Star Wars: Dunkles Nest I: Die Königsdrohne

Fünf Jahre nach dem Angriff der Yuuzhan Vong beziehungsweise 35 Jahre nach der Schlacht von Yavin befindet sich die Galaxis im Wiederaufbau. Doch die Wunden, die der letzte furchtbare Krieg geschlagen hat, sind nicht einmal ansatzweise geschlossen, als ein neues Problem in den Unbekannten Regionen auftaucht. Sieben Jedi sind dort verschollen, und auf einmal beschuldigt das Reich der Chiss die Galaktische Allianz, dass sie sich in einen Konflikt, der sie nichts angeht, eingemischt haben. Luke, Han, Mara, Leia und ein paar Getreue wollen der Sache auf den Grund gehen.

von Bernd Perplies

George Lucas „Star Wars“-Saga war immer mehr als nur eine aus drei beziehungsweise später sechs Filmen bestehende Filmreihe. Romane, Comics, Computerspiele – sie alle haben die Saga erweitert und das begründet, was heute als Expanded Universe bezeichnet wird (und mitunter bessere Geschichten zu erzählen hat, als mancher Kinoteil der Saga). Mit dem 19-bändigen Romanreihe „Das Erbe der Jedi-Ritter“ schien zuletzt die Quintessenz des EU vorzuliegen, die alle bisherigen Geschichten zusammenführte und zu einem dichten Geflecht der Anspielungen und Querverweise verknüpfte. Nach diesem Krieg ist nichts mehr, wie es mal war. Mächteverhältnisse haben sich verschoben, Protagonisten auf außergewöhnliche Art und Weise weiterentwickelt und der Jedi-Orden selbst, um den es im Kern der Reihe ging, fand zu einem neuen Selbstverständnis. Was sollte danach kommen?

Der Krieg der Käfer

Die Antwort gibt nun Troy Denning, der den ersten Teil der „Dunkles Nest“-Trilogie mit dem Titel „Die Königsdrohne“ verfasst hat, deren Ereignisse fünf Jahre nach dem Ende des Yuuzhan-Vong-Krieges einsetzen. Jaina und Jacen Solo, die mittlerweile um die 30 (!) Jahre alten Kinder von Han und Leia, werden gemeinsam mit fünf befreundeten Jedi-Rittern von einem unwiderstehlichen Drang in die Unbekannten Regionen gerufen. Kurz darauf erhält der Jedi-Rat Besuch von einem Repräsentanten der blauhäutigen Chiss (wir erinnern uns noch an Admiral Thrawn aus Timothy Zahns „Thrawn“-Trilogie), der den Jedi vorwirft, sie würden sich in Dinge einmischen, die sie nichts angehen.

Diese „Dinge“ entpuppen sich als ein Grenzkonflikt zwischen dem Reich der Chiss und einer insektoiden Spezies, die Nachfahren der seit Jahrtausenden verschwundenen Killik zu sein scheint. Verwirrend hierbei ist allerdings, dass eigentlich beide Rassen weder aggressiv noch expansionistisch veranlagt sind. Und trotzdem droht der Raum um den Planeten Qoribu zum Kriegsschauplatz zu werden, denn einerseits versuchen Chiss-Einheiten die Käfer von dort zu vertreiben, andererseits lassen diese die Jedi für sich arbeiten, die auf seltsame Weise dem Willen des Nests unterworfen scheinen. Für Luke, Mara, Han und Leia, die aus Sorge um ihre Kinder beziehungsweise Jedi-Ritter in die Unbekannten Regionen aufbrechen, gibt es eine ganze Reihe Geheimnisse zu lüften, bevor die wahre Gefahr erkannt werden kann.

Es ist eine komplizierte Welt

„Star Wars“ genießt sich nicht mehr so leicht, wie in Zeiten, als Marvel-Comics und Novellen abgeschlossene und für sich selbst stehende Abenteuer erzählten. Nach 30 realen und 35 fiktionalen Jahren ist die Galaxis, in der unsere Helden Luke, Han und Leia leben, unglaublich komplex geworden. Das spürt man als Leser von der ersten Seite an. Die Handlung von „Die Königsdrohne“ setzt fünf Jahre nach dem Yuuzhan-Vong-Krieg ein und jeder Ort und jede Person wurden von diesem verändert und gezeichnet. Daher kommt Troy Denning kaum darum herum, in praktisch jedem Kapitel auf Ereignisse zurückzuverweisen, die sich in dieser Zeit zugetragen haben.

Das hat eine einfache Folge: Als Gelegenheitsleser ist es so gut wie unmöglich, die neuste „Star Wars“-Trilogie in vollen Zügen zu genießen, ohne vorher den 19-bändigen „Das Erbe der Jedi-Ritter“-Zyklus gelesen zu haben – es sei denn, es macht einem nichts aus, viele der Fakten, die hier präsentiert werden, ohne Kenntnis der genauen Hintergründe zu akzeptieren. Natürlich erklärt Denning, was man unbedingt wissen muss, dennoch kann man sich des Gefühls nicht erwehren, eine unglaubliche Menge an Abenteuern und Entwicklungen verpasst zu haben, wenn man der in Fortschreibung befindlichen Geschichte des „Star Wars“-Universums nicht in chronologischer Reihenfolge nachgeht.

Neue Herausforderungen für alte Recken

Für alle, die mit den Hintergründen vertraut sind, liefert Troy Denning indes großartige Unterhaltung. Gut, man hat derlei Thematik schon in ähnlicher Art gelesen, etwa in der von Michael P. Kube-McDowell verfassten „Die schwarze Flotte“-Trilogie, in der sich auch eine neue Spezies erhob, um die Galaxis – zumindest lokal – in die Krise zu stürzen. Dennoch: Dennings Prämisse fügt sich harmonisch in das bestehende Expanded Universe ein, seine Kontrahenten, die Killiks, die Chiss und – etwas später noch – die Hapaner vermögen zu faszinieren und sein Schreibstil ist so mitreißend, dass man das Buch kaum aus der Hand legen mag, wenn man einmal angefangen hat.

Gerade die exotischen Killiks mit ihrem insektoiden Kollektivgeist sind ein spannendes neues Element im „Star Wars“-Universum. Je nach Sichtweise fühlt man sich an „Aliens“ erinnert oder an trekkiemäßig edle Fremde. Ein netter kleiner Insider-Gag wird hier mit Han Solo betrieben, dem Denning den Satz: „Warum Käfer? Ich hasse Käfer!“ in den Mund legt – zweifellos eine Anspielung auf die Schlangenphobie von Indiana Jones (beide Abenteurer wurden vom Schauspiel und Erscheinungsbild Harrison Fords geprägt). Und noch eine kuriose Parallele: Im neuen Indiana-Jones-Film soll Indy etwa 60 Jahre alt sein – und dieses Alter soll auch scherzhaft durchaus thematisiert werden. Genauso alt ist in „Die Königsdrohne“ nun auch Han Solo, der ebenso seine grauen Haare und nachlassende Reflexe vorgehalten bekommt (vor allem von C-3PO).

Denn auch damit muss der Leser klarkommen: Die Zukunft von „Star Wars“ gehört nicht mehr Schmugglern vom Schlage Han Solos. Er ist mittlerweile fast der letzte seiner Art, ein rechter Haudegen noch, aber irgendwie auch ein Fossil. Die neuen Protagonisten tragen alle Lichtschwerter, egal ob sie als Meister den Jedi-Rat bilden – Luke, Mara, Kyp Durron, Corran Horn, Kyle Katarn, Kam Solusar, Tionne usw. – oder als Ritter in der Galaxis herumtoben, wie Jaina, Jacen, Lowbacca, Tahiri und die anderen ehemaligen Kinder der „Young Jedi Knights“-Reihe von Kevin J. Anderson und Rebecca Moesta. Wer zu viel Machtanwendungen nicht mag, der hat in der neuen „Star Wars“-Welt ein echtes Problem.

Eine letzte private Anmerkung zum Schluss: Liebe Regina Winter. Ich weiß, Sie übersetzen seit Jahren „Star Wars“-Romane und Dennings guter Schreibstil ist auf Deutsch natürlich nicht zuletzt der ihre. Dennoch: Ein „solar plexus“ ist kein „Sonnengeflecht“ (S. 214), sondern ein „Solar Plexus“. (Ich erwähne das nur deshalb explizit, weil ich diesen offensichtlichen Fehler nun schon zum zweiten Mal in einem „Star Wars“-Buch lese.)

Fazit: Für Kenner des „Star Wars“-Universums ist Troy Dennings Roman „Die Königsdrohne“ ein wahres Fest. Eine hohe Verweisdichte, ein mitreißender Stil und viele namhafte Charaktere erfreuen den Leser und treiben die Geschichte der bekannten Galaxis voran. Fans, die um die Yuuzhan Vong einen Bogen gemacht haben, ein Übermaß an Jedi-Rittern für eine arg einseitige Entwicklung des Franchise halten und/oder graue Haare an Han Solos Schläfen lieber nicht sehen wollen, sollten indes einen Bogen um die aktuellsten Abenteuer in der weit weit entfernten Galaxis machen.


Star Wars: Dunkles Nest I: Die Königsdrohne
Film/Serien-Roman
Troy Denning
Blanvalet 2008
ISBN: 978-3-442-24491-1
573 S., Taschenbuch, deutsch
Preis: EUR 9,95

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