Interview mit T. S. Orgel über den Roman „Deadly Ever After – Blut und Schnee“

T. S. Orgel ist das Pseudonym der Brüder Tom und Stephan Orgel. Ihr erster Roman „Orks vs. Zwerge“ erschien 2012 und erreichte die Longlist der Kategorie „Bestes Debüt“ beim Phantastik-Literaturpreis SERAPH und wurde 2013 als bestes deutschsprachiges Debüt mit dem Deutschen Phantastik Preis ausgezeichnet. Seitdem haben die zwei über ein Dutzend weitere Fantasy- und SF-Romane veröffentlicht, unter anderem „Die Blausteinkriege“ und ihr neuestes Werk „Deadly Ever After – Blut und Schnee“, das seit dem 11. Februar 2026 im Handel erhältlich ist. Anlässlich dieses Romans haben wir uns mit den beiden Autoren unterhalten.

von Alice

Ringbote: Hallo Tom, hallo Stephan, erzählt mal, wer ihr so seid.

Stephan: Ganz kurz und knapp: Wir sind Brüder, und wir schreiben seit etwas mehr als 15 Jahren zusammen Fantasy-Romane, mit gelegentlichen Ausflügen in andere Genres wie Science-Fiction oder Thriller.

Ringbote: Wie kam euch die Idee zu „Deadly Ever After“?

Tom: Als wir uns auf die Suche nach neuem Fantasy-Schreibstoff gemacht haben (oder genauer: als wir wieder einmal die Ideenschublade mit den Dutzenden von Sachen gesichtet haben, die wir gern noch schreiben möchten), hatten wir die Märchen- und Sagenstoffe, die wir für „Die Schattensammlerin“ gebraucht hatten, noch im Kopf. Und daraus entstanden die drei „Was, wenn …“-Grundgedanken: Was, wenn wir eine Welt hätten, in der alle Märchen Wirklichkeit wären? Alle gleichzeitig. Was, wenn man nach dem „glücklich bis an ihr Lebensende“-Abspann in Märchen eigentlich weiter denkt? Und: Was, wenn „Gut“ und „Böse“ – wie im realen Leben – ein weites Spektrum wären? Ist Schneewittchen aus anderen Blickwinkeln vielleicht nicht so gut? Ist die böse Stiefmutter aus ihrem eigenen Blickwinkel vielleicht nicht so böse? Und all das in einen Topf geworfen und darin eine Fantasy-Geschichte gekocht – das ergibt eben „Deadly Ever After“.

Ringbote: Gibt es ein Märchen, das euch besonders geprägt oder begeistert hat?

Stephan: Kein klassisches Märchen, aber der Roman „Das Blaue vom Himmel“ von Hannes Hüttner hat in meiner Kindheit meine erste Begeisterung für märchenhafte Geschichten geweckt – neben dem russischen Zeichentrickfilm „Das bucklige Pferdchen“, der etliche klassische Märchenelemente verarbeitet hat (ich glaube, man merkt, dass wir in Ostdeutschland geboren sind).

Tom: Ich hatte als Kind (so mit 6 oder 7) ein paar Märchen, die ich besonders beeindruckend gruselig fand (aber unser wichtigstes Familienmärchenbuch war auch von vor 1930 und noch nicht „disneyfiziert“). Den Rattenkönig Birlibi zum Beispiel, oder den Soldaten mit dem Feuerzeug. Die haben nicht umsonst auch auf diesen Roman abgefärbt. Darüber hinaus sind es vor allem die schlesischen, sorbischen und slawischen Sagen der Gegend, in der wir geboren sind.

Ringbote: Wenn ihr euch für einen Tag in einen eurer Charaktere verwandeln könntet, welcher wäre es?

Tom: In dieser Geschichte? Vermutlich Meister Tadeusz. Der Kartenmacher ist den ganzen Tag in seiner Werkstatt von wundervollen Karten umgeben und hat definitiv die größten Chancen, nicht an jedem x-beliebigen Tag von irgendwem umgebracht zu werden. Da muss man realistisch sein.

Stephan: Stimmt, das klingt wunderbar ungefährlich. Man könnte natürlich auch „Hans“ sagen, aber dessen Glück ist ja eher so Interpretationssache.

Ringbote: Was ist eure Lieblingsstelle im Buch?

Stephan: Ach, da gibt es so viele … Nein, im Ernst, diese Frage ist schwer zu beantworten. Wir hatten beide so eine Menge Spaß am Schreiben, dass uns das gesamte Buch ans Herz gewachsen ist – oder na ja, ich muss zugeben, dass mir die Szene in der ein oder zwei Charaktere eine, sagen wir mal etwas rauschhafte, Bootsfahrt unternommen haben, einfach so aus der Feder geflossen ist, das war schon ein echter Glücksmoment. Meistens ist es schon wesentlich mühsamer, etwas Anständiges zustandezubringen.

Tom: Das auf eine Szene zu beschränken, ist tatsächlich etwas schwierig. Es sind Szenen mit Ran, die mir besonders viel Spaß gemacht haben – seine Texte und Dialoge haben sich fast wie von selbst geschrieben. Und sind tatsächlich wohl auch objektiv betrachtet recht gelungen, wenn man von den Rückmeldungen ausgehen kann.

Ringbote: Wie lange habt ihr an dem Roman gearbeitet? Gab es Hürden?

Tom: Für unsere Verhältnisse haben wir sogar ziemlich lange an diesem Roman gearbeitet – etwa ein Jahr. Zum Vergleich: Es gab Romane, die wir in 4 Monaten fertig hatten. In diesem Fall war wohl die Haupthürde, dass wir mehr untereinander koordinieren mussten, da wir beide ja auf einen ähnlichen Märchengrundschatz zurückgegriffen haben und dabei Dopplungen oder nicht zusammenpassende Überschneidungen der Motive und Figuren vermeiden mussten. Denn tatsächlich ging es ja auch darum, es dem Publikum zu ermöglichen, Figuren und Motive, wiederzuerkennen. Das ist bei einer komplett selbst entwickelten Fantasy etwas freier. Wobei wir am Ende doch recht wenig wirklich gestrichen haben – nur ein paar der Figuren zu einer verschmolzen. Warum ein halbes Dutzend verschiedener „Hans“ zu haben, wenn man sie auch kombinieren kann? 

Ringbote: Was wäre die größte Überraschung, wenn man einen Blick in eure frühen Entwürfe werfen könnte?

Stephan: Vermutlich, dass der Jäger ursprünglich mal aus zwei verschiedenen Personen bestand – bis wir festgestellt hatten, dass die beiden sich viel zu ähnlich sind und eine Person eigentlich völlig ausreicht, um die gesamte Rolle komplett auszufüllen. Das sind dann auch so Momente, in denen man sein Ego zurücknehmen muss, um ein paar überflüssige Textstellen zu streichen. Egal wie schön sie auch geschrieben waren.

Ringbote: Wie seid Ihr zum Schreiben gekommen? Arbeitet ihr schon immer gemeinsam?

Tom: Ich selbst schreibe eigentlich schon seit 17 immer wieder, doch es hat (abgesehen von einigen Kurzgeschichten) bis etwa 2008 gedauert, bis wir neben unseren Ausbildungen und Brotjobs ernsthaft ans Schreiben gedacht haben und eine Geschichte zu einem Schreibwettbewerb von Heyne eingereicht haben (die nicht einmal dann einen Blumentopf gewonnen hätte, wenn es welche zu gewinnen gegeben hätte …). Da war ich 35.

Das führte aber dazu, dass wir zusammen mit Kollege Carsten Steenbergen 2009 zu dritt über gut 8 Monate eine Web-Novel geschrieben haben (die 2014 dann als Roman „Steamtown – Die Fabrik“ erschien. Lange und reichlich wirre Geschichte …) Jedenfalls: Nachdem Stephan und ich uns 2010 erfolgreich mit einem weiteren Manuskript bei einer Agentur beworben haben – und das dann von Heyne gekauft wurde – entstand 2011/12 „Orks vs. Zwerge“. Der ja vor allem deshalb funktionierte, WEIL wir ihn zusammen, aber aus zwei Blickwinkeln geschrieben haben. Und weil das erstaunlich gut funktioniert hat – sind wir seitdem dabei geblieben, als Team zu schreiben.

Ringbote: Wie geht ihr bei eurer Zusammenarbeit vor? Wie teilt ihr euch die Arbeit auf?

Stephan: Meistens denken wir uns die Geschichten gemeinsam aus – zum Beispiel auf längeren Fahrten zu irgendwelchen Veranstaltungen. Besonders oft auf dem Weg zur Leipziger Buchmesse. Da wir dieses Jahr wieder dort hinfahren, könnt ihr also demnächst mit ein paar neuen Ideen rechnen …
Wenn dann der Startpunkt und das Ziel der Romanreise feststehen, übernimmt jeder von uns einen bis zwei Handlungsstränge, in denen er relativ viele Freiheiten zum Schreiben hat. An wichtigen Knotenpunkten stimmen wir uns dann ab und tauschen hin und wieder auch die Texte aus, um über irgendwelche Problemstellen des jeweils anderen hinwegzubügeln. Im Grunde schreibt also jeder von uns ein halbes Buch und am Ende werfen wir es zusammen.

Ringbote: Gibt es auch Momente, in denen ihr euch uneinig seid?

Tom: Das kommt schon mal vor, wenn auch deutlich seltener, als selbst von uns erwartet. In der Regel ist eine Uneinigkeit ja eher durch ein Missverständnis bei der Auslegung eines Blickwinkels entstanden – und das lässt sich durch ein kurzes Gespräch bereinigen – und oft genug durch eine noch bessere Idee ersetzen (okay, zumindest durch eine andere, die uns in diesem Moment besser vorkam). Bei unserer Art des Zusammen-Schreibens ist es nicht ganz unwichtig, dass man sich zurücknehmen und die Ideen des anderen akzeptieren kann. Wenn sie nun mal besser sind.

Ringbote: Was darf bei eurem kreativen Schreibprozess auf keinen Fall fehlen?

Stephan: So abgedroschen es klingt, aber mir fällt an erster Stelle sofort Kaffee ein.

Tom: Definitiv Kaffee. Und in meinem Fall außerdem Musik. Ich brauche bei den meisten Sessions Musik auf den Kopfhörern. Zum einen, um Störgeräusche abzuschirmen, zum anderen aber auch, um die bestimmte Stimmung der Szene über mehrere Sessions schreiben und editieren aufrecht zu erhalten.

Stephan: Musik geht bei mir wiederum gar nicht beim Schreiben. Ich brauch da absolute Ruhe.

Ringbote: Gibt es schon Ideen für euer nächstes Projekt? Arbeitet ihr bereits daran?

Tom: Mehrere. Ein gutes Dutzend bestimmt. Und ja, wir arbeiten an der einen oder anderen Sache. Im Moment feilen wir tatsächlich erst einmal an einem weiteren Exposé, aber wir arbeiten auch an Ideen für Fortsetzungen von bereits veröffentlichtem Material. Alles weitere wäre ein Spoiler, aber soviel können wir sagen: Wir werden (neben der einen oder anderen Kurzgeschichte) auf jeden Fall wieder Fantasy schreiben.

Ringbote: Vielen Dank für das Gespräch. Und viel Glück mit euren weiteren Projekten!