von Daniel Pabst
Wer die bisherigen Rezensionen zu „Berserk“ des Mangaka Kentaro Miura hier aufmerksam gelesen hat, der wird schnell bemerkt haben, dass diese Neuauflage dem Rezensent zu gefallen weiß. Bereits die opulente Aufmachung des Mangas in dem schwarzen, minimalistischen Ledereinband ist ein Erlebnis und eine Bereicherung für jedes Bücherregal. Die Kunst, die einem entgegentritt, sucht in diesem Genre seinesgleichen. Jede Menge Details und eine wunderbare Schärfe der Zeichnungen wohin man schaut. Dazu eine ordentliche Portion an Action, gepaart mit philosophischen Untertönen, einer traurigen – nachdenklich machenden – Grundstimmung und mit ausreichend Platz für eine – irgendwie sehr hoffnungslose – Liebesgeschichte. Wer es bis hier geschafft hat, der mag auch diesen schweren Band nicht wieder aus der Hand legen. Bedenkt man, dass dieser Manga bereits vor über 35 Jahren erschaffen wurde, so muss man konstatieren: „Berserk“ hat in der Welt der Mangas nichts an seiner Bedeutung verloren. Er hat zahlreiche Fans, und spätestens mit dieser Neuauflage zahlreiche neue Fans hinzugewonnen.
Das alles kommt nicht von ungefähr. Der Aufbau der Geschichte und die Hauptfigur sind wohl überlegt worden. Der nicht sterben wollende Ritter Guts mit seinem unfassbar großen Schwert bietet eine Projektionsfläche für unterschiedlichste Themen. In dem Band „Berserk Master Edition 6“, der die Bände 16 bis 18 versammelt, spielt die Rolle der Kirche und des Glaubens eine übergeordnete Rolle. Die Welt scheint vor die Hunde zu gehen. Aus dem Mund einer Prostituierten heißt das in diesem Manga daher dann so: „Die Leute sind schamlos. Wer etwas mehr als sie selbst besitzt, den beneiden sie, wer etwas weniger besitzt, den verachten sie. Sie hassen oder fürchten sich wegen kleiner Unterschiede. Es ist traurig.“ In all dem Trauerspiel versucht die Kirche eine Ordnung zu schaffen. Es finden Standgerichte statt, die Bevölkerung hungert und fürchtet die todbringende Bestrafung. Diesen Rahmen beleuchtet Kentaro Miura mit seinen Zeichnungen ungeschönt und scheut auch nicht davor, das Leid und all das Verbrechen zu zeigen.
Selten waren die Zeichnungen in der „Berserk“-Reihe so brutal, unzensiert und körperbetont, wie es in diesem Band geschehen ist. Das ist so gar keine leichte Kost! Und dennoch vermag „Berserk“ gerade dadurch zu überzeugen, weil er anders als andere Mangas oder Comics diese Szenen nicht ihrer selbst auskostet oder allein für die Lesenden explizit immer weiter und weiter treibt. Nein – die Details und die Unverblümtheit verfolgen den einfachen wie genialen Grund, die Geschichte so nahbar und schockierend zu zeigen, um bei den Lesenden etwas zu bewirken und sie immer tiefer in diese so seltsam erscheinende Welt eintauchen zu lassen, die glücklicherweise ganz weit entfernt von der unseren ist, oder nicht?
Guts befindet sich weiterhin auf der Selbstsuche. Als er nach einem schwierigen Kampf auf alte Bekannte trifft, die ihm dabei helfen, wieder zu Kräften zu kommen sowie seinem Schwert neuen Glanz zu verleihen, steigen alte Erinnerungen an Casca – seine große, unerfüllte Liebe – bei ihm hoch. Zitternd und in sich gekehrt, möchte er ihre Spur wieder aufnehmen und ihr helfen, wieder gesund zu werden. Ihr Verstand hat sich zunehmend verschlechtert. Nur gibt es da ein großes Problem: Er weiß nicht, was Casca über ihn denkt. Wo ist sie überhaupt? Wie kann er versuchen, etwas wieder gutzumachen, was kaputt gegangen ist? Oder lag es gar nicht an ihm, sondern hat sie sich nicht an ihn binden wollen? Warum sollte es diesmal gelingen? Um nicht in eine kitschige Liebesgeschichte abzudriften, verwickelt der Mangaka den Protagonisten in immer wieder neu-aufkeimende Kämpfe mit den komischsten Gestalten. Hier kann man froh sein, dass auch dieser Manga in Schwarz-Weiß gehalten ist, da einen ansonsten, angesichts des vielen Blutes, lauter dunkelrot-gefärbte Manga-Panels angeblickt hätten …
Selbstverständlich wird Guts auch in „Berserk Master Edition 6“ von der kleinen Elfe namens Puck begleitet. Das sorgt immer wieder für komische und auch lustige Momente. Am Ende kann sich Guts glücklich schätzen, einen so magischen Begleiter an seiner Seite zu haben. Auch nach mehr als 4.200 Seiten der bisher erschienen sechs Bände aus der deutschen „Master Edition“ gelingt es, die Leserinnen und Leser bei der Stange zu halten. Verrückt, wenn man bedenkt, dass „Berserk“ auch nach diesem Band noch lange nicht abgeschlossen sein wird. Falls der Panini Verlag es tatsächlich bis zum Ende durchhält, diese Reihe auf dem deutschen Markt zu veröffentlichen, so wären wir noch nicht einmal in der Hälfte der insgesamt angekündigten 14 Bände! Das Ende von „Berserk Master Edition 6“ lockt passenderweise mit einem baldigen Wiedersehen der zwei Liebenden. Da möchte man eigentlich direkt weiter lesen, oder?
Fazit: Dieser „Berserk“-Band hat die Erwartungen übererfüllt. Was hier geboten wird, ist phantastisch und an der ein oder anderen Stelle, insbesondere aufgrund der vielen Nacktszenen, sicher nicht unkontrovers. Die Geschichte ist voller von Hand gezeichneter Kampfszenen und fügt dem bisher gewonnenen Bild des gebrochenen Helden ein weiteres Mosaikteilchen hinzu. „Vor allem … vor allem … diese Angst“, säuselt es wiederholt durch „Berserk Master Edition 6“, was bei den Lesenden eine Gänsehaut hervorruft. Wer bereit ist, sich auf einen Nervenkitzel der besonderen Art einzulassen und einen schockierenden Blick darauf erhaschen möchte, wie eine Welt aussehen würde, in der ein blinder Gehorsam allgegenwärtig herrscht und Waffen die Lösung eines jeden Konflikt sind, dem sei dieser Manga ans Herzen gelegt. „Berserk“ ist einfach ein erschreckend großartiger, actionreicher, vielschichtiger und mitunter auch tiefsinniger Manga!
Berserk Master Edition 6
Comic
Kentaro Miura
Panini Manga 2026
ISBN: 978-3-7416-4801-4
706 S., Hardcover, deutsch
Preis: 49,00 EUR
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