von Ye Olde Jedi-Master
Man kann es nicht. Das war mir schon nach den ersten Seiten der Lektüre so klar, dass ich es ruhig hier an den Anfang dieser Rezension stellen kann. Wer wissen will, warum, möge weiterlesen, der Rest vertraut einfach meinem Urteil. Dabei stellt sich natürlich die Frage: Was hatte ich erwartet? Wir alle kennen die Lebensgeschichte von Darth Vader – sie war Bestandteil von sechs Kinofilmen, und die dazwischen aufklaffenden Lücken wurden durch zahlreiche Romane und Comics gefüllt. Es gibt vermutlich wenige Protagonisten des „Star Wars“-Universums, deren Vita so lückenlos nachzuvollziehen ist, wie die von Anakin Skywalker beziehungsweise Darth Vader.
Was hatte ich also erwartet? Vielleicht einen Kniff, einen gewissen, bislang wenig beachteten Ansatzpunkt in der Biographie des Dunklen Lords, der gleichzeitig Auslöser für eine eigenständige Abenteuerhandlung sein könnte, wie auch für erhellende Einblicke in die Psyche eines Mannes, dessen latente Arroganz und Ich-Bezogenheit ihn letztlich zum Spielzeug in den Händen des manipulativen Palpatine machen musste. Hier hätte sich eine Chance geboten, in die Fußstapfen von James Lucenos „Dunkler Lord – Der Aufstieg von Darth Vader“ zu treten – und sei es auf Jugendbuchniveau.
Doch was bietet Ryder Windham? Eine Inhaltsangabe auf 200 Seiten. Eine Zusammenfassung von sechs Filmen, gewürzt mit ein paar Infoschnipseln aus Romanen und Comics. Die Rahmenhandlung zeigt uns Vader, der an Bord der Executor in seiner Meditiationskammer sitzt und über sein Leben sinniert, während das Schiff kurz vor „Die Rückkehr der Jedi-Ritter“ nach Endor fliegt. Und dann erfolgen inhaltliche Abrisse auf vielleicht 25 Seiten pro Film, die sich auf die Szenen beschränken, in denen Anakin/Vader zu sehen war. Das ist so uninspiriert, dass man als Fan regelrecht fassungslos davorsteht. An wen richtet sich dieser Roman? Selbst Lesern, die sich bislang keinen einzigen Roman oder Comic zu Gemüte geführt haben, sind locker 75% der Story bekannt.
Ein paar kuriose – um nicht zu sagen: unbeabsichtigt komische – Momente blitzen aus dem wiedergekäuten Wissensmuß hervor: etwa wenn Ryder Windham versucht, Logikfehler der Saga nachträglich mit Sinn zu versehen (an sich ja ein lobenswertes Unterfangen, aber leider nicht immer wirklich zündend). So mag man sich heute fragen, warum Obi-Wan Kenobi beim Duell mit Vader auf dem ersten Todesstern diesen ständig mit Darth anredet, denn was einst vermutlich als Vorname gedachte war, wurde später zum Titel für Sith-Lords, sodass dieser Dialog heute seltsam klingt (ich habe zugegeben nie darüber nachgedacht). Vader ist übrigens genauso verwirrt – und nimmt dann an, dass ihn Obi-Wan ärgern will, indem er ihn nicht beim ganzen Namen nennt. Oho! Sehr cleverer Schachzug des alten Jedi-Meisters.
Gerade eine Handvoll Zeilen boten mir persönlich bislang unbekannte Informationen – was aber auch an meiner mangelnden Kenntnis des Expanded Universe liegen mag. So wusste ich beispielsweise nicht, wie Anakin und Shmi damals nach Tatooine gekommen sind und dass Anakin am Ende von „Die Rache der Sith“ ohne Betäubung operiert werden musste, damit die Chemikalien nicht seine Midichlorianer zerfressen. (Buahahaha!!! Großartige Vorstellung. Da bekommt die Dialyse als Waffe gegen Jedi ganz neuen Stellenwert! Oh und jetzt weiß ich auch endlich, warum Lichtschwerter Wunden kauterisieren: damit der Blutverlust beim Abschlagen von Gliedmaßen nicht so viele der kleinen Machtpartikel ausschwemmt.) Mal ganz ehrlich: Was Windham da schreibt, erfüllt schon fast den Tatbestand des groben Unfugs!
Fazit: Ich habe lange kein so hartes Urteil mehr über ein „Star Wars“-Produkt gefällt, aber „Darth Vader – Aufstieg und Fall“ ist ein langweiliges, überflüssiges und den Kanon um einige echt peinliche Zusatzinformationen bereicherndes Buch, das auf 200 Seiten vielleicht ein Handvoll Zeilen Neuheitenwert hat, ansonsten aber nichts als eine grobe Inhaltszusammenfassung der Film-Saga und diverser Expanded-Universe-Geschichten bietet. Wer wirklich mehr über den Dunklen Lord erfahren will, der sollte lieber die Originale genießen, statt diesen – auch stilistisch – ungaren Aufguss zu lesen.
Star Wars: Darth Vader – Aufstieg und Fall
Film/Serien-Roman
Ryder Windham
Dino 2008
ISBN: 978-3-8332-1655-8
203 S., Taschenbuch, deutsch
Preis: EUR 8,95
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