Precious Metal

„Friede deinem Geist, Träumer“, heißt es in „Precious Metal“. Dieser Satz steht im krassen Gegensatz zu dem, was der Protagonist erleben muss. Ein dystopisches und hoch technisiertes, gottesfürchtiges Amerika, in dem Prozesse – ohne ein Gericht – aufs Exempel statuiert werden und die Meinungsfreiheit nicht existiert, lässt ein selbstbestimmtes, freies Leben nicht mehr zu. Dazu gibt es lauter farbenfrohe, sehr heftige Kampfszenen zu betrachten. Da kommen direkt Erinnerungen an das Comic-Werk „Little Bird“ hoch und lassen das Herz schneller schlagen …

von Daniel Pabst

Verantwortlich für diesen Comic sind Darcy van Poelgeest (Text), Ian Bertram (Zeichnungen), Matt Hollingsworth (Farben) und Ben Didier (Layout). Die deutsche Ausgabe wurde von Cross Cult in diesem Jahr in einem großformatigen Hardcoverband veröffentlicht (Frank Neubauer als Übersetzer). Wie in der Einleitung bereits angedeutet, steht dieser Comic in der Tradition von „Little Bird“. Er spielt allerdings 35 Jahre vor den Geschehnissen aus „Little Bird“. Als Leserin oder Leser folgt man diesmal Max Weaver, der – ähnlich eines „Blade Runners“ – modifizierte Individuen jagt. Als er eines Tages ein modifiziertes Kind ausfindig machen soll, gerät die Welt aber aus den Fugen. Es beginnt ein wildes Abenteuer!

Wie bereits „Little Bird“ (bei Cross Cult im Jahre 2020 in deutscher Übersetzung erschienen), ist die hier präsentierte Welt sehr farbenfroh, voll von Kampfszenen mit überbordendem Splatter, enthält Body Horror – und ist nichtsdestotrotz sehr tiefgründig. Es gibt in den Zeichnungen viel zu entdecken, was durch den großformatigen Druck umso besser zur Geltung kommt. Die Panelgestaltung trägt weiter dazu bei, dass man tief in die Welt eintauchen kann. Allerdings benötigt es ausreichend Zeit und auch Kraft, um sich auf diesen Comic einzulassen. Die Handlung springt gerne von einer Szenerie zur nächsten, klärt die Motivation der Handelnden nicht immer direkt auf und der Protagonist ist kein wirklicher Sympathieträger. Bis man hinter das Konzept des Ganzen kommt, dauert es rund 150 Seiten. Spätestens dann aber ist man von der Welt fasziniert.

Wer bereits mit „Little Bird“ seine Freude hatte, der weiß, wovon ich rede. Auch dort konnte die Ausdrucksstärke und Detailversessenheit überzeugen – vorausgesetzt man fürchtet sich nicht vor reichlich Splatter. Ebenfalls bedarf es eines gewissen Interesses an der amerikanischen Kultur- und Politikgeschichte, da auch „Precious Metal“ wieder in einem „New America“ spielt, welches zum Glück noch immer nicht Realität geworden ist. Die Gedanken von Max Weaver machen nachdenklich, da er eigentlich nur seine Ruhe haben möchte und „frei von allem“ sein will, doch durch seine Arbeit immer wieder damit konfrontiert wird, dass es keine Ruhe in dieser Welt geben wird. Die modifizierten Menschen werden immer mehr und die christlich geführte Regierung wird zunehmend unberechenbarer. Als der Jäger Weaver dann beginnt, seine eigenen Erinnerungen zu hinterfragen, sieht er sich mit schier endlosen Fragen konfrontiert – und fürchtet deren Antworten. 

Besonders in Erinnerung bleibt eine Szene, in der ein Polizeitrupp eine Bar kontrolliert und der Anführer verkündet, dass alle, die vom christlichen Ebenbild abweichen, kein Unternehmen eröffnen und betreiben dürfen. Sodann wird der Barkeeper nach draußen gezerrt, während dieser verzweifelt ruft: „Ich habe Rechte!“, was jedoch ignoriert wird. Vor der Tür seiner eigenen Bar wird er dann in einem „kurzen Prozess“ für schuldig erklärt, ohne dass er hierzu Stellung nehmen kann. Als nächstes gibt es eine Doppelseite zu betrachten, auf der der anders aussehende Barkeeper mit einem Langschwert in zwei Hälften geteilt wird und die Lesenden zu Gesicht bekommen, wie der Anführer dieses Trupps befiehlt: „Brennt diesen Ort nieder bis in den Abgrund, der ihn ausgespien hat!“ Danach brauchst du eine Lesepause. 

Gepaart mit dem sich selbst hinterfragenden Protagonisten, bekommt dieser Comic eine philosophische Tiefe, die nicht gekünstelt erscheint, sondern bereits von Beginn des Werks als roter Faden zu erkennen ist. Hinzu kommt die Eröffnung eines Traumas von Max Weaver, das an seine vormalige Beziehung zu seiner Frau und einer gemeinsamen Tochter anknüpft. Lebt sein Kind noch? Wird er es jemals wiederfinden? Will dieses ihn überhaupt wiedersehen? Verschiedene Weggefährtinnen und Weggefährten unterstützen ihn, wobei er sich nicht immer sicher sein kann, ob sie es ernst meinen oder eigene Beweggründe haben. Aufgrund der hohen Technisierung schwirrt zudem die übergreifende Frage im Raum, ob das Erlebte real ist oder ob nicht manches in einer Art Traumwelt geschieht? Ohne den Vorgänger gelesen zu haben, werdet ihr euch wahrscheinlich verloren fühlen, sodass sich dieser Comic an alle richtet, die „Little Bird“ faszinierend fanden. 

Interessanterweise hat Darcy van Poelgeest zunächst keinen Band 2 von „Little Bird“ veröffentlicht, sondern sich stattdessen für das Werk „Precious Metal“ entschieden. Warum? Die Antwort lieferte er selbst in einem Interview, welches es online zu hören gibt (https://www.youtube.com/watch?v=8we812ed1KY). Darin legt er dar, dass er etwas Neues kreieren und sich selbst habe herausfordern wollen. Um sich selbst einen Blick zu machen, wie ihm das gelungen ist, schaut man am besten mal in die Leseprobe des Verlags Cross Cult. Eine Fortsetzung von „Little Bird“ sei ausweislich des Interviews weiterhin geplant. Ein genaues Datum dafür nennt er nicht. Stattdessen bedankt er sich bei allen Lesenden und bittet alle, sie mögen auf sich aufpassen in diesen herausfordernden Zeiten, meditieren, Zeit an der frischen Luft verbringen, anstatt online so viel Zeit zu vergeuden, den eigenen Kopf befreien – und lesen! 

Leseprobe

Fazit: Diesen Comic mit einem Kino-Meilenstein wie „2001: Odysee im Weltall“ von Stanley Kubrick vergleichen zu wollen, verbietet sich schon aus dem Grund, dass es sich ja um einen Comic und keinen Film handelt. Was sich jedoch beim Lesen von „Precious Metal“ ähnlich ergibt, ist das Gefühl, Teil eines sehr bedeutenden Comics zu werden, der Themen auf eine ganz eigene – nicht immer auf den ersten Blick erkennbare – Art transportiert. Wer sich herausfordern möchte, der erhält hier einen Science-Fiction-Comic, der auch sechs Jahre nach dem Erscheinen von „Little Bird“ die alarmierende Nachricht transportiert, dass eine Dystopie, in der die Rechte des Einzelnen nicht zählen, niemals Einzug in die Realität halten darf.

Precious Metal
Comic
Darcy van Poelgeest, Ian Bertram, Matt Hollingsworth
Cross Cult 2026
ISBN: 978-3-98666-783-2
320 S., Hardcover, Deutsch
Preis: 35,00 EUR

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