Cyborgs 2 Steel

Die Geschichte um den Kybernetiker Russel und seine Familie aus jungen, körperlich schwer versehrten Frauen, die er in kampfstarke Cyborgs umwandelt, geht weiter. Nach seiner Tochter Sly und der flüchtigen Ronin gesellt sich nun unfreiwillig Sam dazu, die Tochter einer lokalen Politikerin. Sie bringt ihre ganz besonderen Dämonen mit sich, denn nach einem Bombenanschlag sucht sie zum einen nicht nur nach den Drahtziehern, sondern ist zudem fast mehr Maschine als Mensch …

von Kurt Wagner

Die Geschichte, die unverändert von J. L. Istin ersonnen, aber mit einem anderen Zeichenteam umgesetzt wurde, beginnt noch vor „Cyborgs 1 Ronin“. Unverändert befinden wir uns in der postnuklearen Megacity namens Europa, wo Wahlen anstehen. Die Politikerin Heather Macstone ist ihrem Herausforderer Markus C. Tudor haushoch überlegen. Doch machtversessen, wie er ist, lässt sich Tudor den Sieg natürlich nicht nehmen. Ein ziemlich dreister Bombenanschlag auf Macstones Wagen tötet die Politikerin und ihren engsten Kreis. Allein Tochter Sam überlebt, allerdings schwer verletzt, kaum mehr als ein Oberkörper mit Kopf (beides immerhin noch erstaunlich intakt und hübsch, aber bei Istin scheinen alle Figuren cool und/oder gutaussehend zu sein, insofern ist das wohl okay).

Nun überspringt der Comic die Handlung von „Cyborgs 1“, denn als Sam – wie beschrieben kaum mehr als der Rest eines Menschen – nach sechs Monaten im Koma wieder aufwacht, findet sie sich nicht nur unvermittelt in der Obhut des unangepassten Widerständlers und genialen Kybernetikers Russel wider, sondern sie wird dort auch bald von dessen Tochter Sly sowie der Kämpferin Ronin begrüßt. Sehr zur Freude der Leser übrigens, denn ich für meinen Teil hatte am Ende von Band 1 schon die Sorge, in Band 2 gäbe es eine weitere, isoliert stehende Origin Story für die nächste „Cyborg-Superheldin“ und Yukos alias Ronins Geschichte hätte sich einstweilen erledigt.

Eine Origin Story ist „Steel“ natürlich. Wir erleben, wie Sam verkrüppelt wird, wie Russel sie wieder zusammenflickt und wie sie sich Schritt für Schritt nicht nur ins Leben zurückkämpft, sondern sich an der Seite der zwei anderen von „Russel’s Angels“ (um hier mal eine andere Geschichte mit einem männlichen Mastermind hinter einer Truppe kampfstarker Frauen zu zitieren) auch zu einer formidablen Cyborg-Fighterin entwickelt. Man könnte nun einwenden, dass wir so etwas doch gerade erst in „Ronin“ gelesen haben, aber das stimmt nicht. Zum einen sind die Voraussetzungen ganz andere – Yuko war schon eine Kämpferin und Überlebenskünstlerin, als sie zu Russel kam, Sam war eine im Luxus lebende Oberschichttochter –, zum anderen war Yukos Weg zu Russel eine komplizierte Fluchtgeschichte und der Feind jederzeit bekannt. Sam dagegen muss erst noch dahinterkommen, was es mit dem Anschlag auf sich hat und wie sich die Welt im letzten halben Jahr verändert hat, nicht nur für die Stadt, sondern auch für sie persönlich. Dabei kommt sie auf die Spur einer mysteriösen Datei, für die noch immer Leute bereit sind, über Leichen zu gehen.

Auch der zweite Band der „Cyborgs“-Reihe weiß wieder spannend zu unterhalten. Die gut 70 Seiten Handlung vergehen wie im Flug. Dabei gelingt es dem Großformat erneut, erfreulich viel Inhalt auf den Seiten unterzubringen, sodass man nicht das Gefühl hat, gehetzt zu werden, auch wenn Sam alias Steel als Erzählerin gelegentlich Zeiträume rafft, um die Geschichte ihrer Entwicklung zu beschleunigen. Einzig das Ende kam mir diesmal recht abrupt vor und sehr offen. Es wird interessant, zu sehen, wie J. L. Istin den Handlungsstrang im dritten Band aufnimmt.

Für die Illustrationen zeichneten diesmal Valentina Pinti und J. Nanjan verantwortlich, nach einem Storyboard von Kyko Duarte. Auch sie sorgen mit klarem, ästhetischem Strich sowie dezent-realistischer Koloration für eine sehr ansprechende Optik des Comics. Bis auf ein paar wenige Panels sind alle Protagonisten handwerklich sauber und schön umgesetzt, wenngleich – ich schrieb es ja oben schon – in Sams Fall vielleicht etwas zu schön für ein Opfer eines Bombenanschlags, das weite Teile seines Körpers verloren hat. Dass ihr Gesicht nicht einmal eine Narbe ziert, ist schwer vorstellbar, wobei Russel das mit moderner Medizin erklärt, die zwar keine Körperteile wachsen lassen kann, aber zumindest Gewebe perfekt heilt. 

Vermisst habe ich ein wenig die gigantische Architektur der Megacity, die in Band 1 noch immer wieder für aufregende Bilder sorgte. Hier bewegt sich fast die ganze Handlung in Innenräumen oder zumindest in engen Gassen und Straßen. Aber das sind nur kleine Abzüge in der B-Note. Der Gesamteindruck wird dadurch nicht geschmälert.

Fazit: Mit „Steel“ setzt Autor J. L. Istin seine „Cyborgs“-Reihe fort. Auch wenn es sich erneut um eine Origin Story handelt, diesmal die der verwöhnten Politikertochter Sam, die sich nach einem Bombenanschlag zurück ins Leben kämpfen muss und an die Fersen der Attentäter heftet, gelingt es Istin doch erfreulicherweise, auch sein bisheriges Ensemble gut einzubinden und den allgemeinen Kampf gegen das Verbrechen in den Straße der Megacity Europa weiterzuspinnen. Die gefälligen Bilder von Valentina Pinti und J. Nanjan tragen auf ihre Weise dazu bei, dass dieser Comic ein runder Lesegenuss ist – ganz ohne Superhelden-Cape oder Jedi-Lichtschwert.

Cyborgs 2 Steel
Comic
J. L. Istin, Kyko Duarte, Valentina Pinti, J. Nanjan
Splitter Verlag 2026
ISBN: 978-3-68950-130-3
80 S., Hardcover, deutsch
Preis: 19,80 EUR

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