Star Trek – Vanguard 1: Der Vorbote

Der Weltraum, unendliche Weiten… Willkomen zurück im „Star Trek“-Universum. Aber diesmal sind es nicht Kirk, Spock und die Enterprise, die im Rampenlicht stehen, sondern eine völlig neue Besatzung, welche die Raumstation Vanguard am Rande des unerforschten Alls bevölkert und so manche Intrige spinnt….

von Andreas Loos

 

Es ist jetzt über 40 Jahre her, dass Gene Roddenberry das erste Mal Captain Kirk und die Enterprise in die Unendlichkeit schickte, um die Herzen von Millionen Fans weltweit zu erobern. In den letzten Jahren allerdings schien es, als sei das Franchise am Ende seiner Kreativität angekommen. Die Serie „Enterprise“ nahm ein unrühmliches und vorzeitiges Ende und der 10. Kinofilm war ebenfalls nicht der große Wurf. Lediglich die Romanautoren, wie Peter David, wussten und wissen mit Zyklen wie „Star Trek: Die Neue Grenze“ zu überzeugen. Nun ist es an David Mack, mit „Der Vorbote“ seine (dreiteilige) Version von „Star Trek“ zum Besten zu geben. Soweit ich das beurteilen kann, ist das Resultat gut gelungen.

Alte Besen und neue Räume…

Angesiedelt ist die Handlung rund um die Sternbasis 47, die auch unter dem Namen Vanguard bekannt ist, zu Beginn der Originalserie. James T. Kirk ist gerade zum Captain der Enterprise befördert worden, und die Haupthandlung des Romans spielt in der Zeit zwischen den Episoden „Spitze des Eisbergs“ und „Pokerspiele“.

Wer allerdings denkt, dass Kirk, Spock und Scotty (McCoy kommt erst später dazu) in der Handlung die Hauptarbeit zu leisten haben, der wird leider enttäuscht werden. Die Hauptpersonen sind mit der Raumstation verbunden, sei es als Personal oder als ständige Bewohner der Taurus-Region. Doch David Mack gibt sich alle Mühe, seinen Hauptpersonen Leben einzuhauchen. Das gelingt ihm so gut, dass die Besatzung der Enterprise im Vergleich dazu sogar blass und stereotyp wirkt.

Als Captain Kirk mit seiner beschädigten Enterprise auf die gerade in Dienst gestellte Raumstation trifft, kommt ihm diese zwar gerade recht, um die notwendigen Reparaturen durchzuführen, jedoch erweckt die rasante Geschwindigkeit, mit der die Föderation eine solch große Station in kürzester Zeit so weit entfernt von den Kernwelten aufgebaut hat, sein Interesse (was im übrigen auch für die gerade eingeführten Minikleid-Uniformen für das weibliche Personal gilt).

Die Raumstation dient offiziell dazu, den Anspruch der Föderation auf die Taurus-Region zu untermauern. Aber auch einige andere Anrainer des Sektors haben ein reges Interesse an der Region. So warten die Klingonen nur auf ihre Chance, eigene Ansprüche geltend zu machen, und auch die Tholianer beäugen das Vorgehen der Föderation mehr als argwöhnisch. Beide Rassen vermuten, dass das verstärkte Interesse der Föderation noch einen anderen Hintergrund hat. Diesen Verdacht hat Captain Kirk auch, jedoch stößt er bei dem Leiter der Station, Diego Reyes, in diesem Punkt auf eine Mauer eisigen Schweigens, bis Ereignisse tief im Inneren der Region den Einsatz der Enterprise notwendig machen und Kirk und Co. hinter das Geheimnis kommen…

New Kids on the Galactic Block

Da wir bei Comodore Reyes sind, wird es auch Zeit, die anderen Hauptcharaktere kennen zu lernen, deren Persönlichkeiten in einer im Anhang existierenden Kartei zu finden sind. Deshalb denke ich, dass ich auch nicht zuviel von der eigentlichen Handlung verrate, wenn ich hier kurz die Hauptpersonen anreiße. Commodore Reyes hat beispielsweise zusätzlich zu all seinen Sorgen als Stationskommandant, die immer größer zu werden scheinen, auch noch mit der JAG Anwältin Rana Desai zu kämpfen, die ihm nicht nur dienstlich zusetzt, sondern nebenbei eine Liaison mit ihm unterhält.

Die politisch etwas angespannte Lage vor Ort bekommt auch Botschafter Jetanien zu spüren, der Verhandlungen mit den Tholianern und den Klingonen führen muss. Dass seine persönliche Assistentin Anna Sandesjo in Wahrheit nicht die ist, für die sie sich ausgibt, macht die Sache nicht einfacher. Die Vulkanierin T’Prynn hat derweil das Hüten von Geheimnissen zu ihrem Beruf gemacht, jedoch hat die Geheimdienstoffizierin nicht nur die Geheimnisse von Vanguard und der Taurus-Region zu bewahren, sondern auch mit einem ganz persönlichen Problem zu kämpfen, einer Art „Dr. Baltar Syndrom“.

Der brillante Wissenschaftsoffizier Lt. Ming Xiong ist ein echtes Allround-Talent, ein Idealist, der dummerweise ein kleines Problem mit Autoritätspersonen sowie dem Bewahren von Geheimnissen hat. Ausgerechnet er kennt das Geheimnis, das hinter Vanguards raschem Aufbau steckt. Gegen Xiong hingegen hat Dr. Ezekiel Fisher, der leitende Arzt, in 50 Jahren Dienst bei der Sternenflotte, ein wesentlich abgeklärteres Weltbild. Fisher steht kurz vor der Pensionierung und scheint für die Rolle des väterlichen Freundes prädestiniert zu sein. Der Journalist Tim Pennington schließlich sucht auf der Station die ganz große Story, nicht ahnend, dass er drauf und dran ist, seine Nase in ein Wespennest zu stecken.

Viele der wohl am besten in meiner Erinnerung geblieben „Star Trek“-Episoden hatten mit liebenswerten Schurken wie Cyrano Jones oder Harcourt Fenton Mudd zu tun, und auch eine solche Persönlichkeit darf hier nicht fehlen. Diese mehr oder vielmehr weniger dankbare Rolle fällt Cervantes Quinn zu. Eher der Typ „Gelegenheitsschurke“, findet er sich immer wieder in sehr schmerzhaften und unangenehmen Situationen wieder. Fast immer ist dafür sein Auftraggeber Ganz, ein orionischer Kaufmannsprinz, verantwortlich. Ganz ist ein archetypischer Gangsterboss, komplett mit einer Gang halbseidener Gestalten, die für ihn die Drecksarbeit erledigen. Der „Pate“ der Taurus-Region residiert auf einer fürstlich ausgestatten Yacht, die gleichzeitig als Bordell und Casino dient und ständig an Vanguard angedockt ist.

Damit hätte ich gerade einmal so (ganz grob) die Hauptpersonen abgedeckt, etliche Nebenfiguren, die ebenfalls mit einem hohen Grad von Detailreichtum aufwarten, runden das Ensemble ab. Mack streut gekonnt bekannte Persönlichkeiten des Franchise ein, so bekommt auch ein jüngerer Gorkon („Star Trek VI: Das unentdeckte Land“) einen kurzen Gastauftritt.

David Mack nimmt all diese Personen und webt daraus ein feines, mehrfach ineinander verflochtenes Netzwerk von Beziehungen und Handlungssträngen. Eine solche Dichte von Intrigen und Beziehungen findet man aktuell nur in der Neuauflage von „Battlestar Galactica“, die, wie der Autor selbst zugibt, „Star Trek: Vanguard“ vielfach beeinflusst hat. Alle dargestellten Persönlichkeiten sind Variationen von altbekannten Mustern, die man tüchtig vermischt hat. Mack zeigt, dass er das „vulkanische“ Prinzip von „Infinite Diversity in Infinite Combinations“ (IDIC) verinnerlicht hat. Allein die Hauptcharaktere und deren Beziehungen zueinander bieten Stoff für mehrere Bücher. Die Handlung war zum Teil etwas vorhersehbar, was dem Unterhaltungswert in meinen Augen jedoch nicht geschadet hat. Die Handlung lebt gleichermaßen von den Personen und der richtigen Dosis Action – ein gut ausgewogenes Konzept eben.

Was wäre das alles ohne Bonusmaterial?

Besonders gut fand ich die farbige, ausklappbare Übersicht der Raumstation, die einzelne Komponenten erläutert und einen sehr guten Überblick bietet. Als besonderes Schmankerl befindet sich im Anhang des Buches ein unterhaltsames Interview, das Christian Humberg mit dem Autor geführt hat. Hier bekommt der interessierte Leser einige spannende Informationen über die Hintergründe von „Star Trek – Vanguard“ und das Franchise im Allgemeinen.

Fazit: „Der Vorbote“ ist der gelungene Auftakt für „Star Trek – Vanguard“. Die neuen Hauptpersonen der Raumbasis Vanguard sind lebendig beschrieben und die Beziehungen zwischen den einzelnen Personen sind komplex aufgebaut. Die Handlung wirkt zwar etwas vorhersehbar, ist aber immer kurzweilig und durchweg spannend. Die Extras in Form der aufklappbaren, farbigen Übersicht der Vanguard-Station und des Interviews mit David Mack runden das Ganze gelungen ab. Hier wird einem wirklich „Star Trek“ geboten, wie ich es mir für „Enterprise“ gewünscht hatte. Für Fans ein absolutes Muss, und auch solche, die mit „Star Trek“ im Allgemeinen weniger anfangen können, werden auf ihre Kosten kommen.


Star Trek – Vanguard: Der Vorbote
Film/Serien-Roman
David Mack
Cross Cult 2008
ISBN: 3936480915
388 S., Taschenbuch, deutsch
Preis: EUR 12,80

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