Star Wars: Kampf um die Neue Republik

In den 1990er Jahren gehörte das „Star Wars“-Rollenspiel (die W6-Variante von WestEnd Games) zu den großen Erfolgen – zumindest jenseits des großen Teichs. Es gab Dutzende von Quellenbüchern und Abenteuern und sogar ein eigenes Periodikum: das „Star Wars Adventure Journal“, das Ausgabe für Ausgabe auf mehr als 250 Seiten Abenteuer, Spielmaterial, Produktinformationen und Kurzgeschichten brachte. Die besten Stories fasste Herausgeber Peter Schweighofer in zwei Anthologien zusammen. Eine davon ist „Kampf um die Neue Republik“.

von Bernd Perplies

Ganz zu Beginn gleich der Hinweis. Das Buch ist nicht neu. Es ist bereits 2004 bei Blanvalet erschienen (und schon 1999 in der englischen Originalausgabe). Doch das soll den geneigten Fan nicht aufhalten, einen Blick hinein zu werfen, denn was Schweighofer und sein Nachfolger Craig Carey hier versammeln, ist klassisches Expanded Universe im besten Sinne. Mitunter wirken Einzelheiten aus heutiger Sicht etwas kurios, denn der „Star Wars“-Kanon hat – gerade mit den Prequel-Filmen und der 19-bändigen Reihe „Das Erbe der Jedi-Ritter“ – so manchen Wandel durchgemacht. Jedi tragen heute bevorzugt braune Roben, derweil sie sich früher schlicht durch ihr Lichtschwert definiert haben. Manche Alien-Rasse hat sich leicht weiterentwickelt (Barabel beispielsweise). Und insgesamt spielen Schurken und Glücksritter eine größere Rolle, als dies in aktuellen Publikationen der Fall ist.

Doch es sind gerade diese Abweichungen, die so etwas wie Nostalgie beim Fan erzeugen, wenn er durch die Seiten blättert. Was waren das noch für selige Old-School-Star-Wars-Zeiten, denkt man sich, als Helden und Schurken wie Talon Karrde, Ysanne Isard, Hal Horn, Garm Bel-Iblis und Mara Jade die Protagonisten der Abenteuer aus der weit weit entfernten Galaxis waren. Okay, manche von ihnen gibt es heute noch – Mara Jade zum Beispiel –, doch in den Romanen dieser Tage sind sie größtenteils zwischen 55 und 70 Jahren alt (was schon ein bisschen… irritierend wirkt). Ihre Hochzeit haben sie jedenfalls hinter sich, und Jedi-Protagonisten wie Jacen und Jaina Solo und ihre Generation sind mittlerweile für die Action zuständig.

Doch werfen wir einen Blick auf die Geschichten selbst.

Den Anfang machen gleich zwei Große unter den damaligen „Star Wars“-Autoren: Timothy Zahn (Thrawn-Trilogie) und Michael Stackpole („X-Wing“-Reihe). In einer vierteiligen Story entwickeln sie ein Katz-und-Maus-Spiel zwischen CorSec-Mann Hal Horn, der imperialen Geheimagentin Ysanne Isard (die später zur Geheimdienstchefin aufsteigen wird) und dem nach einem Mordanschlag untergetauchten Senator von Corellia Garm Bel-Iblis – der Preis ist nichts Geringeres als die Pläne des Todessterns! (Die offenbar jeder namhafte „Star Wars“-Protagonist wenigstens ein Mal in den Fingern hatte, bevor sie schließlich im Speicher von R2-D2 landeten.)

Danach spendiert uns Zahn noch ein „Solo für Jade“. Jade ist mit Karrdes Crew unterwegs und wird von einem zwielichtigen Geschäftsmann zu einer Rettungsmission genötigt. Natürlich übernimmt sie den Job, aber der Erpresser soll seine Methoden am Ende bereuen. „Schatten der Erinnerung“ von Kathy Burdette lässt unterdessen mit der Schmugglerin Platt (Okeefe) eine dem Rollenspiel eigene Berühmtheit in Aktion treten. Platt und ihr Partner infiltrieren einen imperialen Außenposten, in dem ein Republikagent gefangen gehalten wird.

Chris Cassidy und Tish Pahl steuern gleich zwei Stories zu dem Geschichtenband bei: „Alles unter einem Hutt“ und „Einfache Tricks“. Auch bei ihnen stehen Glücksritter im Zentrum, und zwar die beiden Ladies Fenig Nabon und Ghitsa Dodger – die eine gradlinige Schmugglerin, die andere eine schillernde Trickbetrügerin. In beiden Fällen hat Ghitsa „eine tolle Idee“ und Fen darf es dann ausbaden. Schön daran ist, dass auch hier namhafte Expanded-Universe-Gaststars auftreten, so die Mystril-Kriegerin Shada D’ukal (eine Schöpfung Timothy Zahns).

Auch Patricia A. Jackson zeichnet für zwei Beiträge verantwortlich: „Der tiefste Sturz“ und „Uhl Eharl Khoenhng“ (letzterer Titel ist übrigens eine Verballhornung von Erlkönig). Leider ist die erklärte Anhängerin der Dunklen Seite und des Imperiums keine besonders begnadete Schreiberin und so wirken beide Stories leicht konfus – so als habe Jackson irgendwo eine gute Idee gehabt, sei dann aber nicht imstande gewesen, dieser eine sinnvolle Form zu geben. Weder der Tod eines Sternenzerstörer-Captains noch das seltsame Drama um eine junge Jedi, die bei einem imperialen Inquisitor eine Machtausbildung anstrebt, um einen Dunklen Jedi zu besiegen, will einen so richtig packen.

„Schwarz oder weiß?“ von Laurie Burns stellt anhand einer Geheimdienstoperation der Neuen Republik die interessante Frage in den Raum, ob das Imperium immer und unter allen Umständen „die Bösen“ sind. Agentin Selby gerät in eine Situation, in der ihr Glaube an das gängige Gut-Böse-Schema ins Wanken gerät. „Der Tag der Finsteren Nacht“ von Jean Rabe erzählt unterdessen von einer Schatzsuche zweier Weequay auf dem Meer eines Erholungsplaneten. Obgleich eher unspektakulär, besticht die Geschichte durch die Ich-Perspektive der Weequay, die zu einigen beiläufigen und daher umso interessanteren Kommentaren zum Selbstverständnis dieser Rasse führt.

Paul Danner schließlich rundet den Band mit ebenfalls zwei Beiträgen ab. „Keine Desintegrationen, bitte“ lässt den besten Kopfgeldjäger der Galaxis, Boba Fett, gegen eine gesamte imperiale Garnison antreten. Das wirkt zwar ein wenig over-the-top, aber verglichen mit den Wundern, die heutige Jedi-Protagonisten vollbringen, ist Fetts gnadenloser Durchmarsch fast noch moderat zu nennen. „Die letzte Runde“ bringt derweil einen abgebrühten Sabacc-Spieler und einen naiven Jüngling, der unbedingt ein Lichtschwert haben will, zusammen. Die Prämisse wirkt ein wenig schräg, aber gerade die lakonische Art von Spieler Kinnin Vo-Shay reißt das wieder raus.

Der Titel „Kampf um die Neue Republik“ ist ein wenig irreführend, denn nicht alle Geschichten spielen nach dem Fall des Imperiums – wenngleich die meisten. Insgesamt wird von Story zu Story in der Timeline hin- und hergesprungen, wobei ich mir manchmal eine zeitliche Einordnung gewünscht hätte. Mal ist eine Referenz an David Wolvertons Roman „Entführung nach Dathomir“ enthalten, dann wiederum taucht Kyp Durron auf, der in Kevin J. Andersons „Jedi Academy“-Trilogie eine wichtige Rolle gespielt hat. Für den Fan entspinnt sich so ein nettes Geflecht der beiläufigen Referenzen, die das Gefühl vermitteln, die Galaxis bestünde aus einem geschlossenen Ganzen. Notwendig sind die Vorkenntnisse der „alten“ Romane indes nicht. Für den Neuling oder den Gelegenheits-Warsler ist die Anthologie trotzdem noch eine Ansammlung einfach guter Geschichten (oben genannte Ausreißer mal außen vor belassen).

Fazit: „Kampf um die Neue Republik“ ist eine „Star Wars“-Anthologie, die für den Fan des „klassischen“ Expanded-Universe – also der Thrawn-Trilogie, den „X-Wing“-Romanen usw. – eine wirkliche Fundgrube unterhaltsamer Kurzgeschichten darstellt. Es wird ein breites Spektrum an Abenteuern geboten, und zahlreiche Expanded-Universe-Gaststars treten in Haupt- oder Nebenrollen auf. Wer von Solos und Skywalkers an der Grenze zum Rentenalter, Republic Commandos mit Vaterkomplex und Prequel-Jedi-Action die Nase voll hat, findet hier gradliniges „Star Wars“-Feeling aus der Zeit, als das Expanded Universe noch jung war.


Star Wars: Kampf um die Neue Republik
Film/Serien-Roman
Peter Schweighofer, Craig Carey (Hrsg.)
Blanvalet 2004
ISBN: 3442242355
508 S., Taschenbuch, deutsch
Preis: EUR 8,95

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