von LarsB
Das Grundprinzip: Vertraut, aber modifiziert
Auf den ersten Blick wirkt „Compile“ bekannt: Es liegen drei Zonen (Protokolle) aus, an die beide Spieler Karten anlegen, um dort eine numerische Überlegenheit zu erzielen. Wer zuerst drei dieser Protokolle „kompiliert“ (also gewinnt), entscheidet das Match für sich.
Doch schon hier endet die Gemeinsamkeit mit dem Standard-Genre. Während man bei „Schotten Totten“ Poker-Kombinationen bildet oder bei „Air, Land & Sea“ feste Kartenpools nutzt, setzt „Compile“ auf einen modularen Deckbau-Ansatz, der das Spielgefühl drastisch verändert.
Drei Besonderheiten: Was macht „Compile“ anders?
1. Das „Mix & Match“-Deckbausystem
Anstatt dass beide Spieler aus einem identischen großen Stapel ziehen oder vorgefertigte Völker spielen, beginnt jede Partie mit einem Draft. Es gibt 12 verschiedene Protokolle (zum Beispiel Leben, Wasser oder Metall), die jeweils eigene spiel-mechanische Schwerpunkte haben. Die Kerneigenschaften jedes Protokolls sind kurz auf dem Deckblatt vermerkt. Im sogenannten Snakedraft wählt jeder Spieler drei davon aus und mischt deren zugehörige Karten (je 6 Stück) zu seinem persönlichen 18-Karten-Deck zusammen.
Das erinnert stark an das Spielgefühl von „Smash Up“, aber in einer viel taktischeren, weniger chaotischen Form. Das Ergebnis ist eine asymmetrische Ausgangslage, die sich jedes Mal anders anfühlt. Spielt man ein Deck, das auf aggressive Zerstörung setzt (Feuer), oder eines, das Karten manipuliert und verschiebt (Wasser)? Dieser Grad an Variabilität in einer so kleinen Schachtel ist bemerkenswert und hebt es von den statischeren Konkurrenten ab. Und alles bleibt handhabbar. Sechs Karten pro Protokoll sind tatsächlich einigermaßen schnell gelernt. Doch „Compile“ gewinnt mit mehr Partien – am besten im gleichen Spielerkreis.
2. Die „Sudden Death“-Mechanik (Das Kompilieren) und die Kontrolle
In den meisten Lane-Battlern gewinnt man eine Reihe, markiert sie als „gewonnen“ und die Karten bleiben oft liegen oder werden irrelevant. Bei „Compile“ ist das dynamischer: Sobald ein Spieler in einer Reihe einen Wert von 10 oder mehr erreicht (und den Gegner übertrifft), wird das Protokoll kompiliert.
Achtung! Alles in dieser Reihe wird gelöscht. Alle Karten – die eigenen und die des Gegners – wandern auf den Ablagestapel. Die Reihe ist nun für den Gewinner „erledigt“, aber der Verlierer hat nun plötzlich eine leere Bahn vor sich. Das führt zu einem völlig anderen Rhythmus. Man baut nicht nur Festungen auf, sondern sollte gutes Timing haben. Kompiliert man zu früh, hat man vielleicht seine besten Karten „verbrannt“, die man später noch gebraucht hätte, um durch Karteneffekte andere Reihen zu beeinflussen. Die erledigte Reihe ist allerdings nicht „tot“. Im Fortgeschrittenenmodus braucht man in zwei Reihen Punktemehrheiten, um „die Kontrolle“ zu erhalten. Diese erlaubt einem das Verschieben von Protokollen beim Kartennachziehen oder vor der Wertung einer vollen Reihe. Das ist noch mächtiger, als es sich anhört. So ringt man neben der Mehrheit in einzelnen Bahnen auch um die Kontrolle.
3. Die drei Effekt-Ebenen
Die Karten werden in einer Linie so versetzt ausgespielt, dass nur noch der obere Effekt sichtbar bleibt. Dieser Effekt ist folglich (vorerst) ein Dauereffekt. Der mittlere Effekt ist ein Einmaleffekt, der beim Ausspielen der Karte abgehandelt wird. Ist dieser Effekt abgedeckt und wird dann wieder freigelegt (etwa durch Verschieben oder Abschmeißen der abdeckenden Karte), wird dieser Effekt erneut ausgelöst. Zack, plötzlich ist da eine neue Spieldimension. Es mag manchmal klug sein, die Karte des Gegenübers nicht wegzubewegen, um den mittleren Karteneffekt der Gegnerkarte nicht auszulösen. Der dritte Effekt ganz unten ist wiederum aktiv, wenn er sichtbar ist – sozusagen ein Dauereffekt mit kurzem Mindesthaltbarkeitsdatum. Damit ist das geschickte Kartenausspielen und das Manipulieren der Karten nicht nur im eigenen Spielbereich wichtig.
Nur das Gleiche in neuem Gewand?
Ein klares Nein. Natürlich erfindet „Compile“ das Rad nicht komplett neu. Die DNA von „Battle Line“ (Kampf um Mehrheiten in Spalten) und „Magic: The Gathering“ (Deckbau, Kartentexte und Synergien) ist spürbar. Aber die Kombination dieser Elemente fühlt sich frisch an.
Viele vergleichbare Spiele leiden unter einem von zwei Problemen: Entweder sind sie zu simpel und glückslastig, oder sie sind so komplex (wie große LCGs und TCGs), dass man Stunden in den Deckbau investieren muss. „Compile“ besetzt genau die Nische dazwischen.
Es ist kein „Reskin“. Wer „Riftforce“ mag, wird hier eine ähnliche Tiefe finden, aber mit weniger direktem Schaden und mehr Fokus auf Engine-Building und Timing. Wer „Mindbug“ mag, findet hier weniger „Take that“-Chaos und mehr strategische Planung. Das Cyber-Thema ist zudem nicht nur Fassade; die abstrakten Mechaniken (Löschen, Verschieben, Kompilieren) passen hervorragend zur Vorstellung von sich duellierenden KI-Algorithmen.
Warum sollte man „Compile“ spielen?
Es gibt drei Hauptargumente, die für dieses Spiel sprechen:
Enorme Varianz in kleiner Box: Mit 12 Protokollen gibt es Hunderte von Deck-Kombinationen. Du kannst Unmengen Partien spielen, ohne dass sich das Matchup wiederholt. Das Spiel wächst mit der Erfahrung der Spieler. Wenn beide wissen, welche Karten im „Schatten“-Protokoll stecken, wird das Spiel zu einem hochspannenden Bluff-Duell.
Das TCG-Gefühl ohne die Kosten beziehungsweise den Zeiteinsatz: Viele Spieler lieben das Gefühl von „Magic“ oder „Hearthstone“ – Synergien finden, Kombos auslösen („Wenn ich diese Karte spiele, aktiviere ich jene, was mir erlaubt, diese zu ziehen …“). „Compile“ destilliert genau dieses Gefühl in ein 20-Minuten-Spiel für unter 20 Euro. Man fühlt sich klug, wenn eine Kombo zündet, ohne dass man teure Booster kaufen muss.
Ästhetik und Haptik: Es mag oberflächlich klingen, aber das Grafikdesign ist mutig. Statt generischer Fantasy-Artworks setzt Pegasus wie auch schon der erstpublizierende Verlag Greater Than Games auf klare, fast sterile Vektorgrafiken und Folienveredelungen, die den digitalen Vibe perfekt einfangen. Es sieht auf dem Tisch einfach anders aus als alles andere. Puristisch, aber sehr schick.
Fazit: „Compile“ ist mehr als nur ein schicker Lückenfüller im Regal. Es ist ein taktischer Wolf im Schafspelz. Was als einfaches „Lege Karten an Spalten“-Spiel beginnt, entpuppt sich schnell als knallhartes Duell um Timing und Ressourcenmanagement. Als Duell-Spiel beziehungsweise Lane Battler ist „Compile“ (wenig überraschend) nichts für vollkommen konfliktscheue Spieler. Wer Spiele mit viel Interaktion durch direkten Angriff sucht (wie Lebenspunkte wegschießen), könnte das etwas abstraktere „Löschen“ von Reihen als zu trocken empfinden. Aber für Fans von Grübelei, die gerne Synergien entdecken und dem Gegner mit einem cleveren Zug die komplette Planung zunichtemachen wollen, ist „Compile“ eine uneingeschränkte Empfehlung. Es ist eines dieser seltenen Spiele, bei denen man direkt nach dem Ende sagt: „Noch eine Runde? Ich will mal das Wasser-Deck mit dem Feuer-Deck kombinieren.“ Insofern gilt, dass ich nachvollziehen kann, dass „Compile“ bei der ein oder anderen Jury gut angekommen ist.
Compile
Kartenspiel für 2 Spieler ab 10 Jahren
Michael Yang
Pegasus Spiele 2025
EAN: 4250231742132
Sprache: Deutsch
Preis: 19,99 EUR
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