von Andreas Loos
Neue Autoren, gewohnte Qualität
Die Reihe rund um die Raumstation 47, genannt Vanguard, und die Taurus Region wird mit „Rufe den Donner“ fortgesetzt. David Mack hat den Stab an Dayton Ward und Kevin Dilmore weitergereicht, und was die beiden aus Kansas stammenden Autoren dem Leser servieren, kann sich in jedem Fall mit dem ersten Band messen.
Nachdem die Kirk und Spock am Ende von „Der Vorbote“ mit der Enterprise der Station den Rücken gekehrt haben, um die legendären Abenteuer der ersten Staffel der „Classic“-Serie zu bestehen, sind Comodore Reyes und seine Besatzung bei den Herausforderungen, welche die Taurus Region bereit hält, auf sich alleine gestellt.
Zeitlich ungefähr einen Monat nach den Ereignissen des ersten Bandes angesiedelt, eskalieren die Spannungen zwischen den Tholianern und den Klingonen immer mehr. Die Klingonen haben einige Welten in der Region annektiert und einige weniger entwickelte Völker unterworfen. Die Tholianer waren ebenfalls fleißig und haben ihre Präsenz verstärkt, aber ihre Motive sind sowohl der Föderation als auch den Klingonen unklar.
Die Angriffe einer unbekannten Macht auf die Schiffe der Tholianer vereinfachen die Situation natürlich nicht. Die verworrene Situation im Makrokosmos der Taurus Region setzt sich im Mikrokosmos der einzelnen Akteure fort, denn auch dort geht es ziemlich chaotisch zu.
No rest for the weary…
Das von David Mack in Szene gesetzte, mehrfach ineinander verflochtene Netzwerk von Beziehungen und Handlungssträngen wird von Dayton Ward und Kevin Dilmore weitergesponnen. Nur wenige neue Personen kommen hinzu, und die Handlung lässt alle Erzählstränge offen, um sSie dann im Dritten Band „Ernte den Sturm“ abschließen zu können.
Commodore Reyes, der Kommandant der Raumstation 47, bekommt, wie auch schon im ersten Band, wieder eine Menge Kopfschmerzen. Während er versucht, die Fassade des Kolonisationsversuchs der Föderation im Taurus Sektor aufrechtzuerhalten und gleichzeitig die Bemühungen um weitere Nachforschungen nach dem Ursprung des Metagenoms zu verschleiern, dessen Entdeckung der wahre Grund für das Engagement der Föderation ist, bekommt er immer häufiger Gewissensbisse.
Zudem steckt seine Liaison mit Rana Desai, der JAG Anwältin, die seinen autoritären Führungsstil immer wieder angreift, mittlerweile in einer ernsthaften Krise. Der kurz vor seiner Pensionierung stehende Stationsarzt Ezekiel Fisher schlüpft deshalb in die Rolle des Paartherapeuten und versucht zwischen den beiden zu vermitteln, aber auch er verstrickt sich im Laufe der Handlung in die Geheimnisse der Taurus Region.
Der Föderationsbotschafter Jetanien, ein Rigelianischer Chelone, versucht mit allen ihm möglichen Mitteln, zwischen den Klingonen und den Tholianern zu vermitteln, und geht dabei auch sehr große persönliche Risiken ein. Botschafter Jetaniens persönliche Assistentin Anna Sandesjo, die in Wahrheit als Spionin für eine feindliche Macht tätig ist, sieht sich mittlerweile auf einen Interessenkonflikt zwischen ihrer Loyalität zu ihrem Auftraggeber und der leidenschaftlichen Affäre mit der Vulkanierin T’Prynn zusteuern.
Die Geheimdienstoffizierin T’Prynn jongliert derweil mit gefährlichen Geheimnissen und spinnt anscheinend an einem Tag mehr Intrigen als ein romulanischer Senator in einem Monat. Ihre psychologischen Probleme mit dem Geist ihres Verlobten, der in ihrem Unterbewusstsein haust, geraten jedoch zunehmend außer Kontrolle.
In einem ähnlich unkontrollierten Zustand befindet sich das Leben des Reporters Tim Pennington. Eine von T’Prynn eingefädelte Intrige ruinierte seinen Ruf und vor allem seine Glaubwürdigkeit, was ihn letztendlich seine Stelle als Korrespondent des Federation News Service gekostet hat. Die meiste Zeit hängt er nun mit seinem neuen Freund, dem Freihändler und Schmuggler Cervantes Quinn zusammen, und versucht wieder auf die Füße zu kommen.
Quinns derzeitige Situation ist allerdings genauso wenig beneidenswert. Sowohl der orionische Unterweltboss Ganz, als auch T’Prynn spannen ihn gleichzeitig für ihre Zwecke ein, und so muss Quinn als unwilliger Diener zweier Herren einen Drahtseilakt vollführen, denn ein Versagen, egal bei welchem der Aufträge, könnte ihn das Leben kosten. Seinen neuen Freund Tim Pennington zieht er gleich mit in die verfahrene Situation rein, der nicht weis, das sein Ausflug in die Taurusregion ihn in Kontakt mit Klingonischen Spionagesonden und einem weinerlichen Zakdorn bringen wird.
Der Xenoarcheologe Lt. Ming Xiong ist wie kein anderer den Geheimnissen der Taurus auf der Spur. Dabei tut er sich mit der Geheimhaltungspflicht, die ihm auferlegt wurde besonders schwer und immer wieder lässt er wider besseres Wissen Informationen durchsickern, die seine Gesprächspartner nicht wissen dürfen.
Eben solche Gesprächspartner sind Captain Zhao und seine erste Offizierin Commander Atish Khatami von der USS Endeavour. Besonders Captain Zhao missfallen die unklare Situation und vor allem der Mangel an Informationen, mit dem man ihm im Dunklen tappen lässt, während er über einer Eiswüste Babysitter für eine Forschungsstation spielen muss.
Und während die beteiligten Mächte sich über die Geheimnisse der Taurus Region streiten, entwickeln diese ein unheimliches „Eigenleben“, das Commodore Reyes noch mehr schlaflose Nächte bereiten wird.
Die Spannungen zwischen den Personen machen sich vor allem durch Dialoge mit zynisch-sarkastischem Unterton bemerkbar. Besonders Pennington und Quinn spielen sich ständig solche Wortwechsel zu. Alles in allem wirkt der zweite Band von der Stimmung her unheimlicher und bedrohlicher als der Vorgänger.
Mir aufgefallen ist das Fehlen namhafter Persönlichkeiten aus dem offiziellen Kanon. Kamen in „Der Vorbote“ neben Kirk und Co. auch noch andere Persönlichkeiten wie der spätere Kanzler Gorkon („Star Trek VI – Das unentdeckte Land“) vor, so fehlen diese hier. Dadurch wirkt die Handlung ein wenig vom großen „Star Trek“-Universum abgekoppelt.
Das Lektorat und die Übersetzung lassen – als großer Wehrmutstropfen – im Vergleich zu dem Vorgänger sehr zu wünschen übrig. Ein Fauxpas jagt den nächsten, Rechtschreibfehler, falscher Satzbau und vertauschte Namen, um nur die auffälligsten zu nennen – hier wäre mehr Sorgfalt angebracht.
Ein kleiner Bonus von einem großen Fan
Gab es im ersten Band eine farbige, ausklappbare Übersicht der Raumstation, die einzelne Komponenten erläutert und einen sehr guten Überblick bot, fehlt hier dergleichen. Ich persönlich hatte auf eine kleine Übersichtskarte der Taurusregion gehofft, obwohl diese bestimmt nicht nötig ist.
Im Anhang des Buches äußert Christian Humberg, den Ringbotenlesern bekannt durch seine Rezensionen und seine Berichte von der FedCon, seine Gedanken zum „Star Trek“-Franchise, von seinen Anfängen bis hin zu den Ereignissen im zehnten Kinofilm, dem offiziellen Kanon und den Romanreihen.
Christian ist einer der größten Fans von „Star Trek“, den ich je kennen gelernt habe. Immer wieder stellte er mit einer Fülle von Details und sein Hintergrundwissen zu „Star Trek“ unter Beweis, dass der gesamte Franchise eines seiner größten Steckenpferde ist.
Im Anschluss befinden sich Beschreibungen der Völker, die in der Taurusregion eine Rolle spielen, diese stammen allem Anschein nach auch aus Christians Feder. Ob Tholianer, Klingonen, Orioner oder Shedai, hier findet man eine Beschreibung für alle maßgeblichen Rassen, die auch über den Tellerrand des in der Triologie beschriebenen Zeitrahmens hinausgeht. Die Kartei der Hauptpersonen, die man am Ende von Band 1 finden konnte fehlt hier, was aber nicht weiter tragisch ist, da alles Hintergrundwissen aus „Der Vorbote“ noch einmal aus dem Kontext herauszulesen ist. Trotzdem empfehle ich zuerst Band 1 zu lesen, schon alleine deshalb, weil der Band ein wenig in der Luft hängt. Auf den Abschluss in Band drei „Ernte den Sturm“ kann man aber schon jetzt gespannt sein.
Fazit: „Rufe den Donner“ ist eine gelungene Fortsetzung der Saga rund um die Raumstation Vanguard. Unterhaltsam geschrieben, mit komplexen Personen und einer guten Dosis Action bietet der Band einen neuen Blickwinkel auf das „Star Trek“-Universum. Statt Kirks Prügelei mit dem Alien der Woche, werden Intrigen und Politik geboten. Vertraute Elemente wie die Klingonen, die Föderation und die Tholianer, werden in einem erfrischend „anderen“ Licht dargestellt, als man es vom Bildschirm her kennt. Bevor man sich jedoch hier rein liest, sollte man den ersten Band der Reihe lesen.
Star Trek – Vanguard: Rufe den Donner
Film/Serien-Roman
Dayton Ward, Kevin Dilmore
Cross Cult 2008
ISBN: 978-3-936480-92-4
388 S., Taschenbuch, deutsch
Preis: EUR 12,80
bei amazon.de bestellen
