von KaiM
In „Sensu“ faltet man solo oder mit bis zu fünf Personen Fächer und versucht, so schnell wie möglich die notwendigen Siegpunkte oder auch vollkommene Fächer zusammenzubekommen, indem man Karten vor sich ausspielt. 10 Jahre sollten die Spielenden mindestens alt sein, was durch die etwas komplizierte Ausspielmechanik durchaus nachvollziehbar ist. In etwa dreißig Minuten sollte man eine Partie geschafft haben, was ebenfalls ganz gut hinkommt, wenn man nicht gerade zu fünft spielt, denn je mehr Personen mitspielen, desto länger wird eine Partie auch dauern. Aber genug der schnöden Zahlen, lasst uns tiefer einsteigen.
Es ist alles Gold, was glänzt
Die handliche Box kommt mit 85 Spielkarten, einigen Übersichts-/Fähigkeitskarten, ein paar Token und natürlich dem Regelheft daher. Die Karten sind ungewöhnlich schmal, was aber hilft, sie auf dem Tisch gut fächerförmig auszulegen. Vor allem das Design ist auffällig, denn die geprägte Oberfläche in Kombination mit den Applikationen aus Goldfolie machen die Karten zu einem haptischen und optischen Erlebnis. Die sind wirklich gelungen. Auch die japanische Optik der Illustrationen passt mit ihrer authentischen Art gut ins Gesamtbild. Dabei sind die Karten trotz ihrer starken Präsenz aus allen Perspektiven gut lesbar, was zur Übersichtlichkeit beiträgt.
Das Regelheft ist anständig geschrieben und lässt keine Fragen offen. Das ändert allerdings nichts daran, dass es gar nicht so einfach ist, das Spiel zu erklären.
Kunsthandwerk in japanischer Tradition – mathematisch exakt
Mit den oben genannten Karten sollen nun traditionelle faltbare japanische Fächer, Sensu, hergestellt werden. Dazu müssen gleichfarbige Karten, die mit Zahlenwerten und Fächerelementen ausgestattet sind, in die eigene Auslage gespielt werden, bis man sieben farblich passende Fächerelemente zusammen hat und somit einen Fächer komplettieren kann. Da die Anzahl der Elemente je Karte unterschiedlich ist, muss man also gut planen, welche Karten man ausspielt. Hat man drei Fächer fertig, endet auch das Spiel. Um an Karten heranzukommen, kann man sich diese vom Nachziehstapel oder von den Ablagestapeln nehmen. Mehrzahl, weil alle Spielenden ihren eigenen besitzen.
Möchte man nun Karten vor sich auslegen, müssen die Werte darauf in Summe genau 15 ergeben. Ist diese kopfrechnerische Glanzleistung geglückt, legt man alle an der Summe beteiligten Karten vor sich aus und muss nun die Karte mit den meisten Fächerelementen behalten. Bis zu zwei Bonuskarten kommen noch hinzu, wenn man Karten mit gleicher Farbe oder Zahl ausgespielt hat. Dann darf man je eine Karte behalten, die aber aus den Karten mit wenigsten Fächerelementen ausgewählt werden muss. Klingt holprig? Ist es auch. Der Mechanismus ist eher unintuitiv, was mindestens in der ersten Partie immer wieder zu Fehlern führt. 
Im Kern zieht man Karten auf die Hand oder legt sie aus, bis man die erforderliche Anzahl an Fächern gebaut hat. Interaktion entsteht durch die Ablagestapel, mit denen man der Konkurrenz unter Umständen attraktive Alternativen zum blinden Nachziehen vom Stapel bietet. Eine weitere Ebene der Interaktion entsteht natürlich durch das Wettrennen, denn am Ende zählt eben auch Geschwindigkeit und während man vielleicht noch auf der Suche nach einer guten Kartenkombination ist und versucht mit möglichst wenig unnötigen Zügen an eine gute Hand zum Auslegen zu kommen, können andere vielleicht schon durch pure Geschwindigkeit die Nase vorn haben. Durch ein sehr beschränktes Handkartenlimit stellen sich also immer dieselben Fragen: Was lege ich ab, wann komme ich heraus, wie bekomme ich am geschicktesten den Wert 15 zusammen?
Fächern für Fortgeschrittene
Für diejenigen, denen das Grundspiel zu simpel erscheint, wurden dem Spiel eigene Regeln beigefügt, die den Überlegungen noch weitere Ebenen hinzufügen. Das Spiel dreht sich dann um Siegpunkte und nicht darum, die Fächer zu bauen. Gut gebaute Fächer zählen dabei mehr als schlechte, es gibt Wettrennen um Ziele, die erreicht werden können und Sonderfertigkeiten, die im Spiel erlangt werden können. Dies geschieht durch Symbole auf den Fächerkarten. Gelangen diese in die Auslage, bekommt man einen Siegpunktchip. Diesen kann man aber auch ausgeben, um eine farbspezifische Sonderfertigkeit zu triggern. Diese helfen an spezielle Karten zu kommen, die Auslage zu ergänzen oder das Spiel zu beschleunigen.
Das vervielfältigt die Strategien und es gibt mehr zu entdecken, aber im Kern bleibt es natürlich dasselbe Spiel. Der Reiz erhöht sich damit auch, denn man ist nun nicht mehr ausschließlich auf die Fächer angewiesen, um das Spiel zu gewinnen. Spätestens jetzt liegt hier aber kein reines Familienspiel mehr auf dem Tisch, sondern wir bewegen uns eindeutig in den Kennerbereich. Zudem leidet die Übersichtlichkeit ein wenig, Siegpunkte bekommt man über Bonuschips, die Zielplättchen und fertiggestellte Fächer haben je nach Qualität unterschiedliche Wertigkeiten. Und wenn man strategisch vorgehen möchte, muss man wissen, wie viele Siegpunkte die Gegner haben. Das in einer Mehrspielerpartie zu überblicken, ist bei der großen Menge an Material auf dem Tisch schwierig.
Vom Zen des Faltens
Die oben genannten Fragen bestimmen den gesamten Spielfluss, aber wirklich schwerwiegende Entscheidungen kann man eigentlich kaum treffen. Dies verdeutlicht sich, wenn man sieht, dass andere sich einen Vorsprung erarbeitet haben. In diesem Moment drängt sich die Frage auf: Was kann ich dagegen tun? Auf keinen Fall darf man ihnen Karten zugänglich machen, die ihnen einen großen Fortschritt bringen. Das schränkt den Entscheidungsspielraum noch mehr ein und man muss auf das eigene Glück hoffen, die richtigen Karten zu bekommen, während die anderen vielleicht weniger Fortune besitzen. Das ist wenig befriedigend.
Auf der anderen Seite kann es dennoch gelingen, vielleicht durch die geschickte Nutzung von Sonderfähigkeiten und Opferung eines Bonussiegpunkts, das Ruder herumzureißen. Das fühlt sich natürlich spannend und belohnend an, selbst wenn es am Ende nicht für einen Sieg reicht, aber immerhin ein spannendes Spielende kreiert hat. Da wir uns vom ersten Spielzug an in einem Wettrennen befinden, ist nicht viel innere Ausgeglichenheit zu erwarten. Zumindest, wenn man auch gewinnen will.
Fazit: „Sensu“ ist ein ausgemacht hübsches Kartenspiel, bei dem sich keine Strategien aufdrängen. Vielmehr braucht man ein paar Partien, um hineinzukommen, und die Variante für Fortgeschrittene bietet deutlich mehr als die Grundvariante. Insgesamt, wegen der harten Konkurrenz im Bereich der cleveren Kartenspiele, empfehle ich das Spiel nur eingeschränkt.
Sensu
Kartenspiel für 1 bis 5 Personen ab 10 Jahren
Enrico Vicario
Huch! 2026
EAN: 4260071885272
Sprache: Deutsch
Preis: ca. 11,99 EUR
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