von Kurt Wagner
Ach, schon das Cover dieses großformatigen Hardcoverband verspricht ein großes Comic-Abenteuer! Im Zentrum steht eine junge, ungezähmt wirkende Rothaarige mit eiskalt ausgerichteter Steinschlosspistole, die neben ihrem feschen Mantel natürlich in ein Ledermieder, Hot Pants und Strapse gekleidet ist – welcher Kapitän würde nicht so stilsicher gekleidet zur See fahren wollen? Überragt wird sie von einem riesigen, finster dreinblickenden Ork, ein Klischee von einem Mannsbild, mit schwellenden Muskeln, zusammengebundenem Vollbart und einem wirklich mächtigen … Messer. Im Hintergrund stampft ein Schiff unter vollen Segeln durch aufgewühlte Wellen und ein Totenschädel dominiert eine verzierte Steinsäule mit maritimen Motiven am Bildrand. Wir sehen schon, woran wir hier sind: In einer Rollenspiel-Fantasie aus besten „D&D“-Zeiten, in der Coolness immer vor Realismus kommen wird. (Aber alle Ironie beiseite: Das Cover funktioniert natürlich. Ich jedenfalls war sofort bereit, mit dieser heißen Piratenbraut und ihrem imposanten Beschützer in See zu stechen.)
Bevor es losgeht, bekommen wir erstmal eine schicke Weltkarte präsentiert. Aratheon heißt dieses Reich, das zwischen dem Ozean der Stürme und dem Ozean von Oseim eingeschlossen ist und bloß aus einer Handvoll Inseln besteht. Nicht ganz glaubwürdig soll es 42.000 Kilometer durchmessen, die Optik legt eher ein Zehntel davon nahe, wenn überhaupt. Deutsche Fans schmunzeln dabei über die „Insel des Schwarzen Auges“, die sich, ziemlich klein, im unteren Drittel befindet, aber zumindest in diesem Werk keine Rolle spielt. Weiter geht es dann mit einem Prolog, in dem uns J. L. Istin in die Atmosphäre des Settings einführt, eine Welt, in der die Piratenorganisation der Bruderschaft der Stürme die Wellen beherrscht und sich im ständigen Zwist mit dem mächtigen Kaiser Orl Kaartan befindet.
Aber das ist nur Hintergrund. Die eigentlich erzählte Geschichte ist viel kleiner und persönlicher und salopp gesagt eine typische Rachestory. Das Mädchen Agora lebt mit ihren Eltern und ihren nervigen Schwestern in den heruntergekommenen Vierteln einer schmutzigen Hafenstadt und träumt davon, mit einem Schiff der Bruderschaft der Stürme übers weite Meer zu fahren. Dieser Traum wird schneller als erwartet Realität, als eine Gruppe Assassinen Agoras ganze Familie tötet und sie nur deshalb knapp dem Tod entrinnt, weil sich ein hünenhafter Ork einmischt, als das Mädchen von den Mördern hinaus in die nächtliche, verregnete Gasse verfolgt wird. Der Ork zeigt Mitleid und nimmt Agora mit auf das Schiff, auf dem er dient. Und so wird sie Teil einer wilden Truppe von Halsabschneidern, ein Ort, den man kaum Zuhause nennen kann. Doch weil sie unter dem Schutz von Thoorak – so der Name des Orks – steht, kommt sie klar und erkämpft sich ihre Nische unter den Piraten.
Hingegen ist das hier kein tolldreistes Errol-Flynn-Freibeuter-Märchen, sondern Grim-and-Gritty-Fantasy im besten Sinne, und so folgen natürlich Verrat, weiterer Mord, Enttäuschungen und der unbändige Wunsch nach Rache, das Einzige, was Agora lange Jahre, bis sie zu einer jungen Frau herangewachsen ist, am Leben hält. Autor Jean-Luc Istin und seine Mitstreiter – Zeichner Giovanni Lorusso und Kolorist Olivier Héban – schenken uns hier nichts, denn sie entführen uns in eine versiffte, elende, brutale Welt, in der man für Gold seine Freunde verkauft und in der Männer auf zahllose hässliche Arten zu Tode kommen können.
Das alles erfindet das Rad natürlich nicht neu. Verrat und Rache, das sind so Themen, die immer wieder gern in Genre-Geschichten für Erwachsene auftauchen, denn sie haben sowohl viel Potenzial für Tragik als auch bieten sie viel Gelegenheit zur Gewaltdarstellung. Wäre dieser Comic ein Film, die FSK-16-Einstufung wäre ihm gewiss. Aber ich will das nicht zu kritisch beäugen. Denn auch in der Variation von Bekanntem liegt ein Reiz, und Istin gelingt es wirklich formidabel, eine runde, weitgehend in sich geschlossene Abenteuergeschichte zu erzählen. Dass der Comic „Thoorak“ heißt und nicht „Agora“ mag ein kleiner Fokusfehler sein, aber tatsächlich geht es nicht nur um den Werdegang unserer willensstarken Rothaarigen, sondern auch um den Sündenfall und die Buße einer gewissen Grünhaut, unter deren rauer Schale doch ein weiches Herz schlägt. (Auch ein Klischee, aber, hey, ich bin für so etwas absolut offen, wenn es dafür sorgt, dass ich den Comic am Schluss mit einem guten Gefühl zuklappe.)
Kurios ist der Hinweis am Ende. Denn obschon die Reihe weitere fünf Bände umfassen soll, tauchten Thoorak und Agora erst wieder in Band 6 auf. Das erinnert auffällig, an die „Cyborgs“-Reihe, ebenfalls von J. L. Istin, wo auch fünf Comics fünf Figuren vorstellen sollen, die am Ende in Band 6 ein großes Finale erleben. Ob das funktioniert, muss sich noch weisen …
Fazit: „Die Bruderschaft der Stürme“ präsentiert uns eine düstere Fantasy-Welt im Piratenzeitalter. Zwischen Orks, Kobolden, Elfen und Schwarzmagiern muss die Protagonistin Agora ihren Weg finden, angetrieben von dem brennenden Wunsch nach Rache für den Tod ihrer Familie und den Verrat an ihr selbst. Objektiv gesehen mögen hier viele Klischees bedient werden und die Handlung erfindet das Rad auch nicht neu, aber subjektiv macht das Ganze doch verdammt viel Spaß, denn neben den sehenswerten, detailverliebten Zeichnungen von Lorusso erzählt Istin einfach eine gute, runde Geschichte voller Tragik und Gewalt, aber auch mit der Hoffnung auf Freundschaft und ein besseres Leben. Wenn ihr süffige Grim-and-Gritty-Fantasy-Abenteuer mögt, seid ihr bei diesem Comic absolut richtig.
Die Bruderschaft der Stürme – 1 Thoorak
Comic
J. L. Istin, Sylvain Cordurié, Giovanni Lorusso, Oliver Héban
Splitter 2026
ISBN: 978-3-68950-149-5
64 S., Hardcover, deutsch
Preis: 18,00 EUR
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