kreativen Köpfe hinter den Geschichten? In welchem Kontext sind sie entstanden? Und welche Bedeutung haben sie für die Entwicklung der Comic-Figur des Silver Surfers? Gerade bei einer Figur, die so stark von verschiedenen Autoren geprägt wurde, sind diese Einordnungen insbesondere für Neueinsteigerinnen und Neueinsteiger besonders hilfreich.
Inhaltlich dreht sich vieles um die zentrale Frage: Wer ist der Silver Surfer hinter der glänzenden Fassade – in seinem Kern? Ist er ein Diener kosmischer Mächte oder ein freier Geist auf der Suche nach dem Sinn? Die frühen Geschichten – etwa aus der Feder von Jack Kirby – legten hierzu den Grundstein für die Figur und seine ambivalente Verbindung zu Galactus, die von einem krassen Abhängigkeitsverhältnis geprägt ist. Spätere Werke, wie solche von Dan Slott, rückten dann die emotionale Seite stärker in den Fokus, bei der die Einsamkeit, die Faszination für die Menschheit und der innere Konflikt zwischen Verantwortung und Mitgefühl zur Sprache gekommen sind.
Da eine Besprechung einer jeden abgedruckten Geschichte den Rahmen einer Rezension sprengen würde, soll eine besonders kurze Geschichte und eine besonders farbenfrohe Geschichte herausgepickt werden. Die kurze Geschichte mit dem Titel „Die Antwort“ stammt aus dem Jahre 1980 und beginnt mit einem Aufeinandertreffen zwischen Galactus und dem Silver Surfer auf dem Planet der Namenlosen. Bei diesem handelt es sich um den entlegensten des gesamten Universums. Der Silver Surfer gibt zu Bedenken, dass er zwar lediglich ein Herold sei, doch die Antwort auf die Frage erhalten möchte, was dahinter liegt – also wo „es“ endet? Galactus antwortet ihm, dass er kein Gott sei. Dennoch konstatiert er auf Drängen: „Es gibt keine Antwort.“ Das lässt sein Gesprächspartner nicht auf sich beruhen und beginnt mit seinem Surfboard „los zu düsen“. Durch bunte Welten, die an Traumbilder aus dem Film „2001: Odyssee im Weltraum“ erinnern, versucht der Surfer das Ende zu finden. Ob er ankommt? Die kurze Geschichte besticht durch ihre Frage und ihre Antwort.
In der weiteren Geschichte mit dem Titel „Hilfe gesucht“ aus dem Jahre 2013 sind die Farben sehr intensiv, die die Geschichte um Silver Surfer, Daredevil und die Ex-Staatsanwältin mit Namen Kirsten McDuffie untermalen. Hier erscheint plötzlich ein Alien und nimmt Bezug auf eine Rede, die Daredevil als Matt Murdock mal an einer Universität gehalten hat und in der er anregte, universelle Grundrechte einzuführen, da Gesetze der Unterschied zwischen Anarchie und Gerechtigkeit seien. Das Alien habe diese Rede über Funkwellen wahrgenommen und möchte sich nach der Gewährung von Asyl für die Verwirklichung dieser Utopie einsetzen. So wird dem Alien Asyl gewährt und ehe sich Daredevil versieht, gerät er in einen Kampf mit dem Silver Surfer, der das Alien durch die Galaxie „gejagt“ hätte! Da der Silver Surfer im All andere Sinne als die menschliche Sehkraft benötigt, ist er auf der Erde beinahe blind. Und da muss sich Daredevil nun für eine Seite entscheiden: Entweder er unterstützt das ihm fremde Alien oder er schlägt sich auf die Seite von Silver Surfer und nimmt das Alien fest. Wie entscheiden? Hier kommt es zu einem gelungenen Cross-Over, das darüber nachdenken lässt, ob und, wenn ja, inwiefern die Verwirklichung einer Utopie mit der Manipulation Hand in Hand geht?
Wie für eine Anthologie typisch, sind die hier enthaltenen Geschichten weitestgehend in sich abgeschlossen. Es handelt sich also nicht um eine fortlaufende Handlung, in der die Episoden aufeinander aufbauen würden. Vom Zeichenstil und der jeweiligen Farbgebung erhält man ebenfalls ein buntes Potpourri durch die folgenden Jahre: 1966, 1968, 1970, 1972, 1980, 1982, 1996, 2007, 2013, 2016, 2018 und 2023. Das alles macht den Band besonders zugänglich. Neben dem inhaltlichen Umfang überzeugt die Anthologie auch durch ihr Preis-Leistungs-Verhältnis.
Fazit: Wer den Silver Surfer nicht kennt oder allein die weibliche Interpretation aus dem letztjährig erschienen „Fantastic Four“ Film gesehen hat, dem bietet diese Anthologie eine Vielfalt an Geschichten. Nicht zu verschweigen ist sicherlich, dass die Figur des Silver Surfer nicht unbedingt die Popularität anderer Superheldenfiguren erreicht hat. Dabei bieten der innere Konflikt und das dazugehörige Abhängigkeitsverhältnis zu Galactus eine spannende Ausgangslage. Daher ist diese Anthologie auch Neueinsteigerinnen und Neueinsteigern zu empfehlen. Das Hauptaugenmerk bei diesem Band dürfte jedoch wohl auf Sammlerinnen und Sammlern liegen.
Silver Surfer – Der kosmische Held – Anthologie
Comic
Stan Lee, George Pérez, Dan Slott, Jack Kirby u. a.
Panini Comics 2026
ISBN: 978-3-7416-4708-6
316 S., Softcover, deutsch
Preis: 35,00 EUR
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