Star Trek TNG (Second Decade 1): Tod im Winter

„Die letzte Reise einer Generation beginnt“ – dieser Satz leitet einen Trailer zu „Star Trek 10 – Nemesis“ ein. Die letzte Reise im Kino ist schon eine ziemliche Weile vorbei, aber das bedeutet nicht, dass Captain Picard oder seine anderen Seriengefährten sich auf das Altenteil zurückgezogen hätten. Während Riker mit seiner U.S.S. Titan auf eigene Faust das All unsicher macht, muss der zurückgebliebene Picard auch nicht lange auf seinen nächsten Auftrag warten, auch wenn seine Enterprise im Trockendock bleiben muss.

von Andreas Loos

 

 

Der CrossCult-Verlag legt bei der Veröffentlichung von Übersetzungen, speziell „Star Trek“-Romanen ein beachtliches Tempo vor. Eine meiner ersten Rezensionen für den Ringboten war ein „TNG“-Roman mit dem Titel „Sturm auf den Himmel“ gewesen. Der Heyne Verlag hatte sich dort die Muße genommen, einen Roman übersetzten zu lassen, der zum damaligen Zeitpunkt bereits über fünf Jahre zuvor in den USA veröffentlicht wurde. Das hat sich dank des CrossCult-Verlages grundlegend geändert. Mittlerweile kann man sich als deutscher „Star Trek“-Fan auf zeitnahe Übersetzungen binnen eines oder maximal zwei Jahren freuen. So auch über die Übersetzungen der Abenteuers der „TNG“-Crew nach ihrem Kampf gegen den wahnsinnigen Shinzon, der im zehnten Kinofilm der Enterprise tüchtig eingeheizt hatte.

Picard ist nach dem Kampf gegen seinen wahnsinnigen Klon in einer Krise, da fast alle seine Weggefährten, von Worf und Geordi LaForge abgesehen, die Enterprise verlassen haben. Riker und Troy beschreiten an Bord der U.S.S. Titan neue Wege, Data ist in die ewigen Androidenjagdgründe eingegangen und Picards heimliche Liebe, die Schiffsärztin Dr. Beverly Crusher, hat eine neue Stelle auf der Erde angetreten.

Picards Melancholie wird von der Nachricht gestört, dass Dr. Crusher auf einem heiklen und geheimen Einsatz im romulanischen Raum verschollen ist. Eine eisige Randwelt des Romulanischen Reichs ist Schauplatz einer humanitären Katastrophe. Die Bevölkerung, die von den Romulanern unterworfen wurde, leidet an einer gefährlichen Seuche, die sie in Massen dahinrafft. Die Romulaner verschließen ihre Augen vor dem Problem, und die Föderation sieht die Chance, bei der Bevölkerung Pluspunkte zu sammeln, wenn sie ein Heilmittel herstellen kann.

Aber auch Tal’Aura, die amtierende Praetorin, hat die rebellischen Randbereiche des Romulanischen Imperiums im Blick. Und wenn sie schon nicht ihren rebellischen Untertanen Hilfe leisten will, so schickt sie einen Kettenhund, der die Rebellen zur Räson bringen soll. Der Kettenhund ist für Fans der Fernsehserie keine Unbekannte. Es ist Niemand geringeres als Sela, die eiskalte Halbromulanerin. Picard und seine Mannschaft hatten schon öfters Gelegenheit, der Agentin des romulanischen Geheimdienstes ins Handwerk zu Pfuschen. Und Dr. Crusher läuft, wie könnte es anders sein, Sela praktisch in die Arme.

Wie zu erwarten ist, betraut Starfleet Picard und zwei seiner ehemaligen Kameraden aus der Zeit seines Kommandos über die U.S.S. Stargazer, Pug Joseph and Doktor Carter Greyhorse, sowie den romulanischen Überläufer Decalon, die Mission auf dem eisigen Planeten Kevratas zu beenden. Wenn es ihnen dabei gelingt, Dr. Crusher zu retten, dann wäre das ein netter Bonus.

Die Handlung folgt zum einen den Ereignissen auf dem Planeten, einmal aus der Warte Picards und zum anderen aus dem Blickwinkel von Dr. Crusher, die nach ihrer Gefangennahme versucht, aus den Fängen er Romulaner zu fliehen. Zusätzlich bekommt der Leser noch einige tiefere Einblicke in die Romulanischen Ränkespiele, die sich an Tal’Auras Hof zutragen. Gerade diese Handlungselemente waren für mich noch interessanter als der Handlungsstrang der Hauptprotagonisten, denn die Romulaner befinden sich am Rande eines Bürgerkrieges, bei dem alle möglichen Fraktionen versuchen, das Machtvakuum zu füllen, das der Praetor Shinzon, nach den Ereignissen von „Nemesis“ hinterlassen hat.

Die Handlung hier hat dramatisch gesehen auch die größere Tragweite, als die Ereignisse, in die Picard und Co. auf der unbedeutenden Eiswelt verstrickt werden. Lediglich die aufkeimende Romanze zwischen Picard und Beverly Crusher gibt dem Ganzen hier etwas Würze. Der Neustart für die Abenteuer der U.S.S. Enterprise in die zweite Dekade hatte bei mir größere Erwartungen geweckt.

Picards Reisebegleitung, die den alten Haudegen zeitweise in Erinnerungen an seine Zeiten auf der U.S.S. Stargazer schwelgen lassen, kommen in meinen Augen leider nicht so zur Geltung, wie es möglich gewesen wäre. Besonders Greyhorse blieb dabei hinter meinen Erwartungen zurück. Eher geraten da schon Picard und Decalon aneinander, und selbst da dominiert Picard die Situationen immer.

Geordi und Worf, die in einem Nebenplot ihren Freunden beizustehen versuchen, es dann aber nicht schaffen, die Enterprise zu verlassen, ohne von ihren Vorgesetzten gestoppt zu werden, sorgen für einige unfreiwillige Komik, da die beiden bei ihren Nachforschungen wenig Diskretion walten lassen. Der abschließende Auftritt von Admiral Janeway wirkte auf mich arg gezwungen. Auf den dünnen Handlungsstrang hätte man getrost verzichten können.

Als besonderes Bonbon und gewissermaßen schon ein gewohntes Feature in den Veröffentlichungen des CrossCult-Verlages, finden sich ein paar An- und Einsichten zum „Star Trek“-Franchise. Diesmal macht sich Julian Wangler Gedanken zu Jean-Luc Picards Beziehung zu Beverly Crusher, gesehen über die Dauer der Serie. Und passend zum neuen Serienstart in Buchform gibt es einen kleinen Blick auf die Enterprise-E und ihre Besatzung nach den Ereignissen von „Nemesis“ und dem Ende der Serie. Auch hier gibt Julian Wangler seine Ansichten zum Relaunch der Serie preis.

Fazit: „Tod im Winter“ ist von der Handlung her eine durchschnittliche Episode. Die Ereignisse sind leicht vorhersehbar und weisen keine wirklich großen und unerwarteten Wendungen auf. Das Konfliktpotenzial einiger Akteure, besonders in Bezug auf Dr. Greyhorse und dessen kriminelle Vergangenheit, wird meiner Meinung nach nicht ausgeschöpft. Ansonsten ist der Roman handwerklich gut gelungen und schafft es mühelos Spannung aufzubauen. Er ist aber nicht zu vergleichen mit dem ersten Serienstart der Nächsten Generation auf Farpoint Station, obwohl ich etwas in dieser Art erwartet hatte. Dennoch ist der Start durchaus gelungen, und die Möglichkeit, sich zu steigern, ist in jedem Fall gegeben.


Star Trek TNG: Tod im Winter
Film/Serien-Roman
Michael Jan Friedman
Cross Cult 2009
ISBN: 978-3941248618
318 S., Taschenbuch, deutsch
Preis: EUR 12,80

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